Auch beim Sterben darf man lachen
Renate Haase und Reinhardt Arndt helfen freiwillig im Hospiz-Dienst. Sie begleiten Menschen, die bald sterben. Dadurch denken sie heute anders über das Sterben und den Tod.

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Von Garnet Manecke
Niemand soll beim Sterben allein sein
Der Tod kommt irgendwann zu jedem Menschen.
Manche Menschen sterben plötzlich.
Andere Menschen wissen:
Ich werde bald sterben.
Zum Beispiel, weil sie sehr alt sind.
Oder weil sie sehr krank sind.
Ihre Krankheit kann nicht mehr geheilt werden.
Dann stellen sich viele Fragen:
- Lebt man anders, wenn man weiß: Mein Leben endet bald?
- Kann man sich auf das Sterben vorbereiten?
- Wie kann man Menschen helfen, die bald sterben?
Renate Haase begleitet sterbende Menschen
Renate Haase sagt:
Menschen sind im Leben sehr verschieden.
Und Menschen sind auch im Sterben sehr verschieden.
Renate Haase arbeitet freiwillig als Hospiz-Begleiterin.
Sie arbeitet beim ambulanten Hospiz-Dienst der Caritas in Mönchengladbach.
Ambulanter Hospiz-Dienst bedeutet:
Die Begleiterinnen und Begleiter kommen zu den Menschen nach Hause.
Oder sie besuchen sie in einer Einrichtung.
Renate Haase begleitet seit vielen Jahren Menschen in ihrer letzten Lebenszeit.
Sie hat auch ihren eigenen Mann gepflegt.
Er war lange krank.
Renate Haase hat ihn 10 Jahre lang gepflegt.
Dann ist er gestorben.
Danach wollte sie nicht in ein tiefes Loch fallen.
Das bedeutet:
Sie wollte nach der schweren Zeit nicht nur traurig und allein sein.
Schon als ihr Mann noch lebte, meldete sie sich für einen Kurs bei der Caritas an.
In dem Kurs lernen Menschen:
Wie begleite ich sterbende Menschen?
Als ihr Mann starb, hatte Renate Haase keine Kraft mehr.
Darum brach sie den Kurs zuerst ab.
Später ging es ihr wieder besser.
Dann machte sie den nächsten Kurs mit.
Mit 68 Jahren hörte sie mit ihrer Arbeit auf.
Danach machte sie noch mehr freiwillige Arbeit.
Vertrauen ist sehr wichtig
Früher ging Renate Haase oft zu Familien nach Hause.
Dort lernte sie die kranken Menschen kennen.
Sie sah:
- Wie leben die Menschen?
- Was ist ihnen wichtig?
- Haben sie Familie?
- Leben sie allein?
Für diese Arbeit braucht man Vertrauen.
Die sterbende Person muss der Hospiz-Begleiterin vertrauen.
Und die Hospiz-Begleiterin muss gut zuhören können.

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„So unterschiedlich die Menschen im Leben sind, so unterschiedlich sind sie auch im Sterben", sagt Renate Haase.
Hospiz-Begleitung ist nicht nur traurig
Renate Haase sagt:
Ich habe meinen ersten Patienten 4 Jahre lang begleitet.
Das war für mich eine sehr schöne Zeit.
Manche Menschen denken:
Hospiz-Begleiterinnen und Hospiz-Begleiter opfern sich für sterbende Menschen auf.
Renate Haase sieht das anders.
Sie sagt:
Wir geben viel.
Aber wir bekommen auch viel zurück.
Es gibt viele berührende Momente.
Manche Momente sind schön.
Andere Momente sind schwer.
Renate Haase erinnert sich an eine Frau.
Diese Frau rief im Sterben immer nach ihrem Sohn.
Aber der Sohn wollte seine Mutter nicht sehen.
Renate Haase sagt:
Das war sehr erschütternd.
Aber sie sagt auch:
Wir urteilen nicht.
Denn die Hospiz-Begleiter kennen nicht die ganze Geschichte.
Sie wissen nicht, was früher in der Familie passiert ist.
Mitgefühl und Abstand
Bei der Hospiz-Begleitung ist Mitgefühl wichtig.
Aber Hospiz-Begleiter müssen auch Abstand behalten.
Denn das Leben der sterbenden Menschen ist nicht ihr eigenes Leben.
Renate Haase lernt oft nur einen kleinen Teil aus dem Leben dieser Menschen kennen.
Manche Menschen sind kurz vor dem Tod nicht freundlich.
Auch das kommt vor.
Renate Haase sagt:
Nur weil ein Mensch bald stirbt, muss er nicht freundlich sein.
Sie kümmert sich trotzdem um diese Menschen.
Und wenn ein Mensch sie nicht sehen möchte?
Dann geht sie wieder.
Man darf auch lachen
Viele Menschen denken:
Die Arbeit im Hospiz-Dienst ist immer traurig.
Das stimmt nicht.
Renate Haase sagt:
Wir lachen auch sehr viel mit den Patientinnen und Patienten.
Es gibt fast immer etwas, worüber man sprechen kann.
Wichtig ist:
Was möchte die sterbende Person?
Was braucht sie gerade?
Das kann ganz verschieden sein:
- zuhören
- die Hand halten
- zusammen beten
- miteinander sprechen
- ein Eis essen gehen
- einfach nur da sein
Alles ist möglich.
Aber nichts muss sein.
Die Corona-Zeit hat die Arbeit verändert
Durch die Corona-Pandemie hat sich die Arbeit verändert.
Renate Haase sagt:
Die Patientinnen und Patienten bleiben heute länger im Krankenhaus.
Sie besucht nicht mehr so oft Familien zu Hause.
Seit einiger Zeit geht sie in ein Altenheim in Mönchengladbach-Pongs.
Dort begleitet sie vor allem Frauen.
Viele dieser Frauen haben früher selbst ihre Partner gepflegt.
Heute sind sie allein.
Renate Haase besucht im Moment regelmäßig 4 Patientinnen.
Wie lange ein Besuch dauert, entscheidet die Patientin.

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Reinhardt Arndt: „Ein Krebspatient hat mir mal gesagt: ,Ich glaube, dass mit meiner physischen Existenz noch nicht alles vorbei ist.`"
Reinhardt Arndt begleitet auch sterbende Menschen
Reinhardt Arndt sagt:
Ein Krebspatient hat mir einmal gesagt:
Ich glaube, dass mit meinem Körper noch nicht alles vorbei ist.
Reinhardt Arndt ist 84 Jahre alt.
Er arbeitet seit 12 Jahren freiwillig im ambulanten Hospiz-Dienst.
Auch er sagt:
Diese Arbeit gibt viel zurück.
Er hat viele Erinnerungen an die Menschen gesammelt, die er begleitet hat.
Diese Erinnerungen bewahrt er in einem Ordner auf.
Darin sind zum Beispiel:
- Notizen über Treffen
- Bilder
- Parkscheine
- Todesanzeigen
Er hebt Dinge auf, wenn sie ihn an besondere Momente erinnern.
Wenn es passt, geht Reinhardt Arndt auch zu den Beerdigungen.
Auch Reinhardt Arndt kennt Trauer
Reinhardt Arndt hat selbst große Trauer erlebt.
Seine Eltern starben innerhalb von einem Jahr.
Damals war er 25 Jahre alt.
Auch eines seiner Kinder ist gestorben.
Dieser Schmerz ist bis heute da.
Reinhardt Arndt sagt:
Solche Erlebnisse bringen einen dazu, über Trauer und Tod nachzudenken.
Später wurde ein Freund von ihm schwer krank.
Reinhardt Arndt begleitete ihn mehrere Jahre lang.
Bis zu seinem Tod.
In einem Altenheim in Lürrip sah Reinhardt Arndt, wie dort mit dem Tod umgegangen wird.
Dort werden Verstorbene nicht heimlich durch eine Hintertür weggebracht.
Sie werden durch den Vordereingang gebracht.
Reinhardt Arndt sagt:
Das ist sehr respektvoll.
Der Tod gehört dort zum Leben.
Das hat mich beeindruckt.
Kleine schöne Momente am Lebensende
Wenn Reinhardt Arndt von seiner Arbeit erzählt, klingt er sehr lebendig.
Er erinnert sich an einen Mann.
Der Mann wollte in seinen letzten Wochen noch schöne kleine Momente erleben.
Reinhardt Arndt trank regelmäßig mit ihm einen Schnaps.
Später bekam Reinhardt Arndt die Gläser geschenkt.
Heute bewahrt er sie gut auf.
Er erinnert sich auch an eine Frau.
Ihr Enkel war drogenabhängig.
Er nahm ihr das Morphium weg.
Morphium ist ein starkes Schmerz-Mittel.
Und Reinhardt Arndt erinnert sich an eine Frau im Rollstuhl.
Sie wollte immer vor die Tür gefahren werden.
Dort rauchte sie eine Zigarette.
Ein Krebspatient sagte einmal zu Reinhardt Arndt:
Ich glaube, dass mit meinem Körper noch nicht alles vorbei ist.
Reinhardt Arndt findet diesen Gedanken schön.
Nach dem Tod
Manchmal hat Reinhardt Arndt auch nach dem Tod eines Patienten noch Kontakt zur Familie.
Das passiert aber nicht sehr oft.
Hospiz-Begleiterinnen und Hospiz-Begleiter sind selten genau beim Sterben dabei.
Manchmal erfahren sie auch nicht sofort, wenn ein Mensch gestorben ist.
Renate Haase sagt:
Angehörige rufen danach nur selten an.
Manchmal gibt es auch keine Angehörigen.
So war es bei einer Frau.
Renate Haase besucht regelmäßig ihr Grab.
Dann macht sie die Grabplatte sauber.
So sieht das Grab gepflegt aus.
Warum sie diese Arbeit machen
Renate Haase und Reinhardt Arndt erklären ihre Arbeit mit ihrer eigenen Lebensgeschichte.
Reinhardt Arndt sagt:
Ich bin sehr dankbar, dass es mir so gut geht.
Vor fast 5 Jahren hatte er Krebs.
Eine Operation rettete sein Leben.
Er sagt:
Das war mein zweites Leben.
Dann lernt man, dankbar und bescheiden zu sein.
Auch Renate Haase ist dankbar.
Sie sagt:
Ich hatte und habe ein gutes Leben.
Ich möchte etwas zurückgeben.
Das gilt für sie auch nach dem Tod eines Menschen.
Zum Beispiel bei der Beerdigung.
Renate Haase sagt:
Ich finde es wichtig, dass man den Menschen den letzten Weg so schön wie möglich macht.
Die eigene Beerdigung planen
Renate Haase denkt auch über ihren eigenen Tod nach.
Sie möchte ihre eigene Beerdigung mit einem Bestatter planen.
Reinhardt Arndt hat das noch nicht gemacht.
Aber auch er denkt über sein eigenes Sterben nach.
Der Tod macht ihm heute nicht mehr so viel Angst.
Das erlebt er auch bei den Menschen, die er begleitet.
Er sagt:
Viele Menschen werden ruhig, wenn sie alt sind.
Oder wenn das Leben sehr schwer geworden ist.
Renate Haase erlebt das ähnlich.
Sie sagt:
Die meisten älteren Menschen sind auf das Sterben vorbereitet.
Sie sind ruhig.
Das Ehrenamt gibt Kraft
Reinhardt Arndt liest manchmal einen Brief.
Diesen Brief hat er im Kurs zum Hospiz-Begleiter an sich selbst geschrieben.
Damals hatte er Sorge.
Er dachte:
Vielleicht wird mir dieses Ehrenamt zu viel.
Heute weiß er:
Das ist nicht passiert.
Im Gegenteil.
Die Arbeit ist so geworden, wie er es sich vorgestellt hat.
Reinhardt Arndt möchte weiter als Hospiz-Begleiter arbeiten.
So lange er kann.



