"Man kann vor der Wahrheit nicht davonlaufen"
„Mein Großvater hätte mich erschossen“: Jennifer Teege ist die Enkelin von Nazi-Verbrecher Amon Göth. Sie sorgt sich: Populisten werden überall stärker.

© AP Photo / Dan Balilty
„Es reicht nicht, nur über die Vergangenheit zu sprechen. Die Politik rückt nach rechts. Das sieht man nicht nur in Deutschland. Das sieht man auf der ganzen Welt. Populisten und Rechtspopulisten werden überall stärker“, sagt Jennifer Teege.
Von Stephan Johnen
Viele Menschen in Deutschland kennen Amon Göth aus dem Film „Schindlers Liste“. In dem Film ist Göth der grausame Leiter vom KZ Płaszów. Ein KZ war ein Lager der Nazis. Dort wurden Menschen eingesperrt, gequält und ermordet.
Jennifer Teege sagt: „Amon Göth gab es wirklich. Er war mein Großvater.“
Im Interview spricht Jennifer Teege über schlimme Geheimnisse in ihrer Familie. Sie spricht über die Suche nach der Wahrheit. Und sie spricht darüber, wie Menschen mit Schuld umgehen können.
Frage:
Jennifer, du hast zufällig ein Buch in einer Bibliothek gefunden. Das Buch heißt „Ich muß doch meinen Vater lieben, oder?“. Es erzählt das Leben von Monika Göth. Monika Göth war die Tochter von Amon Göth. Wie war das für dich? Du warst fast 40 Jahre alt und hast erfahren: Mein Großvater war ein Massenmörder.
Jennifer Teege:
Dieses Buch war sehr wichtig für mich. Es war der Schlüssel zu meiner Familien-Geschichte. Nach dieser Geschichte hatte ich lange gesucht.
Danach habe ich mein ganzes Leben neu angesehen. Ich fragte mich: War alles eine Lüge? Ich hatte das Gefühl: Mir fehlt etwas. Mir fehlten meine Geschichte, meine Kindheit und meine Identität.
Frage:
Erzählst du uns einen Teil von deiner Geschichte?
Jennifer Teege:
Meine Mutter war zehn Monate alt, als Amon Göth gehängt wurde. Das war im Jahr 1946.
Als ich vier Wochen alt war, gab meine Mutter mich in ein Kinderheim. Später gab sie mich zur Adoption frei. Da war ich sieben Jahre alt.
Viele Jahre später erfuhr ich mehr über meine Herkunft. Dann fragte ich meine Mutter: Warum hast du das getan?
Frage:
Wollte sie dich schützen?
Jennifer Teege:
Ich glaube: Sie dachte wirklich, dass sie mich schützt. Sie dachte: Wenn ich nichts weiß, belastet es mich nicht. So wie es sie belastet hat.
Aber schlimme Familien-Geheimnisse wirken oft weiter. Auch wenn niemand darüber spricht. Sie können viel kaputt machen.
Ich hatte das Gefühl: Ich lebe in einem Haus mit vielen Zimmern. Aber mir fehlen die Schlüssel.
Es war schwer, aus dieser Krise herauszukommen.
Jeder Mensch hat ein Recht auf Wahrheit. Jeder Mensch hat ein Recht auf die eigene Identität.
Man kann vor der Wahrheit nicht weglaufen. Die Wahrheit kommt immer wieder zurück. Wie ein Bumerang.
Es ist wichtig, Hilfe zu holen. Zum Beispiel bei einer Therapeutin oder einem Therapeuten. Dann können Kopf und Herz die schlimmen Dinge besser verarbeiten.
Bei mir war das ein sehr langer Weg. Am Anfang wussten nur wenige Menschen davon: meine Adoptiv-Familie, mein Therapeut und meine besten Freunde.
Meine Mutter wollte mich wohl vor den Geheimnissen schützen. Das war bestimmt gut gemeint. Aber es war der falsche Weg.
Frage:
Was bedeuten die Taten von deinem Großvater für dein eigenes Leben?
Jennifer Teege:
Viele Menschen denken bei Amon Göth zuerst an eine Geschichte aus einem Film. Sie denken nicht daran: Sein Leben hat Folgen bis heute.
Zu erfahren, wer mein Großvater war, war ein langer Prozess. Ich musste lernen, darüber nachzudenken. Und ich musste lernen, darüber zu sprechen. Auch über sehr schlimme Dinge.
Ich weiß: Ich bin nicht Amon Göth. Trotzdem musste ich einen Umgang damit finden. Ich konnte es nicht einfach wegschieben. Es gehört zu meiner Identität.
Es ist wichtig, sich weiterzuentwickeln. Stillstand gibt es nicht.
Es gibt nicht nur Gut und Böse. Alle Menschen haben auch dunkle Seiten. Alle Menschen machen Fehler. Das ist menschlich.
Durch meine Familien-Geschichte habe ich verstanden: Menschlichkeit ist sehr wichtig. Auch Zivilcourage ist wichtig. Zivilcourage bedeutet: Man steht für andere Menschen ein. Auch wenn es schwer ist.
Das gilt in der Gesellschaft. Und es gilt in der eigenen Familie.
Wir entscheiden selbst, wer wir sein wollen.
Ich habe es geschafft, Ordnung in meine Geschichte zu bringen. Ich habe offen darüber gesprochen. Das hat mir geholfen zu heilen.
Es war richtig, mich nicht zu verstecken. Auch für meine Kinder. Ich wusste: Für mehrere Generationen ist es wichtig, die Wahrheit zu kennen.

© Reimund Titsch
Amon Göth war Kommandant des KZ Płaszów und wurde 1946 wegen Massenmordes verurteilt und gehängt.
Frage:
Ist Amon Göth für dich dein Großvater? Oder ist er eine Person aus der Geschichte?
Jennifer Teege:
Er ist beides: Kommandant und Großvater.
Frage:
Hast du Frieden mit deinem Großvater gefunden?
Jennifer Teege:
Ich darf ihm nicht vergeben. Das können nur die Opfer.
Nach meinem Buch haben mich Menschen in Israel sehr freundlich aufgenommen. Es gab viele gute Reaktionen.
Vielleicht liegt das auch an meiner Hautfarbe. Vielleicht liegt es daran, dass ich seit meinem Studium fließend Hebräisch spreche. Und dass ich lange in Israel gelebt habe.
Vielleicht liegt es auch daran: Ich habe viele Holocaust-Überlebende getroffen. Und ich habe zum ersten Mal aus der Sicht einer Täter-Familie geschrieben.
Ich komme aus einer Täter-Familie. Nicht aus einer Opfer-Familie.
Ich habe eine Frau kennengelernt, die auf Schindlers Liste stand. Ihre Enkelin hat mir eine E-Mail geschrieben. Wir wurden Freunde.
Auf der Buchmesse in Jerusalem haben wir zusammen eine kleine Tour gemacht.
Für mich ist das ein Zeichen für Versöhnung. Es zeigt: Versöhnung ist möglich.
Die Überlebende sah meinen Großvater zum ersten Mal bei der Räumung vom Ghetto in Krakau. Sie hatte einen kleinen Hund unter ihrem Mantel versteckt. Später wurde dieser Hund der Schoßhund meiner Großmutter.
Frage:
Stimmt es, dass bei deiner Großmutter immer ein Bild von Amon Göth am Bett hing?
Jennifer Teege:
Meine Großmutter war in meiner Kindheit wichtig. Sie hat mir in der Zeit im Kinderheim geholfen. Sie war für mich ein sicherer Ort.
Aber sie hatte viele Seiten.
Als Person aus der Geschichte steht sie für den Täter-Staat. Damit ist der Staat der Nazis gemeint. Sie steht auch für viele Deutsche, die nach dem Krieg keine Strafe bekommen haben.
Im Krieg lebte sie mit Amon Göth in der Villa vom Kommandanten. Das zeigt ihre kalte und grausame Seite. Die Menschen hatten Angst vor ihr.
Nach dem Krieg lebte sie in München. Sie wurde nie bestraft.
War sie schuldig oder nicht schuldig? Vor Gericht war sie nicht schuldig. Trotzdem war sie schuldig. Mindestens deshalb, weil sie nicht geholfen hat.
Ich frage mich oft: Wie hätte ich mich verhalten?
Diese Frage geht uns alle an.
Es ist leicht zu sagen: Diese grausamen Taten waren schrecklich. Ich habe damit nichts zu tun.
Schwerer ist die Frage: Was wussten die Menschen damals? Haben sie mitgemacht? Haben sie weggeschaut?
Zum Beispiel: Ein bester Freund wurde plötzlich auf der Straße nicht mehr gegrüßt. Nur weil er einen gelben Stern tragen musste. Dieser Stern zeigte: Er war Jude.
Solche Fragen beschäftigen mich immer wieder.
Die meisten Deutschen kommen aus Täter-Familien. Trotzdem wusste meine Mutter nichts darüber. In der Familie wurde geschwiegen. Auch in der Gesellschaft wurde geschwiegen.
Das änderte sich erst viel später.
Heute lernen Kinder in der Schule über die NS-Zeit. Nicht nur im Fach Geschichte. Deutschland hat sich mit der Vergangenheit beschäftigt. Das war wichtig.
Wir haben eine Kultur des Erinnerns. Das bedeutet: Wir erinnern an die Verbrechen der Nazis. Und wir erinnern an die Opfer.
Aber mir fehlt oft der Blick auf heute.
Was hat die Vergangenheit mit der Gegenwart zu tun? Haben wir etwas gelernt?
Frage:
Wie beantwortest du diese Frage?
Jennifer Teege:
Es reicht ganz klar nicht, nur über die Vergangenheit zu sprechen.
Die Politik rückt nach rechts. Das sieht man nicht nur in Deutschland. Das sieht man auf der ganzen Welt.
Populisten und Rechtspopulisten werden überall stärker. Populisten geben oft einfache Antworten auf schwierige Fragen. Sie machen anderen Menschen Angst. Und sie geben bestimmten Gruppen die Schuld.
Frage:
Kommt dir diese Lage bekannt vor?
Jennifer Teege:
Einiges wiederholt sich. Aber man kann nicht alles direkt vergleichen.
Die Muster sind ähnlich. Wir leben wieder in unsicheren Zeiten. Viele Menschen folgen Personen, die einfache Antworten auf schwierige Fragen geben.
Die Geschichte zeigt: Nicht immer kommen die besten Menschen in wichtige Positionen.
Viele Politiker verstehen sich nicht als Diener vom Staat. Auf der ganzen Welt denken manche nur an den eigenen Vorteil. Manche brechen das Völkerrecht. Benjamin Netanjahu nehme ich davon nicht aus.
Ich glaube: Diese Entwicklung wird nicht schnell vorbei sein.
Frage:
Hast du noch Hoffnung?
Jennifer Teege:
Demokratie ist wertvoll. Wir müssen sie schützen.
Viele Menschen klagen im Moment. Vielleicht haben sie damit auch recht.
Aber in der Gesellschaft gibt es auch viel Gutes. Das dürfen wir nicht vergessen.
Ich bin Botschafterin der Ehlerding Stiftung. Diese Stiftung hilft Kindern, die es schwer haben.
An vielen Orten gibt es Menschen, die freiwillig helfen. Sie setzen sich für andere ein.
Im Moment stehen oft laute und aggressive Menschen im Mittelpunkt. Trotzdem müssen wir weiter wichtige Werte vermitteln.
Auch im Kleinen kann man etwas tun. Man ist nicht machtlos.
Auch junge Menschen interessieren sich für Politik.
Wir brauchen wieder mehr gewählte Politiker, die gut führen können. Sie dürfen nicht nur an den eigenen Vorteil denken.
Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen
Jennifer Teege war 38 Jahre alt, als sie durch Zufall etwas erfuhr: Ihr Großvater war ein grausamer Verbrecher in der NS-Zeit.
Das war ein großer Schock für sie. Sie geriet in eine schwere Krise.
Jennifer Teege suchte danach nach Spuren in ihrer Familie. Sie wollte ihre Geschichte verstehen. Und sie wollte die Krise überwinden.
Darüber schrieb sie das Buch „Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen“. Das Buch erschien im Jahr 2013.
Mitte März war Jennifer Teege zu Gast in St. Severinus Kommern. Eingeladen hatten der Arbeitskreis „Forschen-Gedanken-Handeln“ und die Pastorale Einheit Bad Münstereifel und Veytal.
Jennifer Teege lebt in München. In Kommern gab sie der Kirchenzeitung ein Interview.

© Verlag Rowohlt
Jennifer Teege war 38 Jahre alt, als sie durch Zufall etwas erfuhr: Ihr Großvater war ein grausamer Verbrecher in der NS-Zeit.
Das war ein großer Schock für sie. Sie geriet in eine schwere Krise.
Jennifer Teege suchte danach nach Spuren in ihrer Familie. Sie wollte ihre Geschichte verstehen. Und sie wollte die Krise überwinden.
Darüber schrieb sie das Buch „Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen“. Das Buch erschien im Jahr 2013.
Hinweis:
Dieser Text in Einfacher Sprache wurde mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt.
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