»Bingo, Pisspott, Waschlappen – ist Pflege nicht mehr«
Pflege ist ein Beruf. Dafür braucht man Wissen und Erfahrung. Claudia Moll ärgert sich, wenn Menschen sagen: „Pflegen kann doch jeder.“ Sie setzt sich für bessere Bedingungen in der Pflege ein.

© Maurice Weiss
Claudia Moll kommt aus Eschweiler. Von 2022 bis 2025 war sie die Beauftragte der Bundesregierung für Pflege.
Von Stephan Johnen
Kirchenzeitung:
Claudia Moll, in der Politik wird viel über Pflege gesprochen. Es fehlt viel Geld. Es soll gespart werden. Familien und Pflegekräfte sagen: Die Belastung ist zu groß. Hat der Pflege-Notstand dich überrascht?
Claudia Moll:
Nein.
Schon im Jahr 2001 war ich bei meiner ersten Demonstration.
Damals wollten wir warnen:
Es gibt zu wenig Pflegekräfte.
Einige Menschen haben das Problem also schon sehr früh gesehen.
Aber das Pflege-System hat trotzdem lange irgendwie weitergemacht.
Kirchenzeitung:
Was heißt das: Das System hat funktioniert?
Moll:
Ich habe vor fast 30 Jahren in der Pflege angefangen.
Damals gab es mehr Pflegekräfte.
Wenn es nötig war, kamen wir früher zur Arbeit.
Oder wir blieben länger.
Den Pflege-Notstand gab es schon damals.
Aber viele Menschen außerhalb der Pflege haben das nicht gemerkt.
Damals gab es auch weniger Menschen, die Pflege brauchten.
Heute werden die Menschen älter.
Das ist gut.
Aber viele alte Menschen haben mehrere Krankheiten gleichzeitig.
Darum ist Pflege heute schwieriger.
Viele Menschen werden lange zu Hause gepflegt.
Pflegeheime sind heute oft sehr belastet.
Viele Menschen ziehen erst sehr spät in ein Pflegeheim.
Früher gab es auf einer Station vielleicht 2 Menschen, die im Bett bleiben mussten.
Diese Menschen konnte man gut versorgen.
Heute ist es oft andersherum:
Es gibt vielleicht nur noch 2 Bewohner, die noch vieles allein schaffen.
Daran sieht man:
Die Lage hat sich stark verändert.
Kirchenzeitung:
Welche Rolle haben die Familien?
Moll:
Familien sind der größte Pflege-Dienst, den wir haben.
Ohne Familien würde das Pflege-System zusammenbrechen.
Darum setze ich mich im Bundestag weiter für Familien ein.
Wir müssen pflegende Angehörige besser unterstützen.
Pflegende Angehörige dürfen nicht sofort unter Verdacht stehen.
Zum Beispiel, wenn sie Renten-Punkte für die Pflege bekommen.
Natürlich nutzen manche Menschen das System aus.
Aber mit digitalen Möglichkeiten kann man das besser prüfen.
Wichtig ist:
Wir dürfen pflegende Angehörige nicht verlieren.
Sie sind sehr wichtig für die Gesellschaft.
Kirchenzeitung:
Kann die Politik heute noch erwarten, dass Familien ihre Angehörigen möglichst lange selbst pflegen?
Moll:
Nein.
Von unseren eigenen Kindern erwarten wir das auch nicht.
Wir haben bei uns in der Familie alles besprochen und geregelt.
Auch Politik und Gesellschaft dürfen das nicht einfach erwarten.
Angehörige haben ein eigenes Leben.
Viele wohnen heute weit weg von ihren Eltern oder Verwandten.
Früher war das oft anders.
Kirchenzeitung:
Denken wir zu wenig über Pflege nach? Denken wir erst daran, wenn es zu spät ist?
Moll:
Viele Menschen sprechen gar nicht darüber.
Dabei sollte man früh darüber sprechen.
Viele denken:
Das betrifft mich nicht.
Zum Beispiel junge Menschen oder Menschen mit privater Versicherung.
Aber das kann sich jeden Tag ändern.
Jeder Mensch kann plötzlich Pflege brauchen.

© Maurice Weiss
Claudia Moll aus Eschweiler war von 2022 bis 2025 Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung.
Kirchenzeitung:
Glaubst du, Friedrich Merz weiß, was Care-Arbeit bedeutet?
Care-Arbeit heißt:
Menschen kümmern sich um andere Menschen.
Zum Beispiel um Kinder, kranke Menschen oder alte Menschen.
Moll:
Menschen aus der Wirtschaft setzen oft andere Schwerpunkte.
Wirtschaft, Industrie und Handwerk sind wichtig.
Ohne sie gibt es keinen Sozialstaat.
Aber wir dürfen pflegende Angehörige und junge Familien nicht vergessen.
Sie sind oft doppelt belastet.
Zum Beispiel durch Arbeit und Pflege.
Oder durch Arbeit und Kinder.
Kirchenzeitung:
Wie sollte Pflege bezahlt werden?
Moll:
Eine perfekte Welt gibt es nicht.
Aber wir wären einen Schritt weiter, wenn alle mitbezahlen.
Auch sehr reiche Menschen müssen sich beteiligen.
Manche können sich eine Haushälterin leisten.
Oder Menschen, die bügeln.
Oder sogar mehrere Pflegekräfte rund um die Uhr.
Die Finanzierung von Pflege muss gerecht sein.
Die wichtige Frage ist:
Was ist uns gute Pflege wert?
Es darf nicht passieren, dass man einfach Regeln senkt.
Dafür braucht es einen guten Plan.
Kirchenzeitung:
Du warst von 2022 bis 2025 Pflege-Beauftragte der Bundesregierung. Das klingt wichtig. Aber konntest du wirklich etwas entscheiden?
Moll:
Ich konnte nicht selbst entscheiden.
Aber ich konnte Forderungen stellen.
Und das habe ich immer getan.
Ich habe jede Möglichkeit genutzt.
Manchmal habe ich sogar am Flughafen über Pflege gesprochen und verhandelt.
Zum Beispiel, wenn ein Flugzeug viel Verspätung hatte.
In dieser Zeit wurde auch einiges verbessert.
Zum Beispiel:
Pflegekräfte bekommen bessere Tarif-Löhne.
Auszubildende in der Pflege bekommen Geld.
Es gibt neue Gesetze zur Unterstützung in der Pflege.
Die Ausbildung von Pflege-Assistentinnen und Pflege-Assistenten wurde in Deutschland einheitlicher geregelt.
Das ist wichtig.
Viele Menschen starten über die Pflege-Assistenz in den Pflege-Beruf.
Zum Beispiel Frauen, die Kinder großgezogen haben.
Sie suchen später einen neuen Beruf mit Zukunft.
Die Pflege-Assistenz kann der erste Schritt sein.
Danach kann man sich weiterbilden.
In der Pflege gibt es viele Möglichkeiten.
Kirchenzeitung:
Wie ist es mit Anerkennung und Respekt in der Pflege?
Moll:
Norbert Blüm hat 1998 bei der Einführung der Pflege-Versicherung gesagt:
Pflegen kann jeder.
Damals hatte ich nach vielen Jahren als Helferin gerade meine Ausbildung begonnen.
Mein Staatsexamen habe ich im Jahr 2000 gemacht.
Solche Sätze haben mich wütend gemacht.
Ich dachte:
Ist Pflege also nur Bingo spielen, Nachttopf leeren und Waschlappen benutzen?
Wer einmal allein eine ganze Station versorgt hat, findet solche Sätze nicht lustig.
Heute ist die Anerkennung für Pflege-Berufe größer geworden.
Aber noch nicht bei allen Menschen.
Kirchenzeitung:
Wie viele ausgebildete Pflegekräfte gibt es im Bundestag?
Moll:
Im Bundestag gibt es viele Juristen.
Auch viele Lehrer und Politik-Wissenschaftler.
Ich bin die einzige Altenpflegerin in der SPD-Fraktion.
Mein Fraktionskollege Serdar Yüksel ist Krankenpfleger.
In der CDU/CSU-Fraktion gibt es noch 2 ausgebildete Pflegekräfte.
In der Fraktion Die Linke gibt es noch 3 weitere ausgebildete Pflegekräfte.
Kirchenzeitung:
Macht dich das nachdenklich?
Moll:
Ja.
Ich bin 2017 in den Bundestag gekommen.
Damals haben mich manche Abgeordnete wirklich merkwürdige Dinge gefragt.
Zum Beispiel:
Kannst du dich mit Ärzten und Juristen unterhalten?
Kannst du Briefe schreiben?
Kannst du dich in Themen einarbeiten?
Das hat mich sehr irritiert.
Ich habe als Helferin in der Pflege angefangen.
Dann habe ich mich weitergebildet.
Später war ich Pflege-Leitung.
Ich war für Pflege-Planung verantwortlich.
Und für Qualitäts-Management.
Manche Menschen wissen offenbar nicht, was Pflegekräfte alles können und leisten.
Kirchenzeitung:
Würdest du heute wieder in der Pflege anfangen?
Moll:
Ja, ganz klar.
Pflege war und ist ein sehr interessanter Beruf.
Der Beruf ist sehr vielseitig.
In der Pflege lernst du viel fürs Leben.
Kirchenzeitung:
Vermisst du die Arbeit in der Pflege manchmal?
Moll:
Ich kann die Arbeit immer noch.
Ich habe noch einmal einen Frühdienst gemacht.
Außerdem passiert es mir im Alltag oft, dass Menschen Hilfe brauchen.
Bei einem Termin musste ich schon einmal eine Wiederbelebung starten.
Ich war als Erste da.
Ich habe keine Angst vor solchen Situationen.
Kirchenzeitung:
Welche Frage kannst du nicht mehr hören?
Moll:
Diese Frage:
Warum hast du nichts für die Pflege getan?
Das hat mich auch als Mensch verletzt.
Ich habe sehr hart gearbeitet.
Ich habe alle Möglichkeiten genutzt, die ich hatte.
Im Bundestag wollte ich Probleme möglichst gut lösen.
Mir ging es immer um bessere Bedingungen in der Pflege.
Mir ging es um Pflegekräfte.
Und um pflegende Angehörige.
In meinem Wahlkreis kamen oft Menschen mit persönlichen Fragen zu mir.
Das sind häufig einzelne Fälle.
Ich helfe, wo ich kann.
Aber ich darf keine Rechtsberatung machen.
Hier gibt es noch ein großes Problem:
In Städten und Gemeinden gibt es oft gute Beratungs-Angebote.
Aber viele Menschen wissen nicht, wo sie Hilfe bekommen.
Kirchenzeitung:
Wie sieht dein Plan für eine bessere Pflege aus?
Moll:
Die Beratungs-Angebote müssen bekannter werden.
Kranken-Kassen und Pflege-Kassen bieten viele Hilfen an.
Aber viele Menschen kennen diese Hilfen nicht.
In Arztpraxen sollten Menschen Informationen bekommen.
Auch in Krankenhäusern und Rathäusern.
Gut wäre zum Beispiel:
Einmal in der Woche gibt es eine Pflege-Beratung vor Ort.
Natürlich kostet das Geld.
Aber es hilft den Menschen.
Und es entlastet am Ende das ganze Pflege-System.
Bei den Bedingungen in der Pflege hat sich schon etwas verbessert.
Die Bezahlung ist heute besser.
Die Dokumentation ist einfacher geworden.
Auch die Digitalisierung kann helfen.
Dann bleibt vielleicht mehr Zeit für die Pflege.
Trotzdem brauchen wir mehr Menschen in der Pflege.
Und wir brauchen neue Ideen.
Es muss mehr einfache Angebote vor Ort geben.
Zum Beispiel:
Frühstücks-Angebote für ältere Menschen.
Nachbarschafts-Hilfe.
Gesprächs-Angebote.
Viele solche Angebote werden von Ehrenamtlichen getragen.
Auch die Kirchen machen viel.
Aber wir laufen Gefahr, engagierte Menschen zu verlieren.
Darum sollten wir besser aufeinander achten.
Wir sollten uns alle ein bisschen mehr um alle kümmern.
Kirchenzeitung:
Pflege bleibt dir wichtig. Seit dem vergangenen Jahr sitzt du im Bundestag aber auch im Verteidigungs-Ausschuss. Ist die Bundeswehr auch ein Pflegefall?
Moll:
Bei Verteidigung ist es ein bisschen wie bei Pflege.
Viele Menschen wollten sich lange nicht mit diesen Themen beschäftigen.
Sie fanden die Themen unangenehm.
Kirchenzeitung:
Es wird über Wehrdienst gesprochen. Und über ein verpflichtendes Soziales Jahr. Was denkst du darüber?
Moll:
Ich bin dafür.
Ein Soziales Jahr kann jungen Menschen helfen.
Sie können nach der Schule Erfahrungen sammeln.
Sie kommen aus ihrer eigenen Welt heraus.
Ich kenne viele frühere Zivildienstleistende.
Sie wollten eigentlich etwas ganz anderes machen.
Dann haben sie in der Pflege gearbeitet.
Und viele sind in der Pflege geblieben.
Claudia Moll – Stationen in ihrem Leben
Claudia Moll wurde 1968 in Eschweiler geboren.
Sie ist ausgebildete Altenpflegerin.
Außerdem ist sie Fachkraft für Geronto-Psychiatrie.
Das bedeutet:
Sie kennt sich besonders gut mit alten Menschen mit seelischen Erkrankungen aus.
Dazu gehört zum Beispiel Demenz.
Seit 2017 ist Claudia Moll für die SPD Mitglied im Deutschen Bundestag.
Von 2017 bis 2025 vertrat sie den Wahlkreis Aachen II direkt im Bundestag.
Von 2022 bis 2025 war sie Pflege-Beauftragte der Bundesregierung.
Seit 2009 ist Claudia Moll Mitglied im Rat der Stadt Eschweiler.
Seit 2013 leitet sie die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen in Eschweiler.
Die Abkürzung dafür ist AsF.
Claudia Moll ist katholisch.
Sie ist verheiratet.
Sie hat 2 erwachsene Töchter.
In Eschweiler ist Karneval sehr wichtig.
Claudia Moll macht natürlich aktiv beim Karneval mit.