Warum Worte nie harmlos sind

Vojislav Miljanovic erklärt: Worte lenken Dein Denken. Manche Worte machen Angst. Er zeigt, wie Du solche Worte erkennst.

 DSC1649 (1)

© KAM3/Frank Jankowski

„Wir denken mit Sprache und einfachen Begriffen. Unsere Sprache beeinflusst unser Denken. Unser Denken beeinflusst auch unsere Sprache", sagt Vojislav Miljanovic.

Worte haben Macht.

Worte können beeinflussen, wie Du über ein Thema denkst.

Fachleute nennen das: Framing.
Framing bedeutet:
Ein Wort setzt einen bestimmten Rahmen.
Dieser Rahmen bestimmt, wie Menschen über ein Thema nachdenken.

Politik, Medien und Werbung nutzen Framing oft ganz bewusst.

Vojislav Miljanovic kennt sich mit Kommunikation aus.

Er erklärt:
Worte können informieren.
Aber Worte können auch Angst machen.
Oder Menschen beeinflussen.

„Man kann nicht nicht framen“

Was bedeutet dieser Satz?

Vojislav Miljanovic sagt:
Alle Menschen framen jeden Tag.
Denn alle Menschen benutzen Wörter.
Und jedes Wort löst bestimmte Gedanken aus.

Die wichtige Frage ist:
Benutzen wir Wörter bewusst?
Wollen wir andere Menschen beeinflussen?
Oder benutzen wir Wörter, die wir für neutral halten?

Neutral bedeutet:
Ein Wort bewertet nicht.

Ein Beispiel: „Flüchtlingswelle“

Welche Wörter aus dem Alltag sind schon geframt?

Vojislav Miljanovic nennt ein Beispiel:
Viele Menschen sagen „Flüchtlingswelle“.
Dieses Wort klingt erst einmal normal.
Aber es erzeugt ein starkes Bild im Kopf:

Eine Welle.
Ein Tsunami.
Eine Naturkatastrophe.

Das macht vielen Menschen Angst.

Dabei geht es um Menschen, die Schutz suchen.

Solche Wörter kommen oft zuerst von Gruppen am Rand der Gesellschaft.
Später benutzen auch Medien diese Wörter.
Dann übernehmen viele Menschen die Wörter, ohne darüber nachzudenken.

Framing gibt es nicht nur in der Politik.

Auch Werbung nutzt Framing.
'Zum Beispiel im Supermarkt:
Dort steht auf einer Packung vielleicht „Gourmet-Schinken“.
Oder auf Eiern steht „Bodenhaltung“.

Das klingt besser, als es vielleicht ist.

Gutes und schlechtes Framing

Gibt es auch gutes Framing?

Vojislav Miljanovic sagt:

Framing ist zuerst einmal nicht gut oder schlecht.
Es wird schlecht, wenn Menschen andere mit Sprache manipulieren.

Manipulieren bedeutet:
Jemand beeinflusst Dich heimlich oder unfair.

Gutes Framing verletzt die Würde von Menschen nicht.

Würde bedeutet:
Jeder Mensch ist wertvoll.

Schlechtes Framing gab es zum Beispiel im Nationalsozialismus.
Damals wurden ganze Gruppen von Menschen schlechtgemacht.
Sie wurden mit schlimmen Wörtern beschimpft.
So wurde Gewalt gegen sie vorbereitet.

Gutes Framing ist anders.
Gutes Framing benutzt eine sachliche und respektvolle Sprache.

Die Kirche kann dafür ein Beispiel sein.

Denn sie sagt:
Der Mensch und seine Würde stehen im Mittelpunkt.

Sprache verändert die Debatte über Migration
Früher gab es beim Thema Migration viele positive Wörter.

Zum Beispiel:

  • Schutzsuchende
  • Willkommenskultur

Heute hört man oft negative Wörter.

Zum Beispiel:

  • Asylchaos
  • Flüchtlingswelle

Was macht das mit der Gesellschaft?

Vojislav Miljanovic sagt:
Die Debatte verändert sich stark.
Wenn positive Wörter durch negative Wörter ersetzt werden, geht Mitgefühl verloren.

Dann verändern sich auch die Werte einer Gesellschaft.

Manche Wörter liegen nah beieinander.
Darum merken Menschen die Veränderung manchmal kaum.

Ein Beispiel:

  • „Asylsuchende“ klingt eher neutral.
  • „Asylanten“ klingt schon abwertender.
  • „Asyltouristen“ ist ein besonders schlechtes Framing-Wort.

Es klingt so, als würden Menschen nur zum Spaß in ein anderes Land reisen.
Und als wollten sie dort Geld vom Staat bekommen.

Das ist eine sehr abwertende Darstellung.

Vojislav Miljanovic sagt:

Wer gut über Migration sprechen will, muss Framing erkennen.

Wie Du Framing erkennen kannst

Wie merkt man, dass ein Wort Framing ist?

Vojislav Miljanovic sagt:
Das ist nicht immer leicht.

Du kannst Dich fragen:
Gibt es für diese Sache ein neutraleres Wort?

Wenn ja, kann das ein Zeichen für Framing sein.

Du solltest nicht jedes Wort einfach übernehmen.

Prüfe Wörter.

Frag Dich:
Warum benutzt jemand genau dieses Wort?

Manche Wörter nutzt man unbewusst.
Aber manchmal steckt ein politisches Ziel dahinter.

Ein Beispiel:
Die Gruppe „Letzte Generation“ hat Straßen blockiert.
Alexander Dobrindt nannte sie „Klima-RAF“.

Das ist ein sehr starkes Framing.
Denn die RAF war eine Terrorgruppe.
Die RAF hat Menschen getötet.

Friedliche Aktivistinnen und Aktivisten werden damit mit Terroristen verglichen.

Das ist nicht sachlich.

Später blockierten auch Bauern Straßen.
Aber sie wurden nicht „Bauern-RAF“ genannt.

Vojislav Miljanovic sagt:
Das zeigt:
Wörter werden manchmal gezielt eingesetzt.

Sprache und Denken beeinflussen sich

Beeinflusst Sprache unser Denken?
Oder beeinflusst unser Denken unsere Sprache?

Vojislav Miljanovic sagt:
Beides stimmt.
Wir denken mit Sprache.

Darum beeinflusst Sprache unser Denken.
Und unser Denken beeinflusst auch unsere Sprache.

Konkrete Wörter wirken besonders stark.

Konkret bedeutet:
Du kannst Dir etwas leicht vorstellen.

Donald Trump nutzt oft sehr einfache Wörter aus dem Alltag.
Viele Menschen verstehen sofort, was er meint.

Abstrakte Wörter sind schwieriger.

Abstrakt bedeutet:
Ein Wort beschreibt keine Sache, die Du direkt sehen oder anfassen kannst.

Ein Beispiel für ein abstraktes Wort ist: Gerechtigkeit.

Framing bei der ARD

Die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling hat erklärt, wie Framing funktioniert.
Sie schrieb auch ein Framing-Handbuch für die ARD.

Die ARD ist ein öffentlich-rechtlicher Sender.

Das Handbuch sollte erklären, wie die ARD über sich selbst sprechen kann.

Es gab viel Kritik daran.

Denn viele Menschen hatten Sorge: Damit soll die Meinung der Menschen beeinflusst werden.

Fusion Medical Animation Rnr8D3FNUNY Unsplash (1)

© Fusion Medical Animation

Die Corona-Pandemie nutzen Akteure aus verschiedenen politischen Richtungen, um zu framen und Verschwörungstheorien zu verbreiten.

Neue Wörter in der Kirche
Die Kirche benutzt heute auch neue Wörter.

Zum Beispiel:

  • Diversität
  • Mitbestimmung
  • Nachhaltigkeit

Diversität bedeutet:
Menschen sind verschieden.

Mitbestimmung bedeutet:
Menschen dürfen mitentscheiden.

Nachhaltigkeit bedeutet:
Menschen gehen so mit der Welt um, dass auch zukünftige Generationen gut leben können.

Verdrängen solche Wörter alte christliche Wörter?

Zum Beispiel:

  • Nächstenliebe
  • Barmherzigkeit

Vojislav Miljanovic sagt:

Nein, das muss nicht passieren.
Es ist gut, wenn die Kirche neue Wörter benutzt.

Wichtig ist:

Die Kirche muss auch leben, was diese Wörter bedeuten.
Neue Wörter heißen nicht automatisch, dass alte Glaubensinhalte verschwinden.

Problematisch sind nur Wörter, die Menschen abwerten.
Oder Wörter, die nicht zu den Werten der Kirche passen.

Alte Wörter und neue Wörter
Sprache verändert sich.
Neue Wörter kommen dazu.
Alte Wörter verschwinden manchmal.

Ist es schon Framing,
wenn Menschen ältere Wörter benutzen?

Vojislav Miljanovic sagt:
Wichtig ist die Frage:
Warum benutzt jemand dieses Wort?

Vielleicht gefällt der Person das ältere Wort besser.
Vielleicht passt es besser zu dem Gedanken.
Das ist nicht automatisch schlecht.

Aber man sollte immer genau überlegen:
Welches Wort passt zu welchem Thema?

Soziale Medien verstärken Framing

Welche Rolle spielen soziale Medien?

Vojislav Miljanovic sagt:
Soziale Medien lenken unsere Aufmerksamkeit.

Extreme Inhalte verbreiten sich dort oft besonders schnell.
Auch böse oder falsche Inhalte verbreiten sich schnell.

Ein bekannter Satz sagt sinngemäß:
Eine Lüge ist schon sehr weit gereist, bevor die Wahrheit überhaupt losgeht.

Das bedeutet:
Falsche Informationen verbreiten sich oft schneller als richtige Informationen.

Soziale Medien sind deshalb ein guter Ort für Framing.

Beispiel aus der Corona-Zeit
In der Corona-Zeit gab es viele Verschwörungs-Erzählungen.

Eine Politikerin aus den USA sagte:
Aus den Buchstaben von „Omikron“ und „Delta“ könne man „Media Control“ bilden.

Das bedeutet:
Kontrolle der Medien.

Damit wollte sie Verschwörungs-Erzählungen stärken.

Aber aus denselben Buchstaben kann man auch andere Wörter bilden.
Zum Beispiel „Erotic Almond“.

Das bedeutet:
erotische Mandel.

Das zeigt:
Solche Behauptungen können sehr willkürlich sein.

Willkürlich bedeutet:
Etwas wird ohne guten Grund behauptet.

Beispiel Ceuta und Marokko

Gibt es ein Beispiel,
bei dem eine Diskussion in sozialen Medien außer Kontrolle geraten ist?

Vojislav Miljanovic nennt Ceuta.
Ceuta ist eine spanische Stadt in Nordafrika.

Viele geflüchtete Menschen kamen dort an.

In sozialen Medien sagten manche Menschen:
Das sei ein großer Angriff auf Europa.

Vojislav Miljanovic sagt:
Solche Aussagen sind Framing.
Bestimmte Gruppen nutzen solche Ereignisse, um ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Hat Vojislav Miljanovic selbst geframt?

Am Ende wird Vojislav Miljanovic gefragt:

Haben Sie in diesem Interview geframt?

Er sagt:
Nicht bewusst.
Ich wollte niemanden gezielt von meiner Meinung überzeugen.

Aber natürlich benutze ich meine eigenen Wörter.

Und deshalb gilt:
Man kann nicht nicht framen.

Zur Person: Vojislav Miljanovic

Vojislav Miljanovic leitet die Agentur KAM3.
Er unterrichtet auch an mehreren Hochschulen.
Dort spricht er über Kommunikation und Marketing.

Marketing bedeutet:
Wie Menschen Produkte, Ideen oder Angebote bekannt machen.

Das Fundraising des Bistums Aachen lädt zu einer Online-Veranstaltung mit ihm ein.

Fundraising bedeutet:
Menschen sammeln Geld und Unterstützung für wichtige Projekte.

Die Veranstaltung ist am Donnerstag, 1. Oktober, um 10 Uhr.
Das Thema ist Framing.

Anmeldung:
bistum-aachen.de/fundraising

Lies auch diese Artikel:
  • Menschen & Geschichten

    „Mobbing hört nicht zu Hause auf“

    Bastian Bielendorfer wurde in der Schule gemobbt. Heute ist er Comedian. Er erzählt auf der Bühne von seinen Erfahrungen.

  • Glaube & Spiritualität

    „Wo die Religion fehlt, wächst oft die Angst“

    Forschende der Ruhr-Uni sagen: Glaube kann Kinder und Jugendliche stark machen. Er kann ihre Seele schützen.

  • Kirche & Gesellschaft

    »Das Wort Sabbat tut mir in den Ohren weh«

    Journalist Ronen Steinke spricht über Antisemitismus in der Sprache. Er erklärt auch: So kann man Israel kritisieren, ohne antisemitisch zu sein. Und er erzählt, wie jüdische Menschen hier leben.

  • Kirche & Gesellschaft

    »Wohin man blickt: Die Lage ist schwierig und bedrohlich«

    Dr. Hans Bellstedt hat ein Buch über Freiheit geschrieben. Er erklärt, was unsere Gesellschaft zusammenhält und wie unsere Demokratie stark bleibt.