Auch beim Sterben darf herzhaft gelacht werden

Als ehrenamtliche Hospizbegleiter stehen Renate Haase und Reinhardt Arndt Menschen in ihrer letzten Lebensphase zur Seite. Das hat auch ihre eigene Einstellung zum Sterben und zum Tod verändert.

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Von Garnet Manecke

Irgendwann kündigt er sich an, der Tod. Niemand soll beim Sterben allein sein. Für manche kommt er plötzlich und unerwartet, andere wissen, dass es bald so weit ist. Weil sie alt sind oder weil sie eine unheilbare Krankheit im Endstadium haben. Lebt man anders, wenn man weiß, dass das Ende nah ist? Kann man sich auf das Sterben vorbereiten?

Und wie begleitet man Menschen, denen der Tod schon seine knöcherne Hand auf die Schulter gelegt hat?

„So unterschiedlich die Menschen im Leben sind, so unterschiedlich sind sie auch im Sterben“, sagt Renate Haase. Seit zehn Jahren ist sie ehrenamtliche Hospizbegleiterin im ambulanten Hospizdienst der Caritas in Mönchengladbach. Seit elf Jahren begleitet sie Menschen während ihrer letzten Lebenszeit. „Ich habe zehn Jahre meinen kranken Mann gepflegt bis zu seinem Tod“, sagt sie. „Danach wollte ich nicht in ein Loch fallen.“ Noch zu seinen Lebzeiten hat sich die damals selbstständige Geschäftsfrau für den Qualifizierungskurs der Caritas angemeldet. „Als mein Mann starb, war der Drive weg und ich habe den Kurs abgebrochen“, sagt die 76-Jährige. 13 Jahre ist das jetzt her.

Nach der akuten Trauerphase kam die Energie wieder und Haase nahm an dem nächsten angebotenen Kurs teil. Im Alter von 68 Jahren gab sie schließlich ihren Beruf auf und erweiterte ihr ehrenamtliches Engagement. „Damals ging ich in die Familien“, erinnert sich Haase. So hat sie die Patienten in ihrer persönlichen Umgebung kennengelernt: Wie sie gelebt haben, was ihnen wichtig war, ob sie in einer Familie lebten oder allein. Diese Nähe erfordert Vertrauen auf beiden Seiten.

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„So unterschiedlich die Menschen im Leben sind, so unterschiedlich sind sie auch im Sterben", sagt Renate Haase.

„Meinen ersten Patienten habe ich vier Jahre begleitet“, erinnert sich Haase. „Das war für mich eine sehr schöne Zeit.“ Der Vorstellung, dass sich Hospizbegleiter aufopfern für die sterbenden Menschen, widerspricht sie. „Wir geben viel, aber wir nehmen auch. Wir bekommen sehr viel zurück.“ Es gibt viele Momente, die sie berühren – im Positiven wie im Negativen. Sie erinnert sich noch an eine Frau, die im Sterben immer nach ihrem Sohn rief. Der aber wollte seine Mutter nicht sehen. „Das ist schon erschütternd“, sagt Haase. „Aber wir bewerten das nicht. Wir wissen ja nicht, was da zuvor geschehen ist und kennen nur die eine Seite.“

Überhaupt ist es wichtig, bei diesem Engagement bei aller Empathie eine gewisse Distanz zu bewahren. Denn das Schicksal der Menschen, die Haase begleitet, ist nicht ihr Schicksal. Sie lernt nur einen kleinen Ausschnitt deren Lebens kennen. „Aber man kann schon sagen, dass jemand, der mit jedem im Streit liegt, daran seinen Anteil hat“, sagt sie. Bloß weil das Leben zu Ende geht, muss der Sterbende kein angenehmer Mensch sein. Haase wendet sich ihm trotzdem zu. Und wenn sie abgewiesen wird? „Dann ziehe ich mich zurück“, sagt sie.

Wer sich die Arbeit der Hospizbegleiter vor allem traurig vorstellt, hat ein falsches Bild. „Wir lachen auch sehr viel mit den Patienten“, sagt Haase. Immer finde sich ein Thema, über das man reden könne. „Es kommt darauf an, was der Patient braucht und möchte“, sagt sie. Zuhören, die Hand halten, miteinander beten oder ein Eis essen gehen: Alles kann, nichts muss.

Mit der Corona-Pandemie hat sich ihre Arbeit verändert. „Die Krankenhausaufenthalte der Patienten sind länger geworden“, sagt Haase. Sie ist nicht mehr so oft in den Familien, sondern geht seit gut eineinhalb Jahren in ein Altenheim in Mönchengladbach-Pongs. Dort betreut sie hauptsächlich Frauen. Viele von ihnen haben früher selbst ihre Partner gepflegt und sind heute allein. Vier Patientinnen besucht Haase derzeit regelmäßig. Wie lange ein Besuch dauert, hängt von der Patientin ab.

Reinhardt Arndt

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Reinhardt Arndt: „Ein Krebspatient hat mir mal gesagt: ,Ich glaube, dass mit meiner physischen Existenz noch nicht alles vorbei ist.`"

Dass das Ehrenamt im ambulanten Hospizdienst sehr erfüllend ist, sieht auch Reinhardt Arndt so. Der 84-Jährige ist seit zwölf Jahren dabei. Seine Erinnerungen an seine Schützlinge füllen inzwischen ein ganzer Ordner. Wie in einem Tagebuch bewahrt er darin Notizen über Begegnungen auf, Bilder und sogar Parkscheine, wenn die ihn an eine Besonderheit erinnern. Auch so manche Todesanzeige findet sich darin. „Ich gehe auch zu den Beerdigungen, wenn sich das ergibt“, sagt Arndt.

Wie Haase hat auch Arndt schon selbst tiefe Trauer erlebt. Seine Eltern starben innerhalb eines Jahres, als er 25 Jahre alt war. Auch eines seiner Kinder musste er schon beerdigen. Ein Schmerz, der bis heute anhält. „Das sind Ereignisse, bei denen man sich mit Trauer und Tod auseinandersetzen muss“, sagt Arndt. Als ein Freund von ihm schwer krank wurde, hat er ihn einige Jahre bis zu dessen Tod betreut. „Im Altenheim in Lürrip habe ich gesehen, wie man dort die Sterbenden begleitet und dass man die Verstorbenen nicht durch eine Hintertür wegbringt, sondern durch den Vordereingang“, berichtet der 84-Jährige. „Das ist so respektvoll. Der Tod gehört dort zum Leben dazu. Das hat mich beeindruckt.“

Wenn er von seinem Engagement erzählt, ist Arndt voller Energie. Da ist der Mann, der sich in seinen letzten Wochen noch kleine Erlebnisse schuf. Mit ihm hat er regelmäßig einen Schnaps getrunken. Die Gläser hat Arndt geerbt und hält sie seitdem in Ehren. Er denkt an die Frau, deren drogensüchtiger Enkel das Morphium gegen ihre Schmerzen an sich nahm. Auch an die Dame, die sich im Rollstuhl immer vor die Tür fahren ließ, um sich eine Zigarette zu gönnen, kann er sich noch gut erinnern. „Ein Krebspatient hat mir mal gesagt: ,Ich glaube, dass mit meiner physischen Existenz noch nicht alles vorbei ist‘“, berichtet Arndt. „Ist das nicht ein schöner Gedanke?“

Mit der einen oder anderen Familie hat er auch nach dem Tod des Patienten noch Kontakt. Aber das ist eher die Ausnahme als die Regel. Beim eigentlichen Sterbeprozess sind die Hospizbegleiter selten dabei. Aber auch das hat er schon erlebt, sagt Arndt. Allerdings sei es viel häufiger, dass die Hospizbegleiter nicht direkt erfahren, wenn einer der Patienten stirbt. „Selten rufen die Angehörigen dann an“, sagt Haase. Manchmal gibt es auch keine Angehörigen. So wie bei der Frau, deren Grab Haase regelmäßig besucht. Dann wischt sie die Grabplatte ab, damit das Grab gepflegt aussieht.

Fragt man Haase und Arndt nach den Gründen ihres Engagements, so verweisen sie auf ihre eigene Biografie. „Ich bin sehr dankbar, dass es mir so gut geht“, sagt Arndt. Vor knapp fünf Jahren hat er eine Krebserkrankung durch eine rettende Operation überstanden. „Das war mein zweites Leben. Da lernst du, demütig zu sein.“ Auch bei Haase spielt Dankbarkeit eine große Rolle: „Ich hatte und habe ein gutes Leben und ich möchte etwas zurückgeben.“ Das gilt für sie über den Tod hinaus auch für die Beerdigung. „Ich finde es wichtig, dass man den Menschen den letzten Weg so schön wie möglich macht“, sagt Haase.

Das gilt nicht nur für andere, sondern auch für sie selbst. Deshalb will sie ihre eigene Beerdigung selbst mit einem Bestatter planen. Arndt hat darüber noch nicht nachgedacht. Dabei ist das eigene Sterben für ihn durchaus ein Thema. Der Tod hat seinen Schrecken verloren. Da geht es ihm wie den Patienten. „Die meisten sind gefasst, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben oder wenn alles beschwerlich wird“, beobachtet er. Eine Erfahrung, die auch Haase macht. „Die meisten sind darauf vorbereitet“, sagt die 74-Jährige. „Wobei wir ja ältere Menschen betreuen und nicht die jüngeren. Die älteren sind ruhig.“

Wenn Arndt heute an den Brief, den er während des Qualifizierungskurses zum Hospizbegleiter an sich selbst geschrieben hat, liest, muss er lächeln. Darin hat er seine Befürchtung niedergeschrieben, dass er mit dem Ehrenamt überfordert sein könnte. Heute weiß er, dass er das nicht ist. Im Gegenteil. „Es ist so eingetroffen, wie ich mir das vorgestellt hatte“, sagt er. Solange er kann, will er sich weiter engagieren.

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