Ein lebendes Wunder
Wie sieht eine Frau ihr Leben, wenn sie jeden Tag mit dem Tod rechnen muss?

© Melanie Groenewold
Die Natur tut Melanie Groenewold gut.
Dort ist es ruhig.
Dann kann sie ihre Krankheit manchmal kurz vergessen.
Von Garnet Manecke
Eine Familie mitten im Leben
Melanie Groenewold lebt mit ihrer Familie in Hückelhoven.
Im Haus steht ein großer Tisch.
Dort sitzen die Eltern und die Kinder zusammen.
An den Wänden hängen Fotos aus dem Urlaub.
Im Wohnzimmer steht Spielzeug.
In der Küche läuft die Kaffee-Maschine.
Auf einem Bild steht:
„Du bist das Herz der Familie. Mama, wir lieben Dich!“
Das Bild zeigt:
In dieser Familie gibt es viel Liebe.
Aber nicht alles ist gut.
Denn diese Familie hätte Melanie fast verloren.
Melanie hat Magenkrebs
Melanie Groenewold ist 39 Jahre alt.
Sie hat Magenkrebs.
Die Ärzte dachten zuerst:
Melanie wird wahrscheinlich bald sterben.
Aber Melanie lebt.
Und im Moment finden die Ärzte keinen Tumor mehr.
Das ist wie ein Wunder.
Trotzdem ist Melanie nicht gesund.
Sie muss jeden Tag mit der Krankheit leben.
Sie nimmt Medikamente.
Sie hat Schmerzen.
Sie geht zu Ärzten.
Sie macht Therapien.
Von außen sieht man ihr die Krankheit oft nicht an.
Sie sieht aus wie eine junge, moderne Frau.
Aber Melanie sagt:
„Mein Mann macht praktisch alles.“
Ohne ihre Medikamente schafft sie keinen Tag.
Der Tag, der alles verändert hat
Melanie weiß noch genau, wann sich ihr Leben verändert hat.
Es war im August 2024.
Sie sagt:
„Es war ein Albtraum. Es war sehr schlimm.“
Zuerst sagte sie zu ihrem Mann:
„Es tut mir leid, dass ich Dich und die Kinder allein lasse.“
Melanie hatte schon Angst vor Krebs.
Denn in ihrer Familie gab es schon Magenkrebs.
Ihr Onkel hatte Magenkrebs.
Er ist daran gestorben.
Nach der Geburt ihres zweiten Kindes machte Melanie wieder Sport.
Sie nahm sehr schnell ab.
Das machte ihr Sorgen.
Sie hatte auch andere Beschwerden.
Deshalb suchte sie Informationen über Magenkrebs.
Ihr Verdacht wurde immer stärker.
Damals waren ihre Kinder noch sehr klein:
Ihr Sohn war dreieinhalb Jahre alt.
Ihre Tochter war neun Monate alt.
Wenn der Tod immer da ist
Seit der Diagnose ist der Tod immer ein Thema in der Familie.
Natürlich weiß niemand, wann er stirbt.
Auch gesunde Menschen können plötzlich sterben.
Aber es ist anders, wenn man schwer krank ist.
Dann spürt man jeden Tag:
Das Leben ist zerbrechlich.
Melanie fragt sich:
Wie kann man an die Zukunft glauben,
wenn man nicht weiß, ob es diese Zukunft gibt?
Wie kann man leben,
wenn Therapien den Alltag bestimmen?

© Melanie Groenewold
Der Hundesport gibt Melanie Groenewold Kraft. An guten Tagen kann sie mit den Schäferhunden trainieren.
Hundesport gibt Melanie Kraft
Melanie macht Hundesport.
Das gibt ihr Kraft.
An guten Tagen trainiert sie mit ihren Schäferhunden.
Dann fühlt sie sich lebendig.
Die Ärzte gaben ihr wenig Zeit
Bei der Diagnose sagten die Ärzte:
Weihnachten 2025 wird wahrscheinlich ihr letztes Weihnachten sein.
Denn Melanie hatte Magenkrebs mit Metastasen.
Metastasen sind Krebs-Zellen an anderen Stellen im Körper.
Die Krankheit galt als nicht heilbar.
Eine Operation war zuerst nicht möglich.
Die Ärzte sagten:
Melanie soll die letzte Zeit mit ihrer Familie verbringen.
Aber Melanie ist noch keine 40 Jahre alt.
In diesem Alter will man nicht sterben.
Man steht mitten im Leben.
Man hat eine Familie.
Man hat einen Beruf.
Man hat Hobbys.
Man ärgert sich über Läuse in der Kita.
Man backt Kuchen für einen Geburtstag.
Oder man kauft ein Wohnmobil, um die Welt zu sehen.
Genau das haben Melanie und ihr Mann Dominik gemacht.
Kleine Dinge sind große Siege
Melanie sagt heute:
„Ich will nicht, dass diese Krankheit mein ganzes Leben bestimmt.“
Aber ein normales Leben kostet sie viel Kraft.
Wenn sie ihre Tochter selbst wickeln kann,
ist das ein kleiner Sieg.
Wenn sie mit Hilfe ihres Mannes die Kinder waschen kann,
ist das ein kleiner Sieg.
Manchmal kann sie in ein Restaurant gehen.
Manchmal kann sie mit den Hunden spazieren gehen.
Manchmal kann sie sogar trainieren.
Dann spürt Melanie das Leben wieder.
Aber sie merkt auch:
Es gibt Grenzen.
Ihr Körper schafft nicht mehr alles.
Eine besondere Therapie half
Melanie bekam neue Hoffnung.
Ihr Arzt sorgte dafür,
dass sie bei einem besonderen Programm mitmachen konnte.
Dort bekam sie eine Therapie mit Antikörpern.
Antikörper sind besondere Stoffe.
Sie helfen dem Körper, gegen Krebs-Zellen zu kämpfen.
Die Therapie wirkte.
Danach war doch eine Operation möglich.
Die Operation war gefährlich.
Aber das Team der Uni-Klinik Aachen wagte sie.
Die Operation dauerte 14 Stunden.
Heute hat Melanie keinen Tumor mehr.
Sie sagt:
„Manchmal hat man ein bisschen Hoffnung, dass es eine Zukunft gibt.“
Zum Beispiel, wenn sie ein altes Ehepaar sieht.
Dann sieht sie:
Diese Menschen kennen sich schon sehr lange.
Sie sind einander vertraut.
Melanie sagt vorsichtig „man“ und nicht „ich“.
Denn ihre Erfahrungen haben sie vorsichtig gemacht.
Aber man merkt:
Da ist leise Hoffnung.

© Melanie Groenewold
Nach der Operation lag Melanie Groenewold auf der Intensivstation, angeschlossen an Monitore und Infusionen.
Nach der Operation
Nach der Operation lag Melanie auf der Intensiv-Station.
Dort werden sehr kranke Menschen besonders gut überwacht.
Melanie war an Monitore angeschlossen.
Sie bekam Infusionen.
Was wirklich wichtig ist
Für Melanie sind ihr Mann und ihre Kinder am wichtigsten.
Sie sagt:
„Früher war ich anders. Die Diagnose hat mich verändert.“
Melanie ist stärker geworden.
Sie ist auch härter geworden.
Sie trennt sich von Menschen und Dingen,
die ihr nicht guttun.
Denn Melanie hat auch schlimme Dinge erlebt.
Manche frühere Freunde wechseln die Straßenseite,
wenn sie Melanie sehen.
Manche Menschen reden hinter ihrem Rücken.
Sie fragen:
Ist Melanie wirklich krank?
Denn Melanie sieht oft nicht krank aus.
Die lange Narbe an ihrem Bauch sieht niemand.
Ein Arzt wollte Melanie einmal nur sehen,
weil sie als medizinisches Wunder gilt.
Falsche Vorwürfe
Melanie musste auch Vorwürfe aushalten.
Manche Menschen sagten:
Melanie hat die Krankheit nur erfunden.
Sie will nur Geld bekommen.
Eine Freundin hatte eine Spenden-Aktion gestartet.
Das Geld sollte der Familie kleine Pausen vom Alltag ermöglichen.
Damals wussten alle:
Melanie wird wahrscheinlich früh sterben.
Als es ihr besser ging,
kamen falsche Behauptungen.
Deshalb erlaubte Melanie ihrem Arzt,
öffentlich über ihre Krankheit zu sprechen.
So wollte sie zeigen:
Ihre Krankheit ist echt.
Es gab auch viel Hilfe
Melanie hat auch gute Erfahrungen gemacht.
Sie traf Ärzte und Pflegekräfte,
die sich sehr für sie eingesetzt haben.
Sie taten alles,
was die moderne Medizin möglich macht.
Auch ihre beste Freundin ist für Melanie da.
Sie hilft Melanie und ihrer Familie.
Die Freundin fragt auch Melanies Mann:
Wie geht es Dir?
Denn die Krankheit betrifft nicht nur Melanie.
Sie betrifft die ganze Familie.
Auch die Kinder brauchen Hilfe
Melanies Sohn war eine Zeit lang in einer Kinder-Trauergruppe.
Dort konnte er besser mit der Situation umgehen.
Kinder kann man vor so einer schweren Krise nicht ganz schützen.
Melanie sagt:
„Wir versuchen, ihm alles so zu erklären, dass er es verstehen kann.“
Aber manches ist sehr schwer zu erklären.
Zum Beispiel:
Warum hat Mama Schmerzen beim Kuscheln?
Warum tut es weh, wenn ein Kind aus Versehen ihren Bauch berührt?
Die Krankheit hat bei allen Spuren hinterlassen.
Melanie sagt:
„Unsere Seele ist kaputt.“
Die ganze Familie braucht psychologische Hilfe.
Aber es ist schwer, Hilfe zu finden.
Melanie sagt:
„Es ist sehr schwer, jemanden zu finden.“
Man sagte ihr sogar:
Schnelle Hilfe für das Kind gibt es erst,
wenn Melanie gestorben ist.
Urlaub gibt der Familie Kraft
Die Familie sammelt Kraft im Urlaub.
Dann sind sie weit weg vom Alltag.
Weit weg von der Chemo.
Chemo bedeutet:
Melanie bekommt starke Medikamente gegen den Krebs.
Die Chemo findet alle drei Wochen statt.
Danach ist Melanie sehr schwach.
Auch im Urlaub muss die Familie schauen:
Gibt es in der Nähe medizinische Hilfe?
Trotzdem tut der Urlaub gut.
Die Familie sieht neue Orte.
Sie erlebt neue Dinge.
Das gibt allen ein bisschen Leichtigkeit.
Dann genießen sie das Wunder:
Mama lebt.
Obwohl die Medizin kaum daran geglaubt hat.



