»Stützen der Demokratie ist entscheidende Aufgabe«
Theologe Thomas Söding erklärt, warum das Neue Testament politischer ist, als viele denken – und weshalb die Kirche heute Rechtsstaat, Freiheit und Demokratie stärken muss.

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Fragt, wie weit die Kirche Demokratie und Freiheit stützen kann: Thomas Söding.
Von Gerd Felder
Dr. Thomas Söding hat sein jüngstes Buch dem Thema „Gottesreich und Menschenmacht“ gewidmet. In dem umfangreichen Werk, das er im Katechetischen Institut Aachen vorgestellt hat, geht er der Frage nach, inwieweit es eine politische Ethik des Neuen Testaments gibt, leitet daraus Konsequenzen für die Gegenwart ab.
Sie stellen in Ihrem Buch die These auf, dass Religion und Politik durch die Reich-Gottes-Verkündigung Jesu differenziert wurden. Was verstehen Sie darunter?
Thomas Söding: In der Antike wurden Religion und Politik vielfach als Symbiose dargestellt. Die Götter kümmern sich um das Schicksal eines Volkes, wenn sie durch die Opfer eines Herrschers gnädig gestimmt werden, der sich seinerseits wieder im Glanz des Göttlichen sonnt. Religion ist ein öffentlicher Akt, ist Politik. Dagegen kommt durch die Reich-Gottes-Verkündigung Jesu das Konzept auf, dass das Volk Gottes gesammelt, aber kein Gottesstaat gegründet wird. Es wird etwas qualitativ Neues entwickelt, das im Laufe der Jahrhunderte auch immer ein Stachel im Fleisch blieb.
Der berühmte Ausspruch Jesu zu diesem Thema lautet „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“. Was folgt daraus für seine Sicht auf die Politik?
Söding: Dieser Ausspruch ist tatsächlich der Konstruktionspunkt der politischen Botschaft Jesu und hat die Reich-Gottes-Botschaft als Referenz. Jesus fordert hier keine schiedlich-friedliche Trennung von Religion und Politik, wie der Satz oft falsch interpretiert worden ist. Gott gehört nämlich alles, auch der Kaiser. In dem, was Gott zu geben ist, gibt es aber einen Bereich, der dem Kaiser zu geben ist, und das ist die Steuer. Als mächtigster Mann der damaligen Welt macht er den Anspruch geltend, dass das System funktioniert. Steuergeld ist nun einmal das Schmiermittel der Politik. Die Konsequenz Jesu: die Autonomie des Politischen anzuerkennen.
Es hat in der Geschichte verschiedene Ansätze gegeben, Religion und Politik zusammenzudenken. Wie beurteilen Sie die Zwei-Reiche-Lehre Martin Luthers, die Politische Theologie und die Theologie der Befreiung?
Söding: Luthers Zwei-Reiche-Lehre ist der Versuch, die Autonomie des Politischen zu denken. Sie hat Stärken und Schwächen. Ihr großer Vorteil ist ihre Differenzierungsleistung, aber die Verantwortung des Politischen vor Gott muss positiv qualifiziert werden. Die „neue Politische Theologie“ von Johann Baptist Metz und Jürgen Moltmann wollte zu ihrer Zeit die saturierte Bürgerlichkeit der Bundesrepublik angreifen, hat aber keine Autonomie des Politischen entwickelt. Die Theologie der Befreiung stellt gegen die Überhöhung der Unrechtsherrschaft religiös motivierten Widerstand. Dieses Evangelium der Befreiung zu verkünden, ist richtig, der Widerstand tut gut. Aber die neomarxistische Macht-Analyse war unterkomplex.
Aber gibt es das überhaupt – eine politische Ethik des Neuen Testaments?
Söding: Nicht als ausgearbeitetes Konzept oder systematisches Traktat, denn das Neue Testament hat ja viele literarische Formen. Aber in allen synoptischen Evangelien haben wir Jesu Botschaft vom Reich Gottes als Konstruktionspunkt. Im Johannes-Evangelium betont Jesus im Prozess vor Pilatus, dass er ein König, sein Reich aber nicht von dieser Welt sei. Das Königreich Gottes steht also nicht im Widerspruch zum Kaisertum – nur, wenn der Kaiser selbst Gott sein will. In der Apostelgeschichte gibt es die markante Formulierung von Petrus: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, die eine große Wirkungsgeschichte gehabt hat. Bei Paulus und auch im ersten Petrusbrief soll man die politische Autorität anerkennen – die aber dem Recht verpflichtet sein soll. Die Offenbarung des Johannes schließlich übt fundamentale Kritik an der Politik, die sich selbst Göttlichkeit zumisst. Es gibt also eine große Linie, einen roten Faden im Neuen Testament, was die politische Ethik angeht.
Jesus wird als „König der Juden“ verurteilt und hingerichtet. Geschah das völlig zu Unrecht, war das also ein Fehlurteil?
Söding: Jesus nimmt das Sensible auf, was mit dem Königreich Gottes verbunden ist. Sein genuin religiöser Ansatz wird von den Anklägern politisiert, er steht vor Gericht als jüdischer Aufständischer, der er nicht war. Seine „Revolution“, wenn man sie überhaupt so nennen will, hatte eine ganz andere Dimension. Der Vorwurf gegen ihn war sehr gezielt und für die Römer das kleinere Übel. Die Kreuzigung aber war ein Justizmord.
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„Es gibt einen roten Faden im Neuen Testament, was politische Ethik angeht. Die Offenbarung des Johannes übt fundamentale Kritik an der Politik, die sich selbst Göttlichkeit zumisst", sagt Thomas Söding
Sie haben in Ihrem Buch politische Handlungsfelder in neutestamentlicher Perspektive beleuchtet. Wie steht es um das heute hochaktuelle Gebot der Feindesliebe?
Söding: Jesus spricht mit seinem Gebot der Feindesliebe in der Bergpredigt die an, die unter ungerechter Politik leiden. Er legt sie aber nicht auf eine Opferrolle fest, sondern inspiriert sie zu einem Handeln, das Freiheitsräume schafft. Kein Mensch ist gezwungen, auf Feindschaft mit Feindschaft zu reagieren, denn Gott liebt seine Feinde. Man kann und muss sich selbst investieren, um Feindschaft zu überwinden. Den Feind hassen oft die, die selbst tief religiös sind. Das ist zu eng von Gott gedacht. Ein weitverbreitetes Gegenargument gegen die Feindesliebe lautet, durch sie würden Gut und Böse gleichgestellt. Es gilt aber, das Böse durch Gutes zu besiegen. So hat es Paulus ausgedrückt.
Die Feindesliebe wird heutzutage aber teilweise auf den Kopf gestellt und vehement abgelehnt …
Söding: Statt für die zu beten, die einen verfolgen, gibt es heutzutage wieder christliche Kriegsgebete wie beim russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill. Die Amtseinführung von Donald Trump war eine Inszenierung von Religion im politischen Raum, die gegen das Gebot der Feindesliebe gerichtet war. Klar ist Feindesliebe eine paradoxe Intervention: Die Gewalt wird durch sie ausgehebelt, was dem Gewalttäter die Chance gibt, aus dem Teufelskreis auszusteigen. Dabei gibt es allerdings keine Erfolgsgarantie. Jeus selbst hat das Gebot der Feindesliebe angewandt und denen, die Gewalt verkündet haben, widerstanden. Das hat ihn das Leben gekostet. Ohne Auferstehung gibt es keine Feindesliebe.
Apropos: War die Bergpredigt Jesu – bei Matthäus die Feldrede – eine politische Rede?
Söding: Die Bergpredigt ist politisch sensibel, und die Politik sollte sich an ihr orientieren. Jesus redet die Jünger in der Bergpredigt so an, dass das Volk versteht, was er den Jüngern sagt. Die Jünger werden auf ihre Aufgabe hin ausgerichtet, und dabei ist alles politisch relevant, aber es handelt sich um keine Regierungserklärung Jesu. Vielmehr wird die persönliche Nachfolge in der Bergpredigt angesprochen – und kann ins Politische übersetzt werden. Notwehr ist immer erlaubt, kann aber einen hohen Preis kosten. Die militärische Unterstützung eines angegriffenen Landes ist erlaubt und notwendig.
Was ist Nächstenliebe nach der Auffassung des Neuen Testaments, und wie weit reicht sie beziehungsweise wie politisch ist sie?
Söding: Die Nächstenliebe ist eine stark personale Ethik auf Sichtweite: Wen lässt du in deine Nähe, und wen sperrst du aus? Diejenigen, die anders glauben oder aussehen, auszuschließen, ist nach Jesus falsch. Der, der dir begegnet, ist, egal, wo er herkommt, dein Nächster, und das kann auch dein Feind sein. Du bist nicht davon dispensiert, ihn zu lieben und als Kind Gottes zu sehen. Das ist im Alten Testament schon angelegt, wird aber von Jesus mit besonderer Prägnanz vorgetragen. Ganz aktuell hat es einen Meinungsstreit zwischen US-Vizepräsident JD Vance und Papst Leo XIV. gegeben, weil Vance argumentiert hat, man könne sich nicht um alle gleichzeitig kümmern.
Wie soll man nach dem Neuen Testament mit dem Wohlstand umgehen? Lässt sich davon etwas für die heutige Wirtschaftspolitik ableiten?
Söding: Man soll mit dem Wohlstand verantwortungsvoll umgehen; das Christentum ist keine Wohlstandsreligion. Jesus hat sich nicht mit der Weltwirtschaft beschäftigt, aber in der Ökonomie gibt es ethische Ansätze, die vom Werbeslogan „Geiz ist geil“ verunglimpft werden. Man soll sparsam beim Verbrauch von Ressourcen sein, und das Leitbild sollte der faire Handel sein. Das Vorgehen der Tech-Milliardäre, die in den USA eine Oligarchie errichten wollen, ist jedenfalls nicht im Sinne des Neuen Testaments. Man darf allerdings nicht pauschal Unternehmen schlecht reden, wir brauchen Ideen, Projekte, Initiativen, die Produktivität und Dienstleistung fördern. Es kommt darauf an, ethisch zu investieren und die Armen zu berücksichtigen.
Welche Rolle spielen dabei solche heute wichtigen Faktoren wie die Umwelt und die Nachhaltigkeit?
Söding: Auch in der Antike gab es Dürren und Umweltkatastrophen, und die Entwaldung, für die die Römer verantwortlich waren, war ein großes Thema. Die ökologische Frage gewinnt durch die Schöpfungstheologie an Kraft. Die Aufmerksamkeit für Natur, Umwelt und Klima wächst, und es kann eine Koalition der Weltreligionen entstehen. Die Kernfrage ist stets, wie ich den Menschen sehe, ob ich ihn aus der Natur herauslöse und ihn als ihr Gegenüber betrachte oder als Geschöpf, das mit anderen Geschöpfen verbunden ist und dem Schöpfer gegenübersteht. Papst Franziskus hat in dieser Hinsicht mit seinen Enzykliken „Laudato si“ und „Fratelli tutti“ Bahnbrechendes geleistet.
Wie sieht das Neue Testament Recht und Gerechtigkeit, und was folgt daraus für unsere Demokratie?
Söding: Recht und Gerechtigkeit sind im Neuen Testament stark angelegt. Das Recht muss im Dienst der Gerechtigkeit stehen und dem Schutz der Schwachen Platz einräumen, wie etwa das Gleichnis von der Witwe und dem ungerechten Richter vor Augen führt. Die einzig interessante Herrschaftsform heute ist die Demokratie mit der Gerechtigkeit als Leitmotiv und der verteilten Verantwortung. Autokratie bedeutet meist Chaos. Für mich ist die große Frage, wie weit die Kirche Demokratie, Rechtsstaat und Freiheit stützen kann. Das ist ihre entscheidende Aufgabe heute als eine Organisation, die trotz der vielen Austritte noch sehr stark ist. Es gibt einen Schrei nach ihrem Engagement bei den demokratischen Parteien. Man muss die Motivationskraft im Christentum bündeln und voranbringen und Beiträge aus einer ethischen Reflexion heraus formulieren, wie die Politik bei Migration, sozialer Marktwirtschaft, europäischer Einigung und weltweiter Solidarität aufgestellt sein sollte.