Ziviler Widerstand: Wie eine Gesellschaft Frieden verteidigen kann
Soziale Verteidigung heißt: Menschen halten zusammen. Sie kämpfen nicht mit Waffen. Gewaltfreier Widerstand ist nicht schwach. Er braucht Mut. Und Du kannst dabei mithelfen.

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Eine Gesellschaft kann stark sein, ohne Gewalt zu benutzen.
Das ist die Idee von Sozialer Verteidigung.
Von Marco Führer
Eine Gesellschaft kann sich auch ohne Waffen wehren.
Das nennt man Soziale Verteidigung.
Im Bistum Aachen beschäftigen sich zwei Menschen mit diesem Thema:
- Burchard Schlömer.
Er arbeitet in der Stabsabteilung Kirche im Dialog. - Dr. Stefan Voges.
Er ist Pastoralreferent und leitet den Fachbereich Geistlich leben.
Außerdem ist er geistlicher Beirat der Friedensbewegung pax christi.
Sie erklären, wie ziviler Widerstand funktionieren kann.
Was bedeutet Soziale Verteidigung?
Burchard Schlömer sagt:
Die Idee der Sozialen Verteidigung ist schon alt.
Sie entstand zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.
Soziale Verteidigung bedeutet:
Eine Gesellschaft schützt sich.
Aber sie benutzt keine Waffen.
Sie benutzt friedliche Mittel.
Zum Beispiel:
- Menschen arbeiten nicht mit einer ungerechten Macht zusammen.
- Menschen protestieren friedlich.
- Menschen helfen einander.
- Menschen schützen ihre gemeinsamen Werte.
Soziale Verteidigung kann wichtig werden:
- wenn ein Land besetzt wird,
- wenn es einen Putsch gibt,
- wenn extreme Parteien an die Macht kommen,
- wenn Menschenrechte missachtet werden.
Warum ist Soziale Verteidigung wichtig?
Dr. Stefan Voges sagt:
Bei Sozialer Verteidigung machen viele Menschen mit.
Die Verteidigung ist dann nicht nur Aufgabe von Soldaten.
Eine Besatzung funktioniert nur, wenn Menschen mitmachen.
Wenn sehr viele Menschen nicht mitmachen, wird Herrschaft schwer.
Soziale Verteidigung schützt nicht zuerst Grenzen.
Sie schützt gemeinsame Werte.
Zum Beispiel:
- Freiheit,
- Demokratie,
- Familie,
- Menschenwürde.
Für Christen ist dabei eine Frage wichtig:
Wie kann ich mich verteidigen,
ohne andere Menschen zu töten?
Und wie kann ich nach dem Wort von Jesus handeln:
„Liebt eure Feinde.“
Burchard Schlömer sagt:
Militärische Stärke kann ein Problem werden.
Wenn ein Land immer stärker aufrüstet,
fühlt sich ein anderes Land bedroht.
Dann rüstet dieses Land auch auf.
So entsteht ein Kreislauf:
Ein Land kauft mehr Waffen.
Das andere Land kauft auch mehr Waffen.
Die Gefahr für Krieg wird größer.
Soziale Verteidigung sagt dagegen:
Wir wollen unsere Lebensweise schützen.
Aber wir bedrohen dich nicht.
Braucht Soziale Verteidigung starken Zusammenhalt?
Dr. Stefan Voges sagt:
Ja. Soziale Verteidigung braucht Solidarität.
Solidarität bedeutet:
Menschen halten zusammen.
Sie helfen einander.
Damit darf man nicht erst im Krieg anfangen.
Damit muss man schon vorher beginnen.
Das kann im Kleinen anfangen:
- in der Nachbarschaft,
- im Stadtteil,
- in Vereinen,
- in Kirchengemeinden,
- bei gemeinsamen Projekten,
- auch in der Landwirtschaft.
Am Anfang reicht eine kleine Gruppe.
Diese Gruppe kann wachsen.
Wie viele Menschen müssen mitmachen?
Burchard Schlömer sagt:
Es gibt dazu eine Studie.
Die Forscherinnen heißen Erica Chenoweth und Maria J. Stephan.
Sie sagen:
Wenn 3,5 Prozent der Bevölkerung dauerhaft mitmachen,
kann friedlicher Widerstand sehr stark werden.
3,5 Prozent klingt wenig.
Aber diese Menschen müssen aktiv sein.
Und sie müssen lange durchhalten.
Dann kann Soziale Verteidigung wachsen.
Wie ein Sauerteig, der den ganzen Teig verändert.
Wichtig ist:
Soziale Verteidigung braucht Vorbereitung.
Viele Menschen müssen lernen, wie friedlicher Widerstand geht.
Ein Beispiel ist ein erfolgreicher Widerstand in Minneapolis in den USA.
Dort haben Menschen gegen eine schwer bewaffnete Behörde protestiert.

© Bistum Aachen / Andreas Steindl
„Die soziale Verteidigung möchte unsere Lebensweise verteidigen und dem Gegner signalisieren, dass wir kein Risikopotenzial für ihn bilden", sagt Burchard Schlömer.
Ist Soziale Verteidigung ein Ersatz für Militär?
Burchard Schlömer sagt:
Soziale Verteidigung soll eine Alternative zum Militär sein.
Dahinter steht ein christlicher Gedanke:
Gewaltfreiheit.
Gewaltfreiheit bedeutet nicht:
Ich tue nichts.
Gewaltfreiheit bedeutet:
Ich handle aktiv.
Ich setze mich für wichtige Dinge ein.
Aber ich benutze keine Gewalt.
Wenn ich militärisch handle,
werde ich Teil des Krieges.
Dann kann ich auch selbst ein militärisches Ziel werden.
In Kriegen wird deshalb oft gefragt:
Hatte ein ziviler Ort eine militärische Bedeutung?
Zum Beispiel:
- eine Schule,
- ein Krankenhaus,
- ein Wohnhaus.
Kann ein Staat gewaltfrei handeln?
Burchard Schlömer sagt:
Ein Staat darf Gewalt einsetzen.
Zum Beispiel durch Polizei oder Gerichte.
Aber in einer Demokratie wird diese Gewalt kontrolliert.
Wahlen geben ihr eine Grundlage.
Das ist nicht überall so.
Und es war auch früher nicht immer so.
Vor etwa 100 Jahren wurden politische Konflikte oft mit Gewalt auf der Straße ausgetragen.
Heute lösen moderne Staaten viele Konflikte ohne Gewalt.
Zum Beispiel vor Gericht.
Auch in der Europäischen Union arbeiten 27 Staaten zusammen.
Sie lösen Konflikte meist ohne Gewalt.
Das zeigt:
Wir haben schon viel Gewaltfreiheit erreicht.
Wo hat Soziale Verteidigung Grenzen?
Dr. Stefan Voges sagt:
Ein wichtiger Teil der Sozialen Verteidigung ist aktive Gewaltfreiheit.
Das bedeutet:
Menschen antworten nicht mit Gewalt.
Dadurch überraschen sie den Angreifer.
Sie zeigen:
Schau mich an.
Ich bin ein Mensch.
Ich tue dir nichts.
Aber Gewaltfreiheit schützt nicht immer davor, Gewalt zu erleben.
Ein Problem ist auch:
Aktive Gewaltfreiheit braucht Begegnung.
Menschen müssen einander sehen können.
Bei Waffen aus der Ferne ist das anders.
Zum Beispiel bei:
- Drohnen,
- Raketen.
Hier kann technische Verteidigung nötig sein.
Zum Beispiel eine Abwehr gegen Drohnen oder Raketen.
Aber Abwehr bedeutet nicht Gegenangriff.
Es bedeutet nicht:
Wir zerstören die Städte oder Fabriken des anderen.
Denn auch dort arbeiten Menschen.
Burchard Schlömer sagt:
Soziale Verteidigung entwickelt sich weiter.
Denn Kriege verändern sich.
Der Krieg in der Ukraine zeigt:
Kriege werden anders geführt als früher.
Darum müssen auch friedliche Ideen weiterentwickelt werden.
Heute gibt es neue Fragen:
- Wie gehen wir mit hybrider Kriegsführung um?
- Wie schützen wir Strom, Wasser und Energie?
- Wie verhindern wir, dass wenige Angriffe alles lahmlegen?
- Wie gehen wir mit falschen Informationen um?
Auch darum muss sich Soziale Verteidigung kümmern.
Welche Rolle können Kirchen spielen?
Dr. Stefan Voges sagt:
In der DDR gab es Montagsgebete.
Diese Gebete waren wichtig für den friedlichen Wandel.
Ein Vertreter der Staatsmacht sagte später:
„Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“
Darum können Kirchen etwas Wichtiges tun:
Sie können das Gebet stärken.
Gebete geben Menschen Kraft.
Vor allem, wenn sie Widerstand leisten.
Kirchen haben auch Erfahrung mit Solidarität.
Sie setzen sich für andere ein.
Im Bistum Aachen gibt es im November wieder eine Aktion der Kirchenmusik.
Sie heißt:
„Klangvoll vereint für Frieden und Demokratie“.
Dabei singen Menschen im öffentlichen Raum.
Das ist ein Zeichen.
Es zeigt:
Wir stehen für Frieden.
Wir stehen für Demokratie.
Wir stehen für Menschenwürde.
Burchard Schlömer sagt:
Im Moment müssen wir uns nicht gegen eine Besatzung wehren.
Aber auch bei uns gibt es Gruppen, die Menschenrechte infrage stellen.
Manche hetzen gegen:
- Migranten,
- queere Menschen,
- andere Minderheiten.
Dann muss die Kirche an der Seite der angegriffenen Menschen stehen.
Außerdem bekommen junge Männer wieder Post von der Bundeswehr.
Darum sollte sich die Kirche stärker mit Sozialer Verteidigung beschäftigen.
Die katholischen Bischöfe haben 2024 ein Friedenswort geschrieben.
Darin geht es auch um den Krieg in der Ukraine.
Die Bischöfe sagen:
Bewaffnete Verteidigung kann aus christlicher Sicht erlaubt sein.
Aber Gewaltfreiheit soll zuerst kommen.
Burchard Schlömer findet:
Es fehlt noch ein genauer Plan für Gewaltfreiheit.
Für militärische Verteidigung gibt es Konzepte.
Warum gibt es nicht auch ein gutes Konzept für eine Besatzung ohne Waffen?

© Marco Führer
Dr. Stefan Voges: „Von sozialer Verteidigung profitiert unsere Gesellschaft schon vor dem Ernstfall. Sie funktioniert, indem wir Gemeinschaften stärken.“
Was lernen wir aus der Zeit des Nationalsozialismus?
Burchard Schlömer sagt:
Die Zeit des Nationalsozialismus war für die Kirche sehr wichtig.
Einige Christen haben damals Widerstand geleistet.
Einige lebten Gewaltfreiheit.
Aber viele in der Kirche haben sich auch mit dem Staat arrangiert.
Viele dachten damals:
Der Staat ist von oben gegeben.
Man muss ihm gehorchen.
Erst später hat die Kirche stärker darüber nachgedacht:
- Was bedeutet Gewaltfreiheit im Evangelium?
- Was bedeutet Einsatz für Menschenrechte?
- Wie schützen wir Menschen unabhängig von Herkunft?
- Wie schützen wir Menschen unabhängig von Religion?
Christen aus Ländern im globalen Süden haben oft eigene Erfahrungen mit Sozialer Verteidigung.
Von ihnen können wir lernen.
Ein Beispiel ist die Partnerschaft des Bistums Aachen mit Kolumbien.
In Kolumbien gibt es viele Versöhnungsprozesse.
Viele Menschen üben dort Gewaltfreiheit.
Muss der Staat seine Bürger nicht militärisch schützen?
Dr. Stefan Voges sagt:
Der Staat muss seine Bürger schützen.
Das ist seine Pflicht.
Aber die wichtige Frage ist:
Wie verteidigt ein Staat seine Menschen?
Gibt es auch andere Möglichkeiten als Militär?
Zum Beispiel könnte der Staat in Soziale Verteidigung investieren.
Denkbar wäre eine Art Grundausbildung.
Ähnlich wie beim Wehrdienst.
Menschen könnten dort lernen:
- Konflikte zu lösen,
- in Krisen zu helfen,
- friedlichen Widerstand zu organisieren,
- Zusammenhalt zu stärken.
Das wäre mehr als ein normaler ziviler Ersatzdienst.
Es würde der ganzen Gesellschaft helfen.
Was ist mit Gegnern, die foltern und töten?
Burchard Schlömer sagt:
In Kriegen werden leider oft schlimme Verbrechen begangen.
Auch gegen das Völkerrecht.
Aber eine stark bewaffnete Gesellschaft verhindert nicht automatisch Massaker.
Das hat zum Beispiel der Angriff der Hamas auf Israel gezeigt.
Und Gewalt hat auch keinen Palästinenser freier gemacht.
Die Gewalt von Hamas und Hisbollah schafft keine Sicherheit.
Auch andere Massaker zeigen:
Manchmal hätte die internationale Gemeinschaft früher eingreifen müssen.
Zum Beispiel in Ruanda oder Srebrenica.
Dort hätten UNO-Soldaten ein anderes Mandat gebraucht.
Sie hätten aktiv eingreifen können müssen.
Bei der UNO geht es nicht um die Armee eines einzelnen Staates.
Es geht um die Zusammenarbeit vieler Staaten.
Blauhelme sind eher wie internationale Polizei.
Nicht wie ein normales Militär.
Darum ist wichtig:
Staaten müssen wieder stärker zusammenarbeiten.
Besonders bei Konflikten.
Haben die beiden selbst Gewalt erlebt?
Dr. Stefan Voges sagt:
Ich habe persönlich keine körperliche Gewalt erlebt.
Aber ich war in einem Training für Gewaltfreiheit.
Dort gab es ein Rollenspiel mit einer Gewaltsituation.
Die Aufgabe war:
Wie kann ich Gewalt stoppen, ohne selbst Gewalt anzuwenden?
Meine Lösung war:
Ich habe angefangen zu singen.
Das hat die anderen überrascht.
Auch wenn es nur ein Rollenspiel war.
Aktive Gewaltfreiheit braucht Kreativität.
Man muss überlegen:
Wie kann ich Gewalt unterbrechen?
Wie kann ich ein Muster durchbrechen?
Wie kann ich den Angreifer irritieren?
Ob ich in einer echten Situation genauso reagieren würde, weiß ich nicht.
Aber durch das Training habe ich eine Idee bekommen, was möglich ist.
Kann Frieden ohne Waffen entstehen?
Burchard Schlömer sagt:
Der französische Präsident Emmanuel Macron hat gesagt:
„Um frei zu sein, muss man gefürchtet werden.
Wer gefürchtet sein will, muss stark sein.“
Burchard Schlömer sieht das anders.
Er sagt:
Frei ist, wer Freunde gewonnen hat.
Wer gefürchtet werden will, ist nicht wirklich frei.
Er muss immer dafür sorgen, dass andere Angst vor ihm haben.
Das macht einsam.
Wer sehr schwer bewaffnet ist, lebt oft nicht in innerem Frieden.
Er lebt in der Angst, dass andere noch stärker bewaffnet sein könnten.
Im Alltag ist es ähnlich:
Ich brauche keine starken Muskeln, um mich vor meinem Nachbarn zu schützen.
Wenn ich meinem Nachbarn vertraue.
Und wenn er mir vertraut.
Dr. Stefan Voges sagt:
Waffen können auf Dauer keinen Frieden schaffen.
Gewalt kann manchmal andere Gewalt für kurze Zeit stoppen.
Aber Gewalt schafft noch nichts Gutes.
Die deutschen Bischöfe haben geschrieben:
Frieden muss gestiftet werden.
Vor allem durch Gerechtigkeit.
Und diese Gerechtigkeit muss auch den Feind einschließen.
Papst Leo XIV. hat zum Weltfriedenstag 2026 von einem besonderen Frieden gesprochen:
von einem unbewaffneten und entwaffnenden Frieden.
Das bedeutet:
Frieden entsteht nicht durch Drohung.
Frieden entsteht, wenn Menschen Gewalt abbauen.
Was muss passieren, damit Soziale Verteidigung ernster genommen wird?
Dr. Stefan Voges sagt:
Wir müssen mehr darüber nachdenken:
Was wollen wir eigentlich verteidigen?
Wenn man Menschen fragt, nennen viele:
- Demokratie,
- Freiheit,
- Selbstbestimmung,
- Menschenwürde,
- Zusammenhalt.
Diese Werte können wir schon heute stärken.
Und das geht gewaltfrei.
Darauf kann Soziale Verteidigung aufbauen.

© francescoch
„Aktive Gewaltfreiheit braucht Kreativität – einfach darüber nachzudenken, wie ich Gewalt beenden kann, ohne selbst Gewalt anzuwenden“, sagt Dr. Stefan Voges.



