»Das Festival ist unser Selbstschutz«

Das Ehepaar Lohmeyer lebt seit 20 Jahren Tür an Tür mit Nazis. Der Kirchenzeitung erklärt Birgit Lohmeyer, warum es wichtig ist, Haltung zu zeigen.

Campino,Sänger der Toten Hosen, singt auf einer beleuchteten Bühne

© dpa/Jens Büttner

Auch im Jahr 2025 spielten die Toten Hosen beim Festival „Jamel rockt den Förster“.

Von Kathrin Albrecht

Im Jahr 2025 war lange unklar:
Kann das Festival „Jamel rockt den Förster“ stattfinden?
Der Grund war:
Die Gemeinde wollte plötzlich 8000 Euro Geld für eine Wiese haben.
Diese Wiese durften die Veranstalter früher kostenlos benutzen.
Die Veranstalter fanden:
Das ist nicht gerecht.
Deshalb meldeten sie das Festival als politische Versammlung an.
Damit wollten sie gegen die Forderung protestieren.
Danach gab es lange Streit vor Gericht.
Das Festival gibt es seit dem Jahr 2007.
Es wird vom Verein GFS gemacht.
Den Verein haben Birgit Lohmeyer und Horst Lohmeyer gegründet.
Die beiden leben in Jamel.
Jamel ist ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern.
Dort wohnen sehr viele Neonazis.
Neonazis sind Menschen mit einer rechtsextremen Haltung.
Sie finden die Ideen der Nationalsozialisten gut.
Diese Ideen sind menschenfeindlich und gefährlich.
Das Festival setzt ein Zeichen:
für Demokratie,
für Toleranz
und gegen Rechtsextremismus.

Für dieses Engagement bekommen Birgit und Horst Lohmeyer den Aachener Friedenspreis.

Kathrin Albrecht hat mit Birgit Lohmeyer gesprochen.

Warum seid Ihr nach Jamel gezogen?

Birgit Lohmeyer sagt:
Wir sind im Jahr 2004 nach Jamel gezogen.
Wir wussten damals nicht genau, wie die Lage im Dorf ist.
Wir wussten nur:
In Jamel lebt Sven Krüger.
Er ist Neonazi und war Politiker der NPD.
Wir dachten:
Mit einem Neonazi im Dorf kommen wir zurecht.
Aber ungefähr eineinhalb Jahre später kamen immer mehr Menschen aus der rechtsextremen Szene nach Jamel.
Sie kauften dort Häuser.
Seitdem ist es so wie heute:
Sehr viele Menschen im Dorf gehören zur rechtsextremen Szene.

Warum wolltet Ihr aufs Land ziehen?

Birgit Lohmeyer sagt:
Wir wollten raus aus der Stadt.
Wir hatten lange in Hamburg gelebt.
Zum Beispiel 15 Jahre auf St. Pauli.
Dann wollten wir etwas anderes.
Wir suchten ein Haus im Internet.
So fanden wir das alte Forsthaus in Jamel.
Wir verliebten uns sofort in das Haus.
Es war genau das, wovon wir geträumt hatten.
Und das ist es bis heute.

Seid Ihr Fachleute für Rechtsextremismus geworden?

Birgit Lohmeyer sagt:
Ja, irgendwie schon.
Wir mussten uns mit den Menschen im Dorf beschäftigen.
Viele von ihnen wollen, dass wir wieder wegziehen.
Wir wollten verstehen:
Wer sind diese Leute?
Was wollen sie?
Heute arbeiten wir auch in der politischen Bildung.
Wir halten Vorträge.
Durch unsere Situation im Dorf ist ein neues Thema in unser Leben gekommen.

Ihr wurdet schon mehrfach angegriffen. Hattet Ihr nie das Gefühl: Jetzt reicht es?

Birgit Lohmeyer sagt:
Nein.
Dieses Gefühl hatten wir nie.
Im Gegenteil:
Die Angriffe und Straftaten zeigen uns:
Wir sind genau am richtigen Ort.
Wir wollen dort widersprechen.
Wir wollen nicht kampflos aufgeben.
Und wir wollen den Rechtsextremen das Dorf nicht einfach überlassen.

Wie haltet Ihr das aus?

Birgit Lohmeyer sagt:
Für uns ist es auszuhalten.
Wir kommen aus der Großstadt.
Wir sind es nicht gewohnt, sehr enge Kontakte zu Nachbarn zu haben.
Wir wollten Ruhe.
Wir wollten Zeit für Kreativität.
Und wir wollten die Natur genießen.
Wir haben Freundinnen und Freunde in der Region.
Aber es sind nicht viele.
In diesem Jahr merken wir wieder:
Manche Menschen in der Region haben weniger Probleme mit den Nazis als mit uns Lohmeyers.

Warum ist das so?

Birgit Lohmeyer sagt:
Da kommt vieles zusammen.
Bei der Bundestagswahl bekam die AfD in Mecklenburg-Vorpommern 37 Prozent der Stimmen.
Nicht alle Wählerinnen und Wähler sind harte Nazis.
Aber viele Menschen sagen:
Das sind doch die Jungs von hier.
Viele Menschen sind auch eingeschüchtert.
Sie haben Angst vor den Rechtsextremen.
Außerdem leben wir im Gebiet der früheren DDR.
Viele ältere Menschen haben früher in einer Diktatur gelebt.
Sie haben gelernt, sich anzupassen.
Heute leben wir in einer Demokratie.
In einer Demokratie muss man Verantwortung übernehmen.
Nicht nur für sich selbst.
Sondern auch für die Gesellschaft.
Das fällt manchen Menschen schwer.
Sie ziehen sich lieber ins Private zurück.

Wie hat das Festival angefangen?

Birgit Lohmeyer sagt:
Wir hatten das Gefühl:
Wir sind den Nazis schutzlos ausgeliefert.
Deshalb haben wir entschieden:
Wir brauchen Öffentlichkeit.
Dann fühlen wir uns geschützter.
Die Menschen in der Region sollten erfahren, was in Jamel passiert.
Deshalb haben wir Kultur-Veranstaltungen gemacht.
Daraus entstand das Festival „Jamel rockt den Förster“.
Das Festival ist für uns Selbstschutz.
Und es ist politische Bildung.

Das Ehepaar Lohmeyer, Organisatoren des Festivals "Jamel rockt den Förster" , in Aachen

© Michael Klarmann

Birgit und Horst Lohmeyer sind Preisträger des Aachener Friedenspreises 2025.

Heute spielen bekannte Bands bei Euch. Wie kam das?

Birgit Lohmeyer sagt:
Ein wichtiger Schritt war im Jahr 2014.
Die Amadeu-Antonio-Stiftung half uns.
Sie hatte Kontakt zu Marian Gold.
Er ist der Sänger von Alphaville.
Alphaville trat dann bei uns auf.
Im Jahr 2015 gab es einen Brandanschlag.
Unser Haus brannte fast ab.
Die Flammen drohten, auf unser Wohnhaus überzugreifen.
Trotzdem sollte das Festival stattfinden.
Dann rief das Management der Toten Hosen an.
Die Band hatte einen Bericht über den Brandanschlag gesehen.
Sie wollte bei uns ein Benefiz-Konzert spielen.

Benefiz bedeutet:
Die Band spielt für einen guten Zweck.

Seit dem Jahr 2016 kommen viele bekannte Künstlerinnen und Künstler zu uns.
Die Toten Hosen haben uns weitere Unterstützung versprochen.
Ihre Agentur hilft uns jedes Jahr.
So bekommen wir immer ein tolles Programm.
Die Agentur macht das fast ehrenamtlich.

Warum sagt Ihr vorher nicht, welche Bands auftreten?

Birgit Lohmeyer sagt:
Früher sagten manche Menschen:
Wenn ich gewusst hätte, dass diese Band spielt, wäre ich auch gekommen.
Das wollen wir nicht.
Wir wollen ein Publikum, das wegen des ganzen Festivals kommt.

Das Festival bietet:

  • Information,
  • Aufklärung
  • und Stärkung für Menschen, die sich für Demokratie einsetzen.

Bekommt Ihr Unterstützung aus der Politik?

Birgit Lohmeyer sagt:
Man muss unterscheiden:
Es gibt die Politik im Land.
Und es gibt die Politik vor Ort.
Die Landespolitik unterstützt uns.
Mecklenburg-Vorpommern wird von der SPD regiert.
Manuela Schwesig ist Schirmherrin des Festivals.
Auch Birgit Hesse unterstützt das Festival.
Sie ist Präsidentin des Landtags.

Aber das hilft wenig, wenn die Behörden vor Ort uns Probleme machen.
Manche werfen uns vor:
Wir machen das Festival nur, um Geld zu verdienen.
Oder um in den Medien zu sein.
Das stimmt nicht.
In diesem Jahr merken wir das besonders.
Wir haben das Festival als politische Versammlung angemeldet.
Deshalb ist der Landkreis zuständig.
Der Landrat ist dort der Chef.
Wir haben ihn mehrfach zum Festival eingeladen.
Er hat nie geantwortet.
Jetzt spricht er vor den Medien schlecht über das Festival.

Helfen Preise wie der Aachener Friedenspreis?

Birgit Lohmeyer sagt:
Ja und nein.
Ja, weil Preise uns stärken.
Und sie stärken auch alle Menschen, die uns in Deutschland unterstützen.
Nein, weil manche Menschen dann neidisch werden.
Aber ich glaube:
Die gute Wirkung ist größer als die schlechte Wirkung.

Kann man Zivilcourage lernen?

Birgit Lohmeyer sagt:
Ja, natürlich.

Zivilcourage bedeutet:

  • Man zeigt Mut.
  • Man hilft anderen.
  • Und man widerspricht, wenn Menschen schlecht behandelt werden.

Es gibt viele Angebote dazu.
Zum Beispiel Seminare gegen dumme Sprüche am Stammtisch.
Oder Veranstaltungen über Nazis und Faschisten.

Dort kann man lernen:

  • Was wollen Rechtsextreme?
  • Woran erkennt man sie?
  • Wie kann man ihnen widersprechen?

Wichtig ist:
Man sollte nicht allein kämpfen.
Man sollte sich mit anderen zusammenschließen.
Dann ist man stärker gegen Beleidigungen und Angriffe.

Kann die Kirche dabei helfen?

Birgit Lohmeyer sagt:
Ja, Kirche kann helfen.
Aber Kirche darf sich nicht verstecken hinter Sätzen wie:
Man muss doch mit allen reden.
Oder:
Kirche soll nicht politisch sein.
Kirche kann besonders in der Arbeit mit Jugendlichen viel für Demokratie tun.
Aber Kirche muss eine klare Grenze ziehen.
Sie muss sagen:
Mit Rechtsextremen machen wir nicht mit.

Nehmen wir den Rechtsruck einfach hin?

Birgit Lohmeyer sagt:
Ich bin in Westdeutschland geboren.
Viele Menschen in Westdeutschland dachten lange:
Demokratie ist sicher.
Demokratie ist die beste Gesellschaftsform, die wir kennen.

Auch ich habe lange nicht verstanden:
Wir müssen alle aktiv etwas tun, damit die Demokratie bleibt.
Jetzt müssen wir aufwachen.
Es ist höchste Zeit, für die Demokratie auf die Straße zu gehen.

Anfang 2024 haben das viele Menschen getan.
Das war sehr gut.
Aber danach wurde es wieder weniger.
Jeder Mensch kann im eigenen Umfeld etwas tun.
Man kann das Zusammenleben besser machen.
Dann haben Rechtsextreme weniger Erfolg.
Denn Rechtsextreme tun oft so, als würden sie sich um unzufriedene Menschen kümmern.
So wollen sie diese Menschen auf ihre Seite ziehen.

Machen wir es Rechtspopulisten zu leicht?

Birgit Lohmeyer sagt:
In Mecklenburg-Vorpommern gibt es gerade eine Initiative von einigen Politikern der CDU.
Sie wollen die Brandmauer zur AfD einreißen.

Brandmauer bedeutet:
Demokratische Parteien arbeiten nicht mit der AfD zusammen.

Wenn die CDU diese Grenze aufgibt, schadet sie sich selbst.
Es gibt Unterschiede zwischen Politik im Bund, im Land und in den Gemeinden.
Manche Politikerinnen und Politiker wollen auf höherer Ebene Abstand zur AfD halten.
Aber vor Ort machen sie es nicht.
Ich finde das falsch.
Ich glaube:
Abgrenzung ist richtig.
Man muss sich klar von Faschisten abgrenzen.

Faschisten sind Menschen, die gegen Demokratie sind.
Sie wollen andere Menschen unterdrücken.
Es hilft nicht, wenn wir sie normal behandeln.
Auch wenn sie so tun, als seien sie Opfer.

Sollte die AfD verboten werden?

Birgit Lohmeyer sagt:
Ja.
Die AfD ist eine rechtsextreme Partei.
Sie will unsere offene und demokratische Gesellschaft abschaffen.
Das sollten wir uns nicht gefallen lassen.
Demokratie muss stark sein.
Ein Verbot wäre eine Möglichkeit.
Die AfD bekommt Geld vom Staat.
So ist es im Parteiengesetz geregelt.
Aber das bedeutet:
Wir bezahlen unsere Feinde mit.

Manche sagen: Man muss die AfD mit Argumenten stellen. Was sagst Du dazu?

Birgit Lohmeyer sagt:
Bei der AfD und anderen Rechten funktioniert das oft nicht.
Sie arbeiten nicht wirklich mit Inhalten.
Viele Menschen in unserem Umfeld sind schon sehr tief in der rechtsextremen Szene.
Man kann sie kaum noch überzeugen.
Das gilt leider auch für manche Kinder.
Jeder Mensch kann selbst entscheiden, ob er mit Faschisten diskutieren will.
Aber eine feste Ideologie bekommt man oft nicht einfach aus den Köpfen heraus.

Trotzdem sollte man mit Menschen reden, die rechte Ideen gut finden, aber noch nicht fest in der Szene sind.
Mit ihnen sollte man unbedingt diskutieren.
Vielleicht kann man einige von ihnen noch umstimmen.

Hinweis:
Dieser Text in Einfacher Sprache wurde mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt.
Er dient nur zur Information.
Er ist rechtlich nicht bindend.
Gültig ist nur das Original im Alltagssprach-Deutsch.

Lies auch diese Artikel:
  • Kirche & Gesellschaft

    „Demokratie ist nicht selbstverständlich“

    Demokratie muss jeden Tag geschützt werden. Aachen zeigt klar: Wir sind gegen Rechtsextremismus.

  • Kirche & Gesellschaft

    Zu Besuch am rechten Rand

    Die Journalistin und Podcasterin Sally Lisa Starken fragt: Warum wählen manche Menschen die AfD? Sie möchte die Gründe dafür verstehen.

  • Kirche & Gesellschaft

    „Wir geben Judenhass keinen Raum.“

    Dominik Groß ist an der RWTH der Beauftragte gegen Judenhass. Er sagt: Menschen mit Hochschulbildung können und sollen eine klare Meinung zeigen.

  • Kirche & Gesellschaft

    Wie kann Integration in Städten und Gemeinden gelingen?

    Viele streiten über Geflüchtete. Manche geben ihnen die Schuld an Problemen. Gleichzeitig fehlen in Deutschland viele Fachkräfte und Arbeitskräfte.