»Ich will nicht hassen. Dieses Wort kenne ich nicht«
Henriette Kretz hat den Holocaust überlebt. Sie erzählt von der Nazi-Zeit. Und sie spricht über Juden-Hass heute.

Henriette Kretz ist Jüdin.
Sie hat den Holocaust überlebt.
Holocaust bedeutet: Die Nazis haben sehr viele Jüdinnen und Juden verfolgt und ermordet.
Henriette Kretz war vor Kurzem in Aachen.
Sie hat an der RWTH Aachen gesprochen.
Sie war auch in mehreren Schulen.
Sie hat erzählt: Wie sie als Kind die Nazi-Zeit überlebt hat.
Was sie heute über Juden-Hass denkt.
Und wie die Erinnerung an den Holocaust lebendig bleiben kann.
Frage:
Henriette, was war dein schlimmstes Erlebnis in der Nazi-Zeit?
Henriette Kretz:
Ich war fast 5 Jahre alt.
Damals griff die deutsche Wehrmacht Polen an.
Die Wehrmacht war die Armee von Deutschland.
Meine Eltern sagten zu mir:
Vor den Deutschen müssen wir Angst haben.
Zuerst lebten wir in der Nähe von Opatow.
Dann flohen wir nach Lwiw.
Später flohen wir nach Sambor.
Im Jahr 1941 mussten wir in ein Ghetto ziehen.
Ein Ghetto war ein Stadtteil.
Dort mussten Jüdinnen und Juden leben.
Sie durften nicht frei sein.
Ich lebte in Verstecken.
Einmal waren wir in einem Kohlen-Keller.
Der Keller hatte keine Fenster.
Meine Eltern und ich saßen nur im Dunkeln.
Wir wussten nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war.
Ein Feuerwehr-Mann hatte uns dort versteckt.
Später brachte er uns auf den Dachboden im selben Haus.
Für mich war das wie das Paradies.
Dort konnten wir uns bewegen.
Und wir konnten frische Luft atmen.
An einem schönen Sommer-Abend im Jahr 1943 fanden uns deutsche Soldaten.
Sie brachten uns auf die Straße.
Mein Vater sagte zu mir:
Lauf weg!
Ich rannte um mein Leben.
In meinem Kopf war alles leer.
Von weitem hörte ich Schüsse.
Da wusste ich:
Ich habe jetzt keine Eltern mehr.
Ich war der einsamste Mensch auf der Welt.
Das war das schlimmste Erlebnis in meinem Leben.
Frage:
Und was war dein schönstes Erlebnis in dieser schlimmen Zeit?
Kretz:
Nach dem Mord an meinen Eltern war ich ein Waisen-Kind.
Das bedeutet: Ich hatte keine Eltern mehr.
Vorher hatten meine Eltern mich beschützt.
Jetzt war ich ganz allein.
Ich musste durch die ganze Stadt gehen.
Ich suchte ein Waisen-Haus.
Dabei hatte ich immer Angst.
Ich dachte: Die Deutschen erkennen vielleicht, dass ich Jüdin bin.
Dann kam ich zum katholischen Waisen-Haus in Sambor.
Schwester Celina sagte zu mir:
„Kind, du bist hier sicher.“
Sie hat mein Leben gerettet.
Das schönste Erlebnis kam einen Monat später.
Die russischen Soldaten kamen.
Sie befreiten die Stadt.
Ab da war ich frei.
Ich konnte in die Schule gehen.
Später nahm mich mein Onkel Heinrich bei sich auf.
Er war außer mir der einzige Mensch aus meiner Familie, der überlebt hatte.
Frage:
Hasst du heute die Menschen, die dich verfolgt haben und deine Eltern getötet haben?
Kretz:
Nein.
Dieses Wort benutze ich nicht mehr.
Damals war ich zu jung.
Ich konnte nicht alles verstehen.
Als die russischen Soldaten kamen, war ich nicht mehr in Lebens-Gefahr.
Ich will nicht hassen.
Man darf die Welt nicht auf Hass aufbauen.
Ich habe mich oft gefragt:
Was hätte ich getan, wenn ich damals als Christin in Deutschland geboren worden wäre?
Darauf habe ich keine Antwort.

© Christian van't Hoen
Henriette Kretz spricht als Überlebende vor vielen Schulklassen. Sie erzählt aus der Sicht eines Kindes.
Frage:
Wie ging es dir nach dem Krieg?
Kretz:
Ich ging mit meinem Onkel nach Antwerpen.
Antwerpen ist eine Stadt in Belgien.
Dort lernte ich Französisch.
Ich studierte Kunst-Geschichte.
Im Jahr 1956 ging ich nach Israel.
Ich dachte: Israel ist die Heimat für alle Jüdinnen und Juden.
2000 Jahre Verfolgung sind genug.
Im Jahr 1969 ging ich wieder nach Belgien zurück.
Auch dort erlebte ich Juden-Hass.
Juden-Hass gibt es überall.
Er hat nie aufgehört.
Auch in Deutschland nicht.
Juden-Hass steckt oft tief in Menschen.
Wenn es eine Möglichkeit gibt, kommt er wieder heraus.
Frage:
Was kann man gegen Juden-Hass tun?
Seit dem 7. Oktober 2023 gibt es wieder mehr Juden-Hass.
An diesem Tag hat die Hamas Israel brutal angegriffen.
Kretz:
Leider kann man nicht viel tun.
Für mich ist Israel weiter sehr wichtig.
Es ist der einzige Ort, an dem Jüdinnen und Juden aus der ganzen Welt sicher leben können.
Aber Israel muss eine Lösung mit den Palästinensern finden.
Beide Seiten müssen friedlich zusammenleben.
Das ist nicht leicht.
Aber es gibt keinen anderen Weg.
Man darf keine ganze Gruppe von Menschen unterdrücken.
Auch die Palästinenser wollen dort leben.
Frage:
Macht dir der Juden-Hass heute Sorgen?
Kretz:
Ja.
Aber noch mehr Sorge macht mir die Regierung in Israel.
Ich habe Angst, dass Israel eine Diktatur wird.
Eine Diktatur bedeutet:
Nur wenige Menschen bestimmen alles.
Die Menschen haben weniger Freiheit.
Ich finde auch das Vorgehen im Gaza-Streifen völlig falsch.
Viele Menschen in Israel haben die gleichen Sorgen wie ich.
Frage:
Du warst in Aachen in 6 Schulen. Wie haben die Schülerinnen und Schüler reagiert?
Kretz:
Die Schulklassen waren sehr interessiert.
Sie haben gut zugehört.
Viele hatten vorher noch nie einen jüdischen Menschen getroffen.
Viele wissen wenig über das Judentum.
Und viele wissen wenig über den Massen-Mord an den Jüdinnen und Juden.
Aber junge Menschen darf man nicht unterschätzen.
Ich glaube:
Es berührt sie besonders, dass ich aus der Sicht eines Kindes erzähle.
Ich hatte den Eindruck:
Viele waren erschrocken.
Sie haben gemerkt: In der Nazi-Zeit sind im Namen Deutschlands schlimme Dinge passiert.
Und sie haben aus der Begegnung mit mir etwas gelernt.
Frage:
Haben deutsche Schülerinnen und Schüler Schuld-Gefühle?
Kretz:
Ja.
Viele junge Menschen in Deutschland haben noch Schuld-Gefühle.
Aber ich finde das falsch.
Denn so etwas kann überall passieren.
Es war nicht typisch deutsch.
Es war die Folge von Extremismus.
Extremismus bedeutet: Menschen denken sehr radikal.
Sie lassen andere Meinungen nicht gelten.
Oft werden sie gewalttätig.
So etwas ist typisch für Diktaturen.
Darum geht das Thema alle Menschen an.
Es ist egal, woher sie kommen.
Es ist auch egal, ob sie Christen, Muslime oder etwas anderes sind.
Frage:
Du arbeitest seit 24 Jahren mit dem Maximilian-Kolbe-Werk zusammen. Warum machst du das?
Kretz:
Ich bin Mitglied im polnischen Verein „Kinder des Holocausts“.
Im Jahr 2001 hat uns Reinhard Lettmann eingeladen.
Er war damals Bischof von Münster.
Er fragte uns:
Könnt ihr als Zeitzeugen in Schulen gehen?
Zeitzeugen sind Menschen, die etwas selbst erlebt haben.
Sie erzählen anderen davon.
Ein Ehepaar vom Maximilian-Kolbe-Werk fragte mich auch:
Kannst du bei uns mitarbeiten?
Für mich war das kein Problem.
Das Maximilian-Kolbe-Werk ist katholisch geprägt.
Ich bin Jüdin.
Aber Religion ist für mich eine sehr persönliche Sache.
Ich mache immer noch beim Zeitzeugen-Programm mit.
Denn der Grund für Krieg und Verfolgung war damals eine Diktatur.
Diktaturen grenzen Menschen aus.
Zum Beispiel wegen ihrer Herkunft oder ihrer Religion.
Das ist immer gefährlich.
Solche Diktaturen gibt es auch heute noch.
Darum informieren wir junge Menschen.
Sie sollen wissen, was damals passiert ist.
Und so etwas soll sich nicht wiederholen.
Frage:
Wie soll die Erinnerung an den Holocaust weitergehen, wenn keine Zeitzeugen mehr leben?
Kretz:
Das wird schwieriger.
Denn ein persönlicher Bericht ist sehr wichtig.
Man kann ihn nicht leicht ersetzen.
Darum ist die große Frage:
Wie können wir die Erinnerung an den Holocaust lebendig halten?
Viel hängt vom Geschichts-Unterricht in der Schule ab.
Der Unterricht darf nicht langweilig sein.
Und die Nazi-Zeit darf nicht zu kurz kommen.
Auch Gedenk-Stätten sind wichtig.
Dort erinnern Menschen an die Opfer.
Lebens-Geschichten sind auch wichtig.
Sie machen Geschichte persönlich.
Im Bistum Mainz gibt es viele Ehrenamtliche.
Sie haben Holocaust-Überlebende gut gekannt.
Sie erzählen ihre Geschichten weiter.
In manchen Städten gibt es Geschichts-Werkstätten.
Dort entstehen neue Formen der Erinnerung.
Lehrerinnen und Lehrer können mit Jugendlichen Projekte machen.
Zum Beispiel:
Sie können über Stolper-Steine sprechen.
Stolper-Steine sind kleine Erinnerungs-Steine im Boden.
Sie erinnern an Menschen, die von den Nazis verfolgt oder ermordet wurden.
Sie können Lebens-Geschichten von Zeitzeugen nutzen.
Und sie können Gedenk-Stätten besuchen.

© Christian van't Hoen
Auf ihrer Flucht fand die Jüdin Henriette Kretz ein katholisches Weisenhaus in Sambor. Die Schwestern dort retteten ihr Leben. Kurz darauf wird die Stadt befreit. Henriette Kretz ist frei, ihr Onkel adoptiert sie.
Zur Person
Überlebende des Holocaust
Henriette Kretz wurde am 26. Oktober 1934 geboren.
Ihre Eltern waren Juden.
Sie kam in Stanisławów in Polen zur Welt.
Heute liegt die Stadt in der Ukraine.
Im Jahr 1939 griff Deutschland Polen an.
Danach floh die Familie nach Lemberg.
Später ging sie nach Sambor in Ostpolen.
Im Jahr 1941 musste die Familie in ein Ghetto ziehen.
Dort mussten Jüdinnen und Juden leben.
Henriette Kretz versteckte sich an vielen Orten.
So überlebte sie die Verfolgung der Juden.
Ihre Eltern wurden ermordet.
Henriette Kretz konnte fliehen.
Sie überlebte den Holocaust.
Sie ist Mitglied im polnischen Verein „Kinder des Holocausts“.
Sie arbeitet auch für das Maximilian-Kolbe-Werk.
Im Jahr 2020 bekam sie das Verdienstkreuz 1. Klasse.
Das ist eine wichtige Auszeichnung in Deutschland.
Sie bekam die Auszeichnung, weil sie als Zeitzeugin über ihre Erlebnisse spricht.
Hinweis:
Dieser Text in Einfacher Sprache wurde mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt.
Er dient nur zur Information.
Er ist rechtlich nicht bindend.
Gültig ist nur das Original im Alltagssprach-Deutsch.



