»Das Wort Sabbat tut mir in den Ohren weh«
Journalist Ronen Steinke spricht über Antisemitismus in der Sprache. Er erklärt auch: So kann man Israel kritisieren, ohne antisemitisch zu sein. Und er erzählt, wie jüdische Menschen hier leben.

© Hannes Leiblein
Dr. Ronen Steinke schreibt für die Süddeutsche Zeitung.
Er schreibt auch Bücher.
Und er unterrichtet an der Universität Frankfurt.
Von Gerd Felder
Dr. Ronen Steinke beschäftigt sich mit Antisemitismus in der Sprache.
Antisemitismus bedeutet:
Jüdinnen und Juden werden abgewertet, beleidigt oder bedroht.
Oft passiert das auch durch bestimmte Wörter.
Gerd Felder hat mit Ronen Steinke gesprochen.
Es geht um diese Fragen:
Welche Wörter sind problematisch?
Welche Wörter sollte man besser nicht benutzen?
Wie erleben Jüdinnen und Juden Antisemitismus in Deutschland?
Frage: Ronen, du beschäftigst dich mit Antisemitismus in der Sprache. Kann man Wörter wie „Mischpoke“, „mauscheln“ oder „schachern“ noch benutzen?
Ronen Steinke:
In der deutschen Sprache gibt es viele Wörter aus dem Jiddischen.
Jiddisch ist eine Sprache von vielen jüdischen Menschen.
Das ist erst einmal gut.
Denn Wörter aus anderen Sprachen machen eine Sprache reicher.
Aber manche Wörter haben im Deutschen eine andere Bedeutung bekommen.
Sie klingen heute schlecht oder abwertend.
Ein Beispiel ist „Mischpoke“.
Auf Jiddisch bedeutet das Wort einfach Familie.
Es ist nicht positiv und nicht negativ.
Im Deutschen klingt „Mischpoke“ aber oft abwertend.
Es meint dann zum Beispiel:
eine verdächtige Gruppe oder eine schlechte Familie.
Darum sollte man dieses Wort besser nicht benutzen.
Auch „mauscheln“ ist problematisch.
Das Wort kommt von „Mauschel“.
Das war früher ein Spottname für Juden.
„Mauscheln“ bedeutete zuerst:
reden wie ein Jude.
Später bedeutete es:
betrügen oder heimlich schlechte Dinge tun.
Darum benutze ich dieses Wort nicht mehr.
Auch „schachern“ ist problematisch.
Im Jiddischen bedeutet „sachern“ einfach:
Handel treiben.
Im Deutschen wurde daraus ein negatives Wort.
Es bedeutet dann:
auf schlechte Weise Geschäfte machen.
Frage: Gibt es auch Wörter aus dem Jiddischen, die man benutzen kann?
Ronen Steinke:
Ja.
Zum Beispiel „meschugge“.
Das bedeutet: verrückt oder nicht ganz bei Verstand.
Auch „Masel tov“ kann man sagen.
Das bedeutet: Glückwunsch.
Mein liebstes jiddisches Wort ist „Schlamassel“.
Das bedeutet: Pech oder Missgeschick.
Diese Wörter haben ihre ursprüngliche Bedeutung behalten.
Darum kann man sie benutzen.
Frage: Warum ist es schlimm, wenn wir solche Wörter unbewusst benutzen?
Ronen Steinke:
Unsere Sprache beeinflusst unser Denken.
Sprache beeinflusst auch, wie wir andere Menschen sehen.
Wenn jüdische Wörter im Deutschen schlecht gemacht werden,
wertet das Jüdinnen und Juden ab.
Das zeigt:
Es gibt eine lange Geschichte von Ablehnung gegen jüdische Menschen.
In der deutschen Sprache gibt es viele antisemitische Spuren.
Darauf achten wir noch zu wenig.
Man sollte zum Beispiel nicht sagen:
„Judenfriedhof“
„Judenschule“
„Judenmusik“
„Judenliteratur“
Diese Wörter wurden besonders durch die Nazis bekannt.
Heute sind sie verletzend und gefährlich.
Man sagt ja auch nicht:
„Katholikenfriedhof“.
Frage: Was hältst du von Wörtern wie „Sabbat“ und „Passah“?
Ronen Steinke:
Das Wort „Sabbat“ klingt für mich falsch.
Das richtige hebräische Wort heißt „Schabbat“.
Auch Deutsche können „Schabbat“ gut aussprechen.
Viele Menschen in der Kirche wissen das auch.
Trotzdem sagen manche Menschen unbedingt „Sabbat“.
Sie tun dann so, als wüssten sie es besser.
Das sollte man lassen.
Besser ist:
Schabbat.
Ähnlich ist es mit „Passah“ oder „Pascha“.
Der richtige hebräische Begriff ist:
Pessach.
Wenn ich „Pessach“ sage, zeige ich Respekt vor dem Judentum.

© Hannes Leiblein
Steinke studierte Rechtswissenschaft an der Bucerius Law School in Hamburg.
Frage: Was hältst du von den Wörtern „alttestamentarisch“ und „alttestamentlich“?
Ronen Steinke:
Aus christlicher Sicht kann man diese Wörter verstehen.
Sie bedeuten:
Das Judentum ist älter.
Das Christentum kommt danach.
Aber dadurch wirkt es manchmal so,
als sei das Christentum besser oder weiter entwickelt.
In neutralen Bereichen sollte man diese Wörter besser nicht benutzen.
Zum Beispiel in der Wissenschaft.
Besser ist:
hebräische Bibel.
Das sagen auch einige christliche Theologinnen und Theologen.
Frage: Ist „Antisemitismus“ das richtige Wort? Oder sollte man besser „Judenhass“ sagen?
Ronen Steinke:
Das Wort „Antisemitismus“ gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert.
Zuerst haben Menschen dieses Wort benutzt,
die selbst Juden ablehnten.
Sie sagten:
Wir lehnen Juden nicht wegen ihrer Religion ab.
Wir sehen Juden als Volk oder als Rasse.
Das war rassistisches Denken.
Das Wort „Antisemitismus“ klingt vielleicht wie ein Fachwort.
Es klingt vielleicht neutral oder vornehm.
Aber es ist nicht harmlos.
Es steht für Vorurteile, Misstrauen und Hass gegen Jüdinnen und Juden.
Heute benutzen wir das Wort kritisch.
Wir untersuchen damit Judenfeindlichkeit.
Frage: Es gibt Streit über verschiedene Definitionen von Antisemitismus. Dabei geht es auch um Kritik an Israel. Wie siehst du das?
Ronen Steinke:
Ich sehe diesen Streit eher gelassen.
Die wichtige Frage ist:
Wie viel Kritik an Israel ist erlaubt?
Es gibt verschiedene Erklärungen dazu.
Eine heißt Jerusalemer Erklärung.
Eine andere kommt von der International Holocaust Remembrance Alliance.
Die Abkürzung ist IHRA.
Die Jerusalemer Erklärung erlaubt mehr Kritik an Israel.
Beide Erklärungen wurden mit guter Absicht geschrieben.
Aber beide sind auch ziemlich allgemein.
Sie sind nicht perfekt.
Für mich ist die Jerusalemer Erklärung in Ordnung.
Frage: Darf man als Deutscher und als Nicht-Jude die Regierung von Israel kritisieren?
Ronen Steinke:
Ja.
Man darf die Regierung von Israel kritisieren.
Aber man darf dabei keine antisemitischen Vorurteile benutzen.
Man darf zum Beispiel nicht sagen:
Israel will die ganze Welt beherrschen.
Oder: Israel steuert die USA.
Solche Aussagen sind antisemitisch.
Auch die deutsche Bundesregierung darf Israel kritisieren.
Wegen des Krieges in Gaza muss sie das sogar tun.
Viele unschuldige Menschen in Gaza sterben.
Da ist es verständlich, wenn Menschen wütend und erschrocken sind.
Proteste finde ich gut.
Aber manche Dinge gehen gar nicht.
In Berlin wurde eine Jüdin sexistisch beleidigt.
Der Grund war:
Sie trug eine Kette mit einem Davidstern.
Manche Menschen gaben ihr die Schuld für die Politik der israelischen Regierung.
Das ist falsch.
Jüdinnen und Juden in Deutschland sind nicht verantwortlich für die Politik der Regierung von Israel.
Frage: Du bist Mitglied der jüdischen Gemeinde in Berlin. Trägst du im Alltag eine Kippa?
Ronen Steinke:
Nur wenige Menschen in der jüdischen Gemeinde Berlin tragen im Alltag eine Kippa.
Ich trage im Alltag keine Kippa.
Mit meiner Mutter spreche ich am Telefon Hebräisch.
In der Öffentlichkeit vermeide ich das aber oft.
Das ist schlimm.
Man muss vorsichtig sein.
Aber ich will nicht weggehen.
Wir dürfen den Hassenden keinen Sieg geben.
Frage: In Deutschland gibt es viele antisemitische Vorurteile. Welchen Antisemitismus findest du am gefährlichsten?
Ronen Steinke:
Man sollte die verschiedenen Formen von Antisemitismus nicht gegeneinander aufrechnen.
Aber Antisemitismus von rechts finde ich am gefährlichsten.
Es ist erschreckend, dass Antisemitismus wieder stärker wird.
Trotzdem dürfen wir nicht mutlos werden.
Wir dürfen nicht aufgeben.
Es gibt noch viel zu tun.
Zur Person
Ronen Steinke hat in Jura promoviert.
Das bedeutet:
Er hat eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben und den Doktor-Titel bekommen.
Er unterrichtet auch an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Sein Hauptberuf ist Journalist.
Er arbeitet als Leitender Redakteur im Bereich Politik bei der Süddeutschen Zeitung.
Für seine Artikel und Bücher hat er mehrere Preise bekommen.
Dazu gehören:
- der Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus
- der Wächterpreis der deutschen Tagespresse
In seiner Doktorarbeit beschäftigte sich Ronen Steinke mit Recht und Politik.
Es ging um internationale Strafgerichte.
Dieses Thema ist ihm bis heute wichtig.
Hinweis:
Dieser Text in Einfacher Sprache wurde mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt.
Er dient nur zur Information.
Er ist rechtlich nicht bindend.
Gültig ist nur das Original im Alltagssprach-Deutsch.



