»Wie tief darf ein Staat in mein Leben eingreifen?«
Vor 20 Jahren wollte Stephan Anpalagan nicht zur Bundeswehr. Heute will er Reservist sein. Er hat ein Buch darüber geschrieben. In dem Buch erklärt er: Darum habe ich meine Meinung geändert.

© Boris Breuer
Stephan Anpalagan beobachtet Politik und Gesellschaft sehr genau.
Er ist oft kritisch.
Das bedeutet: Er schaut genau hin und stellt wichtige Fragen.
Kathrin Albrecht hat mit Stephan Anpalagan gesprochen.
Warum hat Stephan Anpalagan ein Buch geschrieben?
Stephan Anpalagan hat früher den Kriegsdienst verweigert.
Das heißt:
- Er wollte nicht zur Bundeswehr.
- Er wollte keine Waffe tragen.
- Er wollte nicht in einem Krieg kämpfen.
Jetzt hat er seine Meinung geändert.
Er hat sich als Reservist gemeldet.
Ein Reservist ist eine Person, die im Notfall bei der Bundeswehr helfen kann.
Über diese Entscheidung hat er ein Buch geschrieben.
Stephan Anpalagan sagt:
Es gibt zu wenig Raum für Menschen, die unsicher sind.
Viele Menschen fragen sich:
- Was ist richtig?
- Was ist falsch?
- Darf ich meine Meinung nach vielen Jahren ändern?
- Was bedeutet das für mein Leben?
Er sagt auch:
Wir müssen mehr darüber sprechen, welche Werte uns wichtig sind.
Zum Beispiel:
- Freiheit
- Demokratie
- Menschenrechte
- Schutz vor Gewalt
Stephan Anpalagan fragt:
Wie stark darf der Staat in das Leben von Menschen eingreifen?
Zum Beispiel durch eine Wehrpflicht.
Wehrpflicht bedeutet:
Der Staat kann junge Menschen verpflichten, zur Bundeswehr zu gehen.
Stephan Anpalagan findet:
Der Staat muss dabei sehr vorsichtig sein.
Denn eine Wehrpflicht kann für manche Menschen besonders schwer sein.
Zum Beispiel für Menschen, die vor Krieg geflohen sind.
Oder für jüdische Familien.
Viele haben schlimme Erfahrungen mit Krieg, Verfolgung oder Gewalt gemacht.
Stephan Anpalagan möchte mit seinem Buch ein Gespräch anbieten.
Er möchte zeigen:
So eine Entscheidung ist nicht einfach.
Warum hat Stephan Anpalagan früher den Kriegsdienst verweigert?
Stephan Anpalagans Familie ist aus Sri Lanka geflohen.
Dort gab es Bürgerkrieg.
Ein Bürgerkrieg ist ein Krieg in einem Land.
Als junger Mann hat Stephan Anpalagan zwei Entscheidungen getroffen:
Er hat den Kriegsdienst verweigert.
Und er hat Zivildienst gemacht.
Zivildienst bedeutet:
Man arbeitet nicht bei der Bundeswehr.
Man hilft zum Beispiel in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder sozialen Einrichtungen.
Stephan Anpalagan sagt:
Der Zivildienst war sehr wichtig für mich.
Er findet:
Freiwilligendienste sind sehr wertvoll.
Menschen können dort anderen Menschen helfen.
Und sie lernen viel über die Gesellschaft.
Aber Stephan Anpalagan findet auch:
So ein Dienst sollte nicht nur junge Menschen betreffen.
Er sagt:
Warum gibt es nicht ein Gesellschaftsjahr für Menschen bis 65 Jahre?
Ein Gesellschaftsjahr bedeutet:
Menschen helfen eine Zeit lang in wichtigen Bereichen.
Zum Beispiel in der Pflege, im sozialen Bereich oder beim Katastrophenschutz.
Stephan Anpalagan sagt:
So ein Dienst müsste gut bezahlt und gut organisiert sein.
Warum war die Entscheidung gegen die Bundeswehr früher so schwer?
Stephan Anpalagan ist als Kind von Kriegsflüchtlingen aufgewachsen.
Krieg war in seiner Familie ein großes Thema.
Seine Eltern wollten:
Krieg, Militär und Gewalt sollen nicht wieder Teil des Familienlebens werden.
Dazu kam ein anderes Gefühl:
Stephan Anpalagan hatte oft den Eindruck, dass Deutschland ihn nicht wirklich dazugehören lässt.
In seiner Jugend gab es rassistische Anschläge.
Zum Beispiel in Saarlouis, Rostock, Mölln und Solingen.
Dort wurden Menschen angegriffen, weil sie aus einem anderen Land kamen oder eine andere Herkunft hatten.
Auch Politiker machten Stimmung gegen Menschen mit Migrationsgeschichte.
Zum Beispiel mit Sprüchen wie „Kinder statt Inder“.
Außerdem wurden beim NSU viele Fehler gemacht.
Der NSU war eine rechtsextreme Terrorgruppe.
Die Gruppe ermordete mehrere Menschen.
Viele Opfer hatten eine Migrationsgeschichte.
Stephan Anpalagan sagt:
Ich habe Deutschland immer als meine Heimat empfunden.
Die Menschen hier waren für mich meine Landsleute.
Aber trotzdem konnte er damals nicht sagen:
Ich verteidige dieses Land mit einer Waffe.
Denn er fragte sich:
Welche Werte verteidige ich?
Wenn Menschen mit Migrationsgeschichte angegriffen werden?
Wenn Medien falsche und verletzende Begriffe benutzen?
Wenn die Politik hilflos oder gleichgültig wirkt?
Wann hat Stephan Anpalagan angefangen, anders zu denken?
Ein wichtiger Moment war im Jahr 1999.
Damals war Joschka Fischer Außenminister.
Er war Mitglied der Partei Die Grünen.
Er verteidigte einen Militäreinsatz im Kosovo.
Im Kosovo wurden damals Menschen getötet und vertrieben.
Joschka Fischer sagte:
Deutschland muss helfen, dieses Morden zu beenden.
Stephan Anpalagan dachte schon damals:
Joschka Fischer hat recht.
Heute sieht Stephan Anpalagan die Lage noch einmal anders.
Russland hat die Ukraine angegriffen.
In der Welt gibt es viele Unsicherheiten.
Manche Politiker drohen anderen Ländern.
Stephan Anpalagan sagt:
Deshalb müssen wir bereit sein, uns zu verteidigen.
Auch die Krankheit seines Vaters hat ihn beeinflusst.
Er sagt:
Kranke und pflegebedürftige Menschen können oft nicht fliehen.
Sie brauchen Schutz.
Auch in anderen Ländern.
Stephan Anpalagan findet:
Wenn solche Menschen angegriffen werden, darf man sie nicht allein lassen.
Man muss ihnen helfen.
Manchmal auch militärisch.
Was schulden wir der Gesellschaft?
Stephan Anpalagan sagt:
Eine Gesellschaft ist nur stark, wenn Menschen sich für sie einsetzen.
Das bedeutet:
Menschen helfen anderen Menschen.
Auch wenn sie dafür nicht sofort etwas zurückbekommen.
Wenn dieser Wille verloren geht, wird eine Gesellschaft schwach.
Gleichzeitig muss der Staat seine Aufgaben erfüllen.
Zum Beispiel:
- gute Schulen
- gute Krankenhäuser
- gute Pflege
- gute Straßen und Bahnen
- soziale Sicherheit
Aber Stephan Anpalagan sagt auch:
Nicht nur Politikerinnen und Politiker sind verantwortlich.
Wir alle müssen mithelfen, damit Zusammenleben gelingt.
Was sagt Stephan Anpalagan zur Wehrpflicht?
In Deutschland wird wieder über eine Wehrpflicht gesprochen.
Viele junge Menschen lehnen das ab.
Stephan Anpalagan kann das verstehen.
Er sagt:
Junge Menschen haben oft das Gefühl:
Sie müssen die Probleme der älteren Generation lösen.
Zum Beispiel bei der Rente.
Junge Menschen müssen wahrscheinlich länger arbeiten.
Sie müssen mehr einzahlen.
Und sie bekommen später vielleicht weniger Rente.
Das macht es schwer zu sagen:
Ich will mein Land mit ganzem Herzen verteidigen.
Aber Stephan Anpalagan sagt auch:
Es gibt eine echte Bedrohung.
Russland bedroht die Ukraine.
Auch die Sicherheit der Europäischen Union steht unter Druck.
Er sagt:
Wenn die EU sich politisch herumschubsen lässt, wird es nicht bei der Ukraine bleiben.
Es gibt schon Sabotageakte und Grenzverletzungen im Baltikum.
Das Baltikum sind Estland, Lettland und Litauen.
Diese Länder gehören zur EU und zur NATO.
Die NATO ist ein Bündnis von Ländern.
Diese Länder versprechen:
Wenn ein Mitglied angegriffen wird, helfen die anderen.
Stephan Anpalagan sagt:
Die Bedrohungen sind real.
Darüber müssen wir sprechen.
Egal ob jung oder alt.

© Benjamin Jenak
Der Deutschlandfunk bezeichnete Stephan Anpalagan als "Gegengift zu den Stimmen, die den Diskurs in Deutschland nach Rechts verschieben wollen".
Wird die Diskussion gut geführt?
Stephan Anpalagan findet:
Nein.
Er sagt:
Viele Politikerinnen und Politiker erklären nicht gut genug, wofür Menschen kämpfen sollen.
Sie zeigen kein klares Bild davon, was die Gesellschaft zusammenhält.
Viele Menschen spüren das.
Sie vertrauen der politischen Führung nicht.
Stephan Anpalagan sagt:
Das ist ein großes Problem.
Was muss sich ändern?
Stephan Anpalagan sagt:
Die Politik muss wieder Vertrauen schaffen.
In seinem Buch geht es viel um Werte.
Also um die Frage:
Was wollen wir verteidigen?
Er nennt Beispiele von Politikerinnen und Politikern.
Zum Beispiel Walter Lübcke, Angela Merkel und Joachim Herrmann.
Walter Lübcke war ein Politiker.
Er setzte sich für Geflüchtete ein.
Er wurde von einem Rechtsextremen ermordet.
Stephan Anpalagan sagt:
Man muss nicht immer mit Politikerinnen und Politikern übereinstimmen.
Aber wichtig ist:
Menschen müssen glauben können, dass Politiker ehrlich handeln.
Zum Beispiel, wenn sie sagen:
Wer sich integrieren will, bekommt Unterstützung.
Das kann Vertrauen schaffen.
Aber Stephan Anpalagan findet:
An wichtigen Stellen im Land braucht es bessere Führung.
Nur so können Menschen überzeugt werden.
Was sagt Stephan Anpalagan über Pazifismus?
Pazifismus bedeutet:
Man lehnt Krieg und Gewalt grundsätzlich ab.
Stephan Anpalagan spricht in seinem Buch auch über Margot Käßmann.
Sie ist Theologin und frühere Bischöfin.
Im Jahr 2010 sagte sie in einer Predigt über Afghanistan:
„Nichts ist gut in Afghanistan.“
Damit meinte sie:
Der Krieg in Afghanistan war falsch und schrecklich.
Stephan Anpalagan sagt:
Ich habe großen Respekt vor Margot Käßmann.
Sie hatte Mut.
Sie sagte klar:
Deutschland ist in Afghanistan in einem Krieg.
Sie sagte auch:
Es ist falsch, wenn westliches Militär ein Land zerstört und Menschenrechte verletzt.
Stephan Anpalagan sagt:
Das hat mir damals aus der Seele gesprochen.
Aber heute fragt er:
Was ist die Alternative, wenn ein Land angegriffen wird?
Zum Beispiel die Ukraine.
Er fragt:
Was sollen die Menschen in der Ukraine tun?
Sollen sie sich nicht wehren?
Sollen sie pazifistisch bleiben?
Stephan Anpalagan sagt:
Wenn die Ukraine sich nicht verteidigt, kann es viele Massaker geben.
Zum Beispiel wie in Butscha.
Dort wurden viele Zivilisten von russischen Soldaten getötet.
Er fragt:
Ist es christlich, Menschen nicht zu schützen?
Er findet:
Viele Pazifistinnen und Pazifisten geben darauf keine klare Antwort.
Das findet er unehrlich.
Bekommt Stephan Anpalagan Kritik?
Ja.
Stephan Anpalagan bekommt viel Kritik.
Manchmal sogar Drohungen.
Die Drohungen kommen nicht nur von Rechtsextremen.
Sie kommen auch von Menschen, die sich selbst als Pazifisten bezeichnen.
Stephan Anpalagan sagt:
Das ist ein Widerspruch.
Denn Pazifisten sind gegen Gewalt.
Aber manche drohen ihm trotzdem.
Wenn ein echtes Gespräch möglich ist, freut er sich.
Aber oft wollen Menschen nur ihre eigenen Argumente sagen.
Zum Beispiel:
Die NATO hat auch Fehler gemacht.
Russland ist nicht allein böse.
Die Ukraine hat Probleme mit Korruption.
In der Ukraine gibt es auch Rechtsextremismus.
Stephan Anpalagan sagt:
Ein Teil dieser Kritik stimmt.
Viele Dinge können gleichzeitig wahr sein.
Aber die wichtigste Frage bleibt:
Wie schützen wir das Leben von Menschen, die angegriffen werden?
Warum sagt Stephan Anpalagan kein klares Ja zur Bundeswehr?
Am Ende seines Buches sagt Stephan Anpalagan:
Früher hatte ich ein klares Nein.
Heute habe ich ein nachdenkliches Ja.
Das bedeutet:
Er ist heute eher bereit, militärisch zu helfen.
Aber er hat immer noch Zweifel.
Denn in der Bundeswehr gibt es Probleme.
Zum Beispiel:
- Frauenfeindlichkeit
- rechtsextreme Vorfälle
- fehlende Aufklärung von Skandalen
Stephan Anpalagan hat sich als Reservist gemeldet.
Aber er weiß noch nicht, wie es weitergeht.
Er hat noch keine Rückmeldung bekommen.
Er sagt:
In Deutschland liegt vieles im Argen.
Zum Beispiel:
- soziale Ungerechtigkeit
- kaputte Infrastruktur
- Rechtsextremismus
- Antisemitismus
Antisemitismus bedeutet:
Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden.
Trotzdem sagt Stephan Anpalagan:
Im Moment gibt es eine wichtige Pflicht, sich zu bekennen.
Für ihn heißt das:
Heute sage ich eher Ja als Nein.
Zur Person
Stephan Anpalagan ist evangelischer Theologe.
Er ist Journalist, Autor und Redner.
Er wurde in Sri Lanka geboren.
Er hat an der Ruhr-Universität Bochum studiert.
Seine Fächer waren evangelische Theologie und Anglistik.
Seine Abschlussarbeit schrieb er über die Bekennende Kirche im Nationalsozialismus.
Die Bekennende Kirche war eine Bewegung von Christinnen und Christen.
Sie leisteten Widerstand gegen die Nationalsozialisten.
Stephan Anpalagan hat seine frühere Kriegsdienstverweigerung zurückgenommen.
Er hat sich als Reservist gemeldet.

Sein Buch heißt:
„Für den Frieden. Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung“
Mit dem Buch möchte er ein Gespräch beginnen.
Es geht um eine schwierige Frage:
Was bedeutet es, wenn ein Mensch eine wichtige Haltung nach vielen Jahren ändert?
Der Deutschlandfunk hat Stephan Anpalagan einmal so beschrieben:
Er sei ein „Gegengift“ gegen Stimmen, die Deutschland weiter nach rechts verschieben wollen.
Das Buch ist Ende Mai im Fischer Verlag erschienen.
Es hat 192 Seiten.