„Die Rede von der Staatsraison war oft nur Gerede und billige Rhetorik.“
Es gibt plötzlich viel mehr Straftaten gegen Jüdinnen und Juden.

Professor Stephan Grigat spricht mit Studierenden.
Er forscht an der Katholischen Hochschule Aachen.
Seine Themen sind Antisemitismus und Rassismus.
Stephan Grigat ist Professor.
Er beschäftigt sich mit Antisemitismus.
Das bedeutet: Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden.
Er leitet das Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien.
Die Abkürzung ist CARS.
Das Centrum gehört zur Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Aachen.
Im Gespräch erklärt Stephan Grigat:
Welche Gefahren gibt es durch Antisemitismus?
Und wie sieht er den Krieg zwischen Israel und dem Iran?
Frage:
Was macht Ihr Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien?
Stephan Grigat:
Unser Centrum wurde im Jahr 2020 gegründet.
Seit 2022 bin ich Professor und Leiter dort.
Unser Centrum hat zwei wichtige Schwerpunkte.
Erstens:
Wir arbeiten viel mit der Kritischen Theorie.
Das ist eine bestimmte Art, über Gesellschaft nachzudenken.
Wichtige Personen dafür waren Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.
Sie gehörten zur Frankfurter Schule.
Zweitens:
Wir beschäftigen uns mit Formen von Antisemitismus, die oft zu wenig beachtet werden.
Dazu gehören:
- Antisemitismus gegen Israel
- islamistischer Antisemitismus
- Antisemitismus in der politischen Linken
Wir beschäftigen uns aber auch mit traditionellem Antisemitismus.
Den findet man besonders oft in der politischen Rechten.
Frage:
Ist Antisemitismus eine Form von Rassismus? Oder ist Antisemitismus etwas Eigenes?
Grigat:
Es ist gut, dass wir Antisemitismus und Rassismus gemeinsam anschauen.
Wir untersuchen:
Was haben Antisemitismus und Rassismus gemeinsam?
Und was ist unterschiedlich?
Antisemitismus ist nicht einfach nur eine Form von Rassismus.
Beides funktioniert unterschiedlich.
Aber beides muss bekämpft werden.

© Snowscat - unsplash.com
Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit: Der Holocaust forderte Millionen Opfer. Unter anderem in Yad Vashem wird an sie erinnert.
Frage:
Seit dem 7. Oktober gibt es in Deutschland viel mehr antisemitische Straftaten. Josef Schuster vom Zentralrat der Juden sagte: Er erkennt sein Land nicht mehr wieder.
Grigat:
Ja, es gibt deutlich mehr antisemitische Vorfälle und Straftaten.
Dazu gehören auch körperliche Angriffe.
Das ist gut belegt.
Zum Beispiel durch RIAS.
RIAS bedeutet: Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus.
Wir arbeiten mit RIAS zusammen.
Und zwar in den Bundesländern und auf Bundesebene.
Leider hat der 7. Oktober nicht dazu geführt, dass viele Menschen erschrocken sind und nachdenken.
Am 7. Oktober hat die Hamas viele Menschen in Israel ermordet.
Das war ein antisemitischer Massenmord.
Danach gab es weltweit noch mehr Antisemitismus.
Das passiert in fast allen Gesellschaften.
Das ist sehr traurig.
Frage:
Was kann man gegen Antisemitismus tun?
Grigat:
Ich setze auf Aufklärung.
Das bedeutet:
Menschen sollen lernen, selbst zu denken.
Sie sollen Verantwortung übernehmen.
Sie sollen stärker werden gegen falsche und gefährliche Bilder über andere Menschen.
Aber Aufklärung hat Grenzen.
Manchmal reichen Bildung und Gespräche nicht aus.
Dann muss die Gesellschaft klare Grenzen setzen.
Auch international muss man klare Grenzen setzen.
Gegen offenen Antisemitismus muss man hart vorgehen.
Adorno sagte dazu:
Man soll Machtmittel „ohne Sentimentalität“ einsetzen.
Ich denke:
Das gilt auch weltweit.
Zum Beispiel für das Mullah-Regime im Iran.
Damit ist die religiöse Führung im Iran gemeint.
Reden und Verhandeln reichen nicht immer.
Man muss diesem Regime Grenzen zeigen.
Wenn nötig auch mit militärischen Mitteln.
Frage:
Ist „Antisemitismus“ der richtige Begriff? Oder sollte man besser „Judenhass“ sagen?
Grigat:
Über diese Frage wird schon lange gesprochen.
Der Begriff Antisemitismus ist aber fest eingeführt.
Er bedeutet nicht genau dasselbe wie Antijudaismus.
Antijudaismus ist eine ältere Form von Judenfeindschaft.
Sie kommt oft aus der Religion.
Aus religiösem Judenhass entstand später der moderne Antisemitismus.
Dieser moderne Antisemitismus war oft rassistisch.
Beide Formen sind auch eine Grundlage für antisemitischen Antizionismus.
Antizionismus bedeutet hier: Ablehnung des jüdischen Staates Israel aus antisemitischen Gründen.
Frage:
Welche Definition von Antisemitismus nutzen Sie?
Es gibt verschiedene Definitionen.
Zum Beispiel:
- die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus
- die Definition der International Holocaust Remembrance Alliance, kurz IHRA
Die IHRA-Definition wird in Deutschland oft genutzt.
Grigat:
Keine dieser Definitionen kann Antisemitismus vollständig erklären.
Um Antisemitismus wirklich zu verstehen, braucht man auch eine Kritik der Gesellschaft.
Bei den Definitionen geht es vor allem um Politik.
Die IHRA-Definition finde ich politisch sehr sinnvoll.
Ich empfehle Einrichtungen, diese Definition zu nutzen.
Die Jerusalemer Erklärung ist nicht unpolitisch.
Sie ist sogar sehr politisch.
Ihr großes Problem ist:
Sie entschuldigt bestimmte Formen von Antisemitismus gegen Israel.
Darum überrascht es nicht, dass Nachrichtenagenturen des iranischen Regimes diese Erklärung gut finden.
Das iranische Regime ist antisemitisch.
Schon deshalb sollte man die Jerusalemer Erklärung sehr kritisch sehen.
Frage:
Es gibt linken, rechtsradikalen und islamistischen Antisemitismus. Ist Antisemitismus heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen?
Grigat:
Ja.
Antisemitismus war in der Mitte der Gesellschaft nie weg.
In letzter Zeit zeigt er sich dort besonders oft als Ablehnung des jüdischen Staates Israel.
Oder als Vorurteil gegen Israel.

© Katho Aachen - Uta Wagner
Professor Stephan Grigat leitet seit 2022 das Centrum für Antsemitismus- und Rassismusstudien an der Katho Aachen.
Frage:
Darf man als Deutscher und Nicht-Jude die israelische Regierung kritisieren?
Grigat:
Ich finde diese Kategorien in der Debatte nicht so wichtig.
Oft wird behauptet:
Man darf Israel nicht kritisieren.
Oder: Kritik an Israel ist tabu.
Das stimmt nicht.
Viele Menschen kritisieren Israel:
- Parteien
- Professorinnen und Professoren
- Studierende
- Liberale
- Linke
- Rechte
Und viele sagen gleichzeitig:
Man darf Israel nicht kritisieren.
Kritik an einer Regierung ist ganz normal.
Auch in Israel selbst gibt es viele Diskussionen über die aktuelle Regierung.
Israel ist eine liberale und vielfältige Gesellschaft.
Aber etwas anderes ist:
Wenn Menschen Israel das Recht auf einen eigenen Staat absprechen.
Oder wenn sie Israel das Recht auf Selbstverteidigung absprechen.
Das passiert sehr oft.
Und dahinter stehen häufig antisemitische Vorurteile.
Frage:
Was erwarten Sie in Zukunft von den Kirchen?
Grigat:
In der katholischen und evangelischen Kirche gibt es viele unterschiedliche Meinungen.
Das ist ähnlich wie in anderen Einrichtungen.
Ich wünsche mir:
Die Kirchen sollen antisemitische Aussagen klarer kritisieren.
Dazu zähle ich auch die dauernde Kritik an Israels militärischer Selbstverteidigung.
Das ist besonders wichtig, weil es in beiden Kirchen eine lange Geschichte von Antisemitismus gibt.
Frage:
Sie haben an der RWTH Aachen einen Vortrag gehalten.
Der Titel war: „Aufklärung statt Ausgrenzung: Antisemitismus im Fokus“.
Dort haben Sie über die Bedrohung Israels durch den Iran gesprochen.
Zwei Tage später griffen die USA den Iran an.
Wie bewerten Sie das?
Grigat:
Ich war von den Angriffen auf die iranischen Atomanlagen nicht überrascht.
Einige europäische Politiker kritisieren diese Angriffe.
Ich finde diese Kritik verlogen.
Europäische Politiker hatten 30 Jahre Zeit, nicht-militärische Maßnahmen umzusetzen.
Sie hätten also mit anderen Mitteln gegen das iranische Regime vorgehen können.
Aber die europäische und deutsche Politik hat lieber auf Handel gesetzt.
Dadurch konnte das iranische Regime sein Atomprogramm weiter aufbauen.
Seit 30 Jahren warnen israelische Regierungen.
Sie haben immer wieder harte Sanktionen gegen den Iran gefordert.
Aber diese Forderungen wurden nicht erfüllt.
Deshalb sah Israel sich gezwungen, selbst zu handeln.
Ich halte die Militärschläge gegen die Ajatollah-Diktatur für praktizierte Kritik am Antisemitismus.
Denn im Iran herrscht ein antisemitisches Regime.
Genau deshalb ist das Atomprogramm so gefährlich.
Frage:
Wie beurteilen Sie die Aussagen der Bundesregierung dazu?
Bundeskanzler Merz sagte:
Israel erledige für uns „die Drecksarbeit“.
Er lobte auch den US-Angriff auf die Atomanlagen.
Außenminister Wadephul sagte dagegen:
Der Angriff sei „bedauerlich“.
Grigat:
Die Aussage von Wadephul halte ich für falsch.
Ich hätte mir eine deutlichere Unterstützung für Israel gewünscht.
Vor allem hätte ich mir mehr Selbstkritik gewünscht.
Deutschland sollte seine eigene Iran-Politik kritisch prüfen.
Noch immer machen Firmen Milliardengeschäfte mit dem Iran.
Und die Revolutionsgarden stehen immer noch nicht auf der Terrorliste.
Die Revolutionsgarden sind ein wichtiger Teil des iranischen Machtapparats.
Frage:
Wie wird sich der Konflikt zwischen Israel und dem Iran weiterentwickeln?
Grigat:
Ob es ernsthafte Verhandlungen geben wird, kann man noch nicht sagen.
Das iranische Atomwaffenprogramm ist nicht weg.
Es wurde nur beschädigt und zurückgeworfen.
Der Iran wird weiter Uran anreichern.
Und die Drohungen gegen Israel werden weitergehen.
Aber es gibt auch eine positive Entwicklung.
Die sogenannte Widerstandsachse des Iran ist deutlich geschwächt.
Dazu gehören:
- die Hamas
- die Hisbollah
- die Huthis
Außerdem gibt es durch die Abraham-Abkommen eine Art Gegenbündnis.
Zu diesem Bündnis gehören Länder, die ihre Beziehungen zu Israel normalisiert haben:
- Vereinigte Arabische Emirate
- Bahrein
- Marokko
Auch Saudi-Arabien bewegt sich in diese Richtung.
Dieser Prozess wird wahrscheinlich weitergehen.
Ich finde dieses Gegenmodell sehr wichtig und gut.
Unser Centrum hat dazu ein Forschungsprojekt.
Es beschäftigt sich mit den Abraham-Abkommen.
Frage:
Angela Merkel sagte im Jahr 2008: Die Sicherheit Israels gehört zur deutschen Staatsraison. Sie sagen: In Wirklichkeit war das viele Jahre nicht so. War das ein Fehler?
Grigat:
Die Rede von der Staatsraison war oft nur hohles Gerede und billige Rhetorik.
Staatsraison bedeutet hier:
Die Sicherheit Israels soll ein besonders wichtiges Ziel deutscher Politik sein.
Aber wenn die Bundesregierung keine harten Sanktionen gegen das Regime im Iran beschließt, dann hilft sie dem schlimmsten Feind des jüdischen Staates.
Wir brauchen eine vollständige Wende in der deutschen Iran-Politik.

© Verlag Barbara Budrich
Lesenswert
Zur weiteren Lektüre empfiehlt sich dieses Buch:
Stephan Grigat:
Vom Antijudaismus zum Hass auf Israel – Interventionen zur Kritik des Antisemitismus
Schriften der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Band 45.
Verlag Barbara Budrich, Opladen 2025.
Das Buch gibt es auch als E-Book im Open Access.
Das bedeutet: Man kann es kostenlos online lesen.
ISBN: 978-3-8474-3280-7
© Verlag Barbara Budrich
Hinweis:
Dieser Text in Einfacher Sprache wurde mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt.
Er dient nur zur Information.
Er ist rechtlich nicht bindend.
Gültig ist nur das Original im Alltagssprach-Deutsch.



