»Es ist sehr wichtig, die Demokratie zu stärken.«

Der Theologe Thomas Söding erklärt: Das Neue Testament hat viel mit Politik zu tun. Mehr, als viele Menschen denken. Die Kirche muss den Rechtsstaat stärken. Sie muss Freiheit und Demokratie stärken.

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© ZdK/Peter Bongard

Thomas Söding fragt: Wie kann die Kirche Demokratie und Freiheit stärken?

Von Gerd Felder

Dr. Thomas Söding ist Theologe.
Ein Theologe beschäftigt sich mit dem Glauben an Gott.
Thomas Söding hat ein neues Buch geschrieben.

Das Buch heißt: „Gottesreich und Menschenmacht“.

In dem Buch geht es um diese Fragen:

  • Gibt es im Neuen Testament Regeln für Politik?
  • Was sagt Jesus über Macht?
  • Und was bedeutet das für uns heute?

Thomas Söding hat sein Buch im Katechetischen Institut Aachen vorgestellt.

Jesus und Politik

In Ihrem Buch steht: Jesus hat Religion und Politik klarer getrennt. Was bedeutet das?

Thomas Söding sagt:

Früher gehörten Religion und Politik oft eng zusammen.
Viele Menschen dachten:
Die Götter helfen einem Volk.
Dafür muss ein Herrscher den Göttern Opfer bringen.

Viele Herrscher wollten zeigen:
Ich habe eine besondere Nähe zu den Göttern.

Religion war deshalb ein Teil von Politik.

Jesus sagt etwas anderes.
Jesus sagt:
Gott sammelt sein Volk.

Aber Jesus gründet keinen Gottesstaat.
Das war damals neu.
Und es war für viele Menschen unbequem.

„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört“

Jesus sagt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Was bedeutet dieser Satz?

Thomas Söding sagt:
Dieser Satz ist sehr wichtig.
Viele Menschen verstehen ihn falsch.

Jesus sagt nicht einfach:
Religion und Politik haben nichts miteinander zu tun.
Denn für Jesus gehört alles Gott.
Auch der Kaiser gehört Gott.

Aber es gibt Dinge, die Menschen dem Kaiser geben sollen.
Zum Beispiel Steuern.

Der Kaiser war damals der mächtigste Mann der Welt.

Er wollte:
Der Staat soll funktionieren.
Dafür brauchte er Steuern.

Jesus sagt also:
Politik hat einen eigenen Bereich.
Das muss man anerkennen.

Religion und Politik in der Geschichte

Es gab später viele Ideen über Religion und Politik. Wie beurteilt Thomas Söding diese Ideen?

Thomas Söding sagt:

Martin Luther hatte eine Idee.
Sie heißt Zwei-Reiche-Lehre.
Sie unterscheidet zwischen Religion und Politik.

Das ist gut.
Denn Religion und Politik sind nicht dasselbe.

Aber Politik muss trotzdem Verantwortung vor Gott übernehmen.

Später gab es die Politische Theologie.
Wichtige Theologen waren Johann Baptist Metz und Jürgen Moltmann.
Sie haben die Gesellschaft in Deutschland kritisiert.

Sie sagten:
Viele Menschen sind zu zufrieden.
Sie sehen Ungerechtigkeit nicht genug.

Das war wichtig.
Aber diese Theologie hat zu wenig erklärt:

Politik hat auch eigene Regeln.
Es gibt auch die Theologie der Befreiung.

Sie sagt:
Christen sollen gegen ungerechte Herrschaft kämpfen.

Das ist wichtig.

Denn Widerstand kann nötig sein.
Aber manche Erklärungen dieser Theologie waren zu einfach.

Zum Beispiel beim Thema Macht.

Gibt es politische Regeln im Neuen Testament?

Gibt es im Neuen Testament eine politische Ethik?

Politische Ethik bedeutet:
Regeln für gutes politisches Handeln.

Thomas Söding sagt:
Im Neuen Testament gibt es kein fertiges Lehrbuch für Politik.

Aber es gibt wichtige Gedanken.

In den ersten drei Evangelien steht die Botschaft von Jesus im Mittelpunkt:
Das Reich Gottes kommt.

Im Johannes-Evangelium sagt Jesus vor Pilatus:
Ich bin ein König.
Aber mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Das bedeutet:
Das Reich Gottes ist kein Staat wie das Römische Reich.

Es ist kein Reich mit Soldaten und Gewalt.

Das Reich Gottes wird nur dann zum Problem für die Politik,
wenn ein Herrscher selbst Gott sein will.

In der Apostelgeschichte sagt Petrus:
„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Dieser Satz war sehr wichtig.

Paulus und der erste Petrusbrief sagen:
Man soll politische Macht anerkennen.
Aber Macht muss dem Recht dienen.

Die Offenbarung des Johannes kritisiert Politik sehr stark.
Vor allem dann, wenn Politik so tut, als wäre sie göttlich.

Thomas Söding sagt deshalb:
Es gibt im Neuen Testament einen roten Faden.

Das bedeutet:
Es gibt eine klare Richtung.

Politik muss dem Recht dienen.
Und Menschen dürfen keinen Herrscher wie Gott behandeln.

Warum wurde Jesus getötet?

Jesus wurde als „König der Juden“ verurteilt und getötet. War das ein falsches Urteil?

Thomas Söding sagt:
Jesus spricht vom Reich Gottes.

Das war ein schwieriges Thema.
Seine Gegner machten daraus ein politisches Problem.

Sie sagten:
Jesus ist ein Aufständischer.
Ein Aufständischer kämpft gegen den Staat.

Aber Jesus war kein Aufständischer.
Er wollte keine politische Revolution mit Gewalt.

Seine Botschaft war anders.

Trotzdem wurde er verurteilt.
Für die Römer war das der einfachere Weg.

Thomas Söding sagt:
Die Kreuzigung war ein Mord durch ein Gericht.

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© ZdK / Peter Bogard

„Es gibt einen roten Faden im Neuen Testament, was politische Ethik angeht. Die Offenbarung des Johannes übt fundamentale Kritik an der Politik, die sich selbst Göttlichkeit zumisst", sagt Thomas Söding

Feindesliebe heute

Was bedeutet das Gebot der Feindesliebe heute?

Thomas Söding sagt:
Jesus spricht in der Bergpredigt über Feindesliebe.

Feindesliebe bedeutet: Du sollst Menschen nicht hassen, auch wenn sie Dir Böses tun.

Jesus spricht zu Menschen, die unter ungerechter Politik leiden.
Er sieht sie aber nicht nur als Opfer.
Er macht ihnen Mut.

Sie können selbst handeln.
Sie können neue Wege zur Freiheit finden.
Niemand muss auf Hass mit Hass antworten.

Gott liebt auch seine Feinde.

Darum sollen Menschen versuchen, Feindschaft zu überwinden.

Viele Menschen sind religiös.
Trotzdem hassen sie ihre Feinde.
Dann denken sie zu klein von Gott.

Manche sagen:
Feindesliebe ist falsch.
Dann macht man Gut und Böse gleich.

Thomas Söding sagt:
Das stimmt nicht.

Feindesliebe bedeutet nicht: Alles ist gleich.

Feindesliebe bedeutet: Das Böse soll durch Gutes besiegt werden.

Das hat auch Paulus gesagt.

Feindesliebe und Gewalt

Heute lehnen manche Menschen Feindesliebe ab. Warum?

Thomas Söding sagt:

Jesus sagt: Betet für die Menschen, die euch verfolgen.

Heute gibt es aber wieder christliche Gebete für Krieg.
Ein Beispiel ist der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill.

Auch bei der Amtseinführung von Donald Trump spielte Religion eine große Rolle.

Thomas Söding sagt:
Das passte nicht zur Feindesliebe.
Feindesliebe ist ein ungewöhnlicher Weg.
Sie kann Gewalt stoppen.

Dann bekommt ein Täter eine Chance.
Er kann aus dem Kreislauf der Gewalt aussteigen.

Aber es gibt keine Garantie.

Feindesliebe funktioniert nicht immer sofort.

Jesus selbst hat Feindesliebe gelebt.

Er hat Menschen widersprochen, die Gewalt wollten.
Das hat ihn das Leben gekostet.

Thomas Söding sagt:
Ohne Auferstehung gibt es keine Feindesliebe.

Das bedeutet:
Der Glaube an die Auferstehung macht Feindesliebe möglich.

War die Bergpredigt politisch?

War die Bergpredigt von Jesus eine politische Rede?

Thomas Söding sagt:

Die Bergpredigt ist politisch wichtig.
Politik kann viel von ihr lernen.

Jesus spricht in der Bergpredigt zu seinen Jüngern.
Andere Menschen hören zu.

Sie können verstehen, was Jesus seinen Jüngern sagt.

Jesus bereitet seine Jünger auf ihre Aufgabe vor.

Viele Sätze aus der Bergpredigt sind wichtig für Politik.

Aber Jesus spricht nicht wie ein Regierungschef.
Es geht zuerst um persönliche Nachfolge.

Das bedeutet: Menschen sollen Jesus in ihrem Leben folgen.

Daraus kann man auch etwas für Politik lernen.

Thomas Söding sagt auch:

Notwehr ist erlaubt.

Notwehr bedeutet: Du darfst Dich verteidigen, wenn Du angegriffen wirst.

Aber Notwehr kann einen hohen Preis haben.
Auch militärische Hilfe für ein angegriffenes Land kann erlaubt und nötig sein.

Nächstenliebe

Was bedeutet Nächstenliebe im Neuen Testament?

Thomas Söding sagt:

Nächstenliebe stellt persönliche Fragen:

  • Wen lässt Du nah an Dich heran?
  • Wen schließt Du aus?

Jesus sagt:
Es ist falsch, Menschen auszuschließen.

Zum Beispiel, weil sie anders glauben.
Oder weil sie anders aussehen.

Wer Dir begegnet, ist Dein Nächster.

Es ist egal, woher ein Mensch kommt.

Auch Dein Feind kann Dein Nächster sein.
Du sollst ihn als Kind Gottes sehen.

Diese Idee gibt es schon im Alten Testament.

Jesus sagt sie aber besonders klar.

Dazu gab es einen Streit in den USA.

US-Vizepräsident JD Vance sagte:

Man kann sich nicht um alle Menschen gleichzeitig kümmern.

Papst Leo XIV. sah das anders.

Wohlstand und Wirtschaft

Wie soll man nach dem Neuen Testament mit Wohlstand umgehen?

Thomas Söding sagt:
Menschen sollen verantwortungsvoll mit Wohlstand umgehen.
Das Christentum ist keine Religion des Reichtums.

Jesus hat nicht über die Weltwirtschaft gesprochen.
Aber es gibt christliche Ideen für die Wirtschaft.

Zum Beispiel:
Menschen sollen nicht gierig sein.

Der Werbespruch „Geiz ist geil“ passt nicht dazu.

Menschen sollen sparsam mit Rohstoffen umgehen.
Fairer Handel ist wichtig.

Fairer Handel bedeutet:
Menschen bekommen gerechten Lohn.
Und Produkte werden nicht auf Kosten armer Menschen hergestellt.

Thomas Söding sagt:
Manche Tech-Milliardäre wollen sehr viel Macht für wenige Menschen.
Das passt nicht zum Neuen Testament.

Aber man darf Unternehmen nicht grundsätzlich schlechtmachen.

  • Wir brauchen gute Ideen.
  • Wir brauchen Projekte.
  • Wir brauchen Menschen, die gute Arbeit schaffen.

Wichtig ist:
Geld soll ethisch eingesetzt werden.
Und arme Menschen dürfen nicht vergessen werden.

Umwelt und Nachhaltigkeit

Welche Rolle spielen Umwelt und Nachhaltigkeit?

Thomas Söding sagt:
Auch in der Antike gab es Umweltprobleme.
Es gab Dürren.
Es gab Naturkatastrophen.

Die Römer haben viele Wälder abgeholzt.
Das war ein großes Problem.

Der Glaube sagt:
Die Welt ist Gottes Schöpfung.
Darum müssen Menschen gut mit der Natur umgehen.

Heute achten viele Menschen mehr auf Umwelt und Klima.
Daraus kann ein Bündnis der Weltreligionen entstehen.

Das bedeutet:
Verschiedene Religionen können zusammenarbeiten.

Eine wichtige Frage ist:
Wie sehen wir den Menschen?
Ist der Mensch von der Natur getrennt?
Oder ist der Mensch ein Teil der Schöpfung?

Thomas Söding sagt:
Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes.
Er ist mit anderen Geschöpfen verbunden.

Papst Franziskus hat dazu wichtige Texte geschrieben.

Sie heißen: „Laudato si“ und „Fratelli tutti“.

Recht und Gerechtigkeit

Was sagt das Neue Testament über Recht und Gerechtigkeit?

Thomas Söding sagt:
Recht und Gerechtigkeit sind im Neuen Testament sehr wichtig.
Recht muss der Gerechtigkeit dienen.

Das bedeutet:
Gesetze sollen Menschen schützen.
Vor allem schwache Menschen.

Jesus erzählt dazu eine Geschichte.
Es ist die Geschichte von einer Witwe und einem ungerechten Richter.
Eine Witwe war damals oft besonders schutzlos.

Die Geschichte zeigt:
Recht darf nicht nur den Mächtigen helfen.
Recht muss auch die Schwachen schützen.

Demokratie stärken

Was bedeutet das für unsere Demokratie?

Thomas Söding sagt:
Heute ist Demokratie die wichtigste Regierungsform.

Demokratie bedeutet:
Alle Menschen können mitbestimmen.
Zum Beispiel bei Wahlen.

Demokratie braucht Gerechtigkeit.
Und Demokratie braucht geteilte Verantwortung.

Das heißt:
Viele Menschen übernehmen Verantwortung.
Nicht nur eine einzelne Person.

Autokratie ist das Gegenteil.
In einer Autokratie bestimmt eine Person oder eine kleine Gruppe fast alles allein.

Thomas Söding sagt:
Autokratie führt meistens zu Chaos.
Für ihn ist deshalb eine wichtige Frage:

Wie kann die Kirche Demokratie stärken?
Wie kann die Kirche den Rechtsstaat stärken?

Rechtsstaat bedeutet:
Auch der Staat muss sich an Gesetze halten.

Alle Menschen haben Rechte.
Gerichte müssen unabhängig sein.

Wie kann die Kirche Freiheit stärken?

Thomas Söding sagt:
Das ist heute eine sehr wichtige Aufgabe der Kirche.

Die Kirche hat viele Mitglieder verloren.
Trotzdem ist sie noch stark.

Viele Menschen wünschen sich:
Die Kirche soll sich für Demokratie einsetzen.

Auch in demokratischen Parteien.

Christen sollen ihre Kraft sammeln.
Sie sollen über Ethik nachdenken.

Ethik bedeutet:

  • Was ist richtig?
  • Was ist gerecht?
  • Was hilft Menschen?

Christen können gute Beiträge für die Politik leisten.

Zum Beispiel bei diesen Themen:

  • Migration
  • soziale Marktwirtschaft
  • Europa
  • weltweite Solidarität

Thomas Söding sagt:

Es ist sehr wichtig, die Demokratie zu stärken.

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