»Christlicher Nationalismus ist ein Widerspruch«

Wenn Politik und Religion vermischt werden, kann das gefährlich sein. Dann benutzen manche Menschen den Glauben für ihre politischen Ziele. Was kann die Kirche dagegen tun?

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© picture alliance / SZ Photo

„Religion schadet der Demokratie nicht automatisch. Gefährlich wird es, wenn jemand sagt: Nur ich kenne die Wahrheit“, sagt Wolfgang Palaver.

Von Marco Führer

Manche Politiker benutzen religiöse Wörter.
Zum Beispiel reden sie von „Kreuzzügen“.
Oder sie stellen sich selbst als Retter dar.

Das kann gefährlich werden.
Denn dann werden Politik und Religion vermischt.
Dann kann Glaube für politische Ziele benutzt werden.

Professor Doktor Wolfgang Palaver erklärt im Interview:

Nicht Religion ist das eigentliche Problem.
Das Problem ist:
Wenn Menschen ihre eigene Wahrheit absolut setzen.
Also wenn sie sagen: Nur meine Wahrheit gilt.

Warum werden Religion und Politik heute wieder stärker vermischt

Kirchenzeitung: Warum passiert das gerade auf der ganzen Welt häufiger?

Wolfgang Palaver:
Ich glaube: Das hat mit vielen Krisen zu tun.

Eine wichtige Krise waren die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA.
Dazu kamen später die Finanzkrise und die Corona-Pandemie.

Auch die Globalisierung spielt eine Rolle.
Globalisierung heißt: Die Welt ist stark miteinander verbunden.
Menschen, Waren und Informationen bewegen sich schnell über Grenzen hinweg.

Durch die Globalisierung konnten Krisen sich schneller ausbreiten.
Zum Beispiel die Finanzkrise oder die Pandemie.

In Krisenzeiten haben Menschen oft Angst.
Dann suchen sie Sicherheit.
Viele suchen diese Sicherheit in einer festen Gruppe.

Sie denken dann:
Wir gehören zusammen.
Die anderen gehören nicht zu uns.

Das nennt man Tribalismus.
Das bedeutet: Menschen denken stark in Gruppen.
Zum Beispiel: unser Volk gegen andere Völker.
Oder unsere Religion gegen andere Religionen.

Das Denken wird dann sehr einfach:

  • Gut oder böse.
  • Freund oder Feind.
  • Schwarz oder weiß.

Am Anfang wirkt das für manche Menschen beruhigend.
Aber auf Dauer ist es gefährlich.
Es zerstört das Zusammenleben.

War Religion schon immer politisch?

Kirchenzeitung: War Religion also schon immer mit Politik verbunden?

Palaver:
Früher waren Religion und Gesellschaft sehr eng verbunden.
Das war in vielen alten Kulturen so.

Damals galt oft:

  • Der Stamm ist heilig.
  • Der König ist heilig.
  • Der Anführer ist heilig.

Vor etwa 3000 Jahren änderte sich etwas.
Damals entstanden nach und nach die großen Weltreligionen.
Zum Beispiel Judentum, Christentum und andere Religionen.

Die Menschen begannen zu fragen:
Gibt es etwas Größeres als Macht, König und Staat?
Gibt es etwas, das über diese Welt hinausgeht?

Das war etwas Neues.

Auch im Christentum dauerte es lange, bis Kirche und Staat klar getrennt wurden.
Die katholische Kirche hat erst im 20. Jahrhundert deutlich akzeptiert:
Kirche und Staat sollen getrennt sein.

In Krisenzeiten gibt es aber wieder die Gefahr, zurückzufallen.
Dann wollen manche Religion und Politik wieder enger verbinden.

Warum ist christlicher Nationalismus für manche Menschen attraktiv?

Kirchenzeitung:
Warum finden viele Menschen christlichen Nationalismus gut?

Palaver:
Viele Menschen fühlen sich durch die Vielfalt in der Gesellschaft verunsichert.

Es gibt verschiedene Meinungen.
Verschiedene Lebensweisen.
Verschiedene Religionen.
Verschiedene Kulturen.

Das macht manchen Menschen Angst.
Christlicher Nationalismus gibt ihnen dann ein Gefühl von Sicherheit.

Er sagt ihnen:
Du gehörst zu einer festen Gruppe.
Diese Gruppe ist richtig.
Die anderen sind falsch.

Religion beschäftigt sich mit wichtigen Fragen.
Zum Beispiel:
Was ist der Sinn des Lebens?
Was kommt nach dem Tod?
Was ist gut und was ist böse?

Bei solchen Fragen wünschen sich Menschen oft klare Antworten.

Aber christlicher Nationalismus ist eigentlich ein Widerspruch.

Denn das Christentum sagt:
Gott ist für alle Menschen da.
Nicht nur für ein Volk.
Nicht nur für eine Nation.

Nationalismus sagt dagegen:
Das eigene Volk ist wichtiger als andere.

Das passt nicht gut zusammen.

Der Philosoph Henri Bergson hat dazu eine Frage gestellt:
Wie konnten Deutsche und Franzosen im Ersten Weltkrieg gegeneinander kämpfen und sich beide auf denselben Gott berufen?

Seine Antwort war:
Sie glaubten nicht wirklich an einen Gott für alle Menschen.
Sie machten Gott zu einem Gott für ihr eigenes Volk.

Wird das Christentum dann nur für die eigene Gruppe benutzt?

Kirchenzeitung:
Verstehen Nationalisten das Christentum also nur als Religion für die eigene Gruppe?

Palaver:
Ja, oft denken sie so.

Sie benutzen moderne Worte.
Aber ihr Denken ist sehr alt.

Henri Bergson unterschied zwei Arten von Religion:

Die eine Religion ist geschlossen.
Sie gehört nur zu einer Gruppe oder einem Stamm.
Sie stärkt die Abgrenzung gegen andere.

Die andere Religion ist offen.
Sie schaut auf alle Menschen.
Sie fragt nach Gerechtigkeit, Frieden und Liebe.

Diese offene Religion findet Bergson schon bei den jüdischen Propheten.
Und in der Bergpredigt von Jesus Christus.

Die Bergpredigt ist eine wichtige Rede von Jesus in der Bibel.
Dort geht es zum Beispiel um Frieden, Barmherzigkeit und Feindesliebe.

Der Weg von einer geschlossenen zu einer offenen Gesellschaft dauert sehr lange.
Wir sind immer noch auf diesem Weg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben viele Menschen verstanden:
Nationalismus und Ausgrenzung können furchtbar enden.

Deshalb gab es Fortschritte hin zu einer offeneren Gesellschaft.

Aber auch eine offene Gesellschaft hat Probleme.

Welche Probleme hat eine offene Gesellschaft?

Kirchenzeitung:
Welche Probleme meinen Sie?

Palaver:
Ein Beispiel sind die Anschläge vom 11. September 2001.

Diese Anschläge waren kein kleiner Krieg an einem bestimmten Ort.
Die Täter nutzten die Möglichkeiten der offenen Welt.
Zum Beispiel Flugzeuge, moderne Technik und weltweite Kommunikation.

Das machte vielen Menschen Angst.
Seitdem hat sich viel verändert.
Zum Beispiel beim Reisen und bei Sicherheitskontrollen.

Auch die Finanzkrise und die Pandemie haben Menschen verunsichert.

Viele hatten das Gefühl:
Die Welt ist unsicherer geworden.
Wir haben weniger Kontrolle.

Was passiert mit der Demokratie, wenn Religion in politischen Streit kommt?

Kirchenzeitung:
Wie verändert religiöse Sprache politische Debatten?

Palaver:
Das kommt darauf an.

Religion kann der Demokratie helfen.
Der französische Denker Alexis de Tocqueville hat im 19. Jahrhundert über Demokratie in den USA geschrieben.

Er sagte:
Demokratie braucht Religion sogar mehr als eine Monarchie.

Das klingt zuerst überraschend.

Aber er meinte:
In einer Demokratie sind alle Menschen gleich.
Es gibt viele Meinungen.
Menschen streiten miteinander.
Dafür brauchen sie eine Haltung, die sie zusammenhält.

Religion kann dabei helfen.
Zum Beispiel, wenn sie Menschen daran erinnert:

Alle Menschen haben Würde.
Ich soll andere achten.
Ich soll nicht nur an mich denken.

Dann kann Religion gut für die Demokratie sein.

Aber Religion kann auch gefährlich werden.
Nämlich dann, wenn Menschen religiös und zugleich feindselig denken.

Dann sagen sie:
Nur unsere Gruppe hat recht.
Alle anderen liegen falsch.

Dann kann man nicht mehr miteinander sprechen.
Dann wird Demokratie schwierig.

Denn Demokratie braucht Gespräch.
Demokratie braucht Streit ohne Hass.
Demokratie braucht die Bereitschaft zuzuhören.

Passen strenge Religiosität und Demokratie zusammen?

Kirchenzeitung:
Können strenge Religion und Demokratie zusammenpassen?

Palaver:
Das Problem ist nicht Religion an sich.

Das Problem ist ein absoluter Wahrheitsanspruch.

Das bedeutet:
Jemand sagt: Nur ich habe recht.
Nur meine Gruppe kennt die Wahrheit.
Alle anderen irren sich.

Das ist Gift für die Demokratie.

Der Rechtswissenschaftler Hans Kelsen hat gesagt:
Demokratie braucht Menschen, die andere nicht als Feinde sehen.

Demokratie braucht Menschen, die sagen können:
Vielleicht sieht der andere etwas, das ich nicht sehe.

Demokratie ist gemeinsames Suchen nach Wahrheit.
Nicht das Durchsetzen einer Wahrheit mit Gewalt.

Dafür kann eine gute religiöse Haltung helfen.
Zum Beispiel Demut.
Demut heißt: Ich nehme mich selbst nicht zu wichtig.
Ich weiß: Ich kann mich irren.

Es gibt auch einen Unterschied zwischen den USA und Europa.

In den USA ist Demokratie stark aus religiösen Ideen entstanden.
Viele Menschen dort verbanden Religion mit Freiheit.

In Kontinentaleuropa war es anders.
Zum Beispiel in Frankreich.
Dort wurde Demokratie oft gegen die Macht der Kirche erkämpft.

Beim Zweiten Vatikanischen Konzil hat die katholische Kirche viel gelernt.
Das Konzil war ein großes Treffen der katholischen Kirche von 1962 bis 1965.

Damals wurde wichtiger:
Religionsfreiheit ist gut.
Demokratie kann dem Christentum guttun.

Heute sieht man aber gerade in den USA neue Probleme.
Dort werden Demokratie und Religionsfreiheit von manchen wieder infrage gestellt.

Fundamentalismus wird stärker.
Fundamentalismus bedeutet:
Menschen verstehen ihre Religion sehr eng und hart.
Sie lassen kaum andere Meinungen zu.

Wird Religion von rechts und links benutzt?

Kirchenzeitung:
Gilt Ihre Warnung für alle politischen Richtungen?

Palaver:
Ja.

Heute sagen manche Rechte:
Linke benutzen die Rolle des Opfers als Waffe.

Daran ist etwas dran.

Das Christentum hat die Sorge für Opfer sehr wichtig gemacht.
Zum Beispiel die Sorge für Arme, Schwache und Verfolgte.

Manche werfen Linken heute „Wokismus“ vor.
Damit meinen sie: Linke würden ständig Opfer suchen und sich moralisch überlegen fühlen.

Aber Opferdenken gibt es nicht nur links.
Es gibt es auch rechts.

Zum Beispiel stellt sich die AfD oft als Opfer dar.
Sie sagt: Wir werden verfolgt.
Alle sind gegen uns.

Auch Donald Trump stellt sich oft als Opfer dar.
Er sagt: Ich werde ungerecht behandelt.
Er nutzt diese Opferrolle für seine Politik.

Ein sehr extremes Beispiel ist der Nationalsozialismus.

Der Schriftsteller George Orwell schrieb über Hitlers Buch „Mein Kampf“.
Orwell sagte:
Viele Deutsche fühlten sich damals ungerecht behandelt.
Sie erkannten dieses Gefühl auch bei Hitler.
Deshalb folgten sie ihm.

Der Nationalsozialismus nutzte also stark das Gefühl:
Wir sind Opfer.

Das war sehr gefährlich.

Was ist mit Klima-Aktivisten und Kirche?

Kirchenzeitung:
In der Braunkohle-Region bei Aachen gab es Kritik.
Manche sagten: Linke Klima-Aktivisten benutzen die Kirche für ihre Ziele.
Zum Beispiel mit dem Satz: Wir müssen die Schöpfung bewahren.
Wie sehen Sie das?

Palaver:
Dabei geht es oft um zivilen Ungehorsam.

Ziviler Ungehorsam bedeutet:
Menschen verstoßen bewusst gegen ein Gesetz.
Sie tun das, weil sie das Gesetz oder eine politische Entscheidung ungerecht finden.

Aber wichtig ist:
Wer zivilen Ungehorsam leistet, muss die Strafe akzeptieren.

Nur dann ist der Protest glaubwürdig.

Es gibt gute Beispiele dafür.

Martin Luther King kämpfte in den USA gegen Rassismus.
Damals gab es ungerechte Gesetze gegen Schwarze Menschen.
King verstieß bewusst gegen solche Gesetze.
Er ging dafür ins Gefängnis.

Sein Protest machte viele Menschen wach.

Auch Klima-Aktivisten haben gute Gründe für Protest.
Der Klimawandel ist eine große Gefahr.

Aber manche Methoden halte ich für unklug.

Zum Beispiel, wenn sich Menschen auf Straßen festkleben.
Dann stehen andere Menschen im Stau.
Viele werden wütend.

Diese Wut kann der Sache schaden.
Politiker stellen sich dann oft auf die Seite der wütenden Menschen.

Können linke Anliegen religiös überhöht werden?

Kirchenzeitung:
Gibt es die Gefahr, dass linke Politik zu religiös aufgeladen wird?
Zum Beispiel, wenn Menschen für den Schutz der Schöpfung Dinge zerstören.
Oder wenn sie andere Menschen gefährden?

Palaver:
Ja, diese Gefahr gibt es.

Wenn andere Menschen leiden, ist das abzulehnen.
Auch wenn es nur als Nebenfolge passiert.

Politische Aktivisten müssen vorsichtig sein.
Sie dürfen ihre Ziele nicht absolut setzen.

Es kann gut sein, wenn jemand aus tiefer Überzeugung ein Risiko für sich selbst eingeht.
Das kann ein prophetisches Zeichen sein.

Prophetisch bedeutet hier:
Jemand warnt die Gesellschaft und ruft zu Veränderung auf.

Aber das heißt nicht:
Man darf andere Menschen für die eigene Idee opfern.

Das ist falsch.

Wie kann die Kirche verhindern, von Politik benutzt zu werden?

Kirchenzeitung:
Was kann die Kirche tun, damit Politik sie nicht vereinnahmt?

Palaver:
Ich sehe das etwas anders.

Man kann nicht einfach sagen:
Die Religion ist unschuldig.
Und böse Politiker benutzen sie nur.

So einfach ist es nicht.

Religion wird nur dann politisch benutzt, wenn es in der Religion selbst eine Bereitschaft dafür gibt.

Die Kirche muss sich deshalb immer an Jesus Christus orientieren.

Wichtig sind besonders:

Feindesliebe.
Das bedeutet: Ich sehe auch im Gegner einen Menschen.

Und die Sorge für die Geringsten.
Das bedeutet: Die Kirche soll besonders auf Arme, Schwache und Ausgegrenzte achten.

Es darf der Kirche nicht nur um eigene Vorteile gehen.

Wenn die Kirche vom Staat besondere Vorteile bekommt, kann das problematisch werden.
Dann fragen Menschen vielleicht:
Geht es der Kirche wirklich um die Botschaft Jesu?
Oder geht es ihr um Macht und Privilegien?

Die Kirche bleibt glaubwürdig, wenn sie bei ihrer Botschaft bleibt:

Liebe.
Gerechtigkeit.
Schutz der Schwachen.
Offenheit für alle Menschen.

Hinweis:
Dieser Text in Einfacher Sprache wurde mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt.
Er dient nur zur Information.
Er ist rechtlich nicht bindend.
Gültig ist nur das Original im Alltagssprach-Deutsch.

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