„Ein Raum mit wenig Digitalem kann eine Chance für die Kirche sein“
Künstliche Intelligenz, kurz KI, wird auch in Religion und Kirche immer öfter genutzt. Was bedeutet das für unseren Glauben? Und was bedeutet es für unsere Werte?

Foto: istock / ismagilov
Von Kathrin Albrecht
Seit einigen Tagen nutze ich die App „Evermore“.
Eine App ist ein Programm für das Handy.
Die App bietet viele Angebote für den Glauben.
Zum Beispiel:
- Impulse
- Meditationen
- Gebete
So kann ich Spiritualität leichter in meinen Alltag bringen.
Andere Programme können noch mehr.
Zum Beispiel ChatGPT.
ChatGPT kann:
- Forschung zusammenfassen
- Ideen für Texte geben
- ganze Texte schreiben
Auch in Altenheimen gibt es Technik mit Künstlicher Intelligenz.
Zum Beispiel den Roboter „Pepper“.
Er kann mit Bewohnerinnen und Bewohnern sprechen.
Künstliche Intelligenz heißt kurz: KI.
KI bedeutet:
Ein Computer-Programm kann Aufgaben erledigen, für die sonst Menschen denken müssen.
Oft merken wir nicht, wo KI im Alltag schon benutzt wird.
Dominik Winter sagt:
Noch nutzen nicht viele Menschen KI bewusst.
Dominik Winter arbeitet an der Ruhr-Universität Bochum.
Er forscht zu digitaler Ethik und Künstlicher Intelligenz.
Digitale Ethik bedeutet:
Was ist gut und richtig,
wenn wir digitale Technik benutzen?
Dominik Winter sagt:
„Im Moment nutzen vor allem Menschen KI, die neue Technik früh ausprobieren.
Viele Menschen sind noch sehr skeptisch.“
Johannes Grössl ist Professor für Theologie.
Er arbeitet an der Universität Paderborn.
Er hat Vorträge über Digitalisierung in der Theologie organisiert.
Digitalisierung bedeutet:
Immer mehr Dinge werden mit Computern, Internet und Technik gemacht.
Johannes Grössl sagt:
„Im religiösen Leben spielt KI bisher eine kleinere Rolle als in anderen Bereichen.
Viele Menschen suchen im Glauben eher Ruhe.
Sie wollen Abstand von zu vielen Informationen.
Und sie wollen Abstand vom schnellen Alltag.“
KI wird auch in der Seelsorge genutzt
Auch Menschen in der Seelsorge nutzen inzwischen KI.
Sie nutzen KI zum Beispiel:
- für die Vorbereitung von Gottesdiensten
- für Predigten
- für Fragen zur Theologie
Auch Studierende der Theologie nutzen KI-Programme.
Sie lesen dann manchmal weniger Original-Texte.
Sie verlassen sich stärker auf die Antworten von KI.
Johannes Grössl nennt auch Beispiele für religiöse KI-Projekte:
- einen Segensroboter beim Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt
- einen Gottesdienst von ChatGPT beim Evangelischen Kirchentag 2023 in Nürnberg
- die Kunst-Installation „Deus in Machina“ in Luzern im Jahr 2024
Bei der Kunst-Installation in Luzern konnten Besucherinnen und Besucher mit einem Jesus sprechen, der von KI gemacht wurde.
Johannes Grössl sagt auch:
„Junge Christinnen und Christen nutzen Gebets-Apps.
Diese Apps erinnern an Gebetszeiten.
Sie bieten Inhalte an.
Und sie passen die Inhalte an die spirituellen Bedürfnisse der Menschen an.“
Er sieht aber auch Probleme.
Zum Beispiel:
Algorithmen können Menschen in Filterblasen bringen.
Ein Algorithmus ist eine Art Anleitung für ein Computer-Programm.
Er entscheidet zum Beispiel, welche Inhalte Du im Internet siehst.
Eine Filterblase bedeutet:
Du siehst vor allem Inhalte, die zu Deiner Meinung passen.
Andere Meinungen siehst Du kaum noch.
Das kann auch beim Glauben passieren.
Dann bekommt man immer wieder Bestätigung für die eigene Meinung.
Andere Sichtweisen werden ausgeblendet.

© privat
"Das religiöse Leben blieb von KI bisher eher verschont", sagt Professor Johannes Gössl.
KI kann in der Wissenschaft helfen
Johannes Grössl findet:
ChatGPT, Gemini und ähnliche Programme können gute Werkzeuge für die Wissenschaft sein.
Er sagt:
„Ich kann eine Idee oder ein Problem erklären.
Dann kann ich die KI fragen:
Welche Autorinnen und Autoren haben dazu schon gearbeitet?
Oder ich kann fragen:
Wer unterstützt eine bestimmte Meinung?
Und wer lehnt sie ab?“
Auch Dominik Winter sieht viele Chancen durch KI.
KI kann helfen, Wissen besser zu verbinden.
Er sagt:
„Ich kann mir auch vorstellen, dass KI hilft, eine Predigt besser vorzutragen.“
Vor zwei Jahren arbeitete Dominik Winter bei einem Projekt mit.
Das Projekt hieß „CelesTE“.
Dabei gab es eine Engels-Statue mit KI.
Menschen konnten mit dieser Statue über spirituelle Themen sprechen.
Dominik Winter hat dabei beobachtet:
„So kann man leichter eine Verbindung zur eigenen Spiritualität finden.“
Was macht den Menschen aus?
Künstliche Intelligenz stellt eine wichtige Frage:
Was macht den Menschen aus?
Früher haben Maschinen vor allem einfache Arbeiten gemacht.
Heute können KI-Systeme mehr.
Sie können:
- lernen
- Entscheidungen vorbereiten
- mit Menschen sprechen
Auch der Vatikan hat sich Anfang des Jahres zu KI geäußert.
Der Vatikan ist der Sitz des Papstes.
Das Papier des Vatikans heißt „Antiqua et nova“.
Darin geht es um menschliche Intelligenz und Künstliche Intelligenz.
Das Papier sagt:
Wir müssen verantwortungsvoll mit KI umgehen.
Das Papier kritisiert aber auch den Begriff „Künstliche Intelligenz“.
Denn KI entsteht durch menschliche Intelligenz.
Dominik Winter sagt:
„Diese Kritik teile ich voll und ganz.“
Er findet den Begriff schwierig.
Denn der Begriff klingt so, als wäre KI selbstständig.
Aber KI wird von Menschen gemacht.
Dominik Winter sagt:
„Das möchten die Schöpfer auch so nahelegen.“
In unserer Kultur gibt es oft eine bestimmte Idee:
Ein Mensch erschafft etwas.
Dann verliert der Mensch die Kontrolle darüber.
Ein bekanntes Beispiel ist der Roman „Frankenstein“ von Mary Shelley.
Auch Filme zeigen diese Idee.
Zum Beispiel der Film „Ex Machina“.
In diesem Film bleibt bis zum Schluss offen:
Kann das künstliche Wesen wirklich fühlen?
Oder spielt es Gefühle nur vor?
Im Film „Her“ verliebt sich ein Mann in eine Computer-Stimme.
Die App „Replica“ erstellt digitale Figuren.
Diese Figuren nennt man Avatare.
Menschen können mit diesen Avataren sprechen.
Manche Menschen führen sogar Beziehungen mit solchen Avataren.

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"Technik ist per se neutral", betont Dominik Winter.
Kann KI Gefühle verstehen?
Johannes Grössl sagt:
KI zeigt, was man mit Mathematik berechnen kann.
Das gilt auch für den Umgang zwischen Menschen.
Wenn KI viele Beispiele prüft, kann sie passende Antworten auf Gefühle geben.
Auch bei Menschen ist es manchmal schwer zu erkennen:
Sind Gefühle echt?
Oder spielt jemand Gefühle nur vor?
Johannes Grössl sagt:
Menschen deuten das, was sie sehen.
KI macht das ähnlich.
Eine wichtige Frage ist deshalb:
Was passiert, wenn KI und Menschen sich immer ähnlicher werden?
Braucht KI dann eigene Rechte?
Dominik Winter sagt:
„Das ist eine interessante Frage.“
Er glaubt nicht, dass KI ein eigenes Bewusstsein entwickeln kann.
Aber er sagt auch:
„Wir behandeln Dinge ohne Menschlichkeit oft wie Menschen.
Das machen wir bei Tieren.
Das machen wir auch bei Gegenständen, zum Beispiel beim eigenen Auto.
Wahrscheinlich passiert das auch mit KI.“
Wann kann KI gefährlich werden?
Eine weitere wichtige Frage ist:
Wann wird KI gefährlich für Menschen?
Dominik Winter sagt:
„Technik ist an sich neutral.“
Das bedeutet:
Technik ist nicht automatisch gut oder schlecht.
Wichtig ist, wofür Menschen sie nutzen.
KI kann gut Wissen sammeln.
Aber KI ist nicht gut darin, genaue Anweisungen für einzelne Menschen zu geben.
Denn KI beachtet die Lebensgeschichte von einzelnen Menschen oft zu wenig.
Ein Beispiel kommt aus Großbritannien.
Im Jahr 2020 fielen Prüfungen wegen der Corona-Pandemie aus.
Deshalb sollten Schulnoten mit KI berechnet werden.
Es ging um die sogenannten A-Level-Noten.
Diese Noten sind wichtig für ein Studium.
Das Problem war:
Schülerinnen und Schüler aus armen Stadtteilen bekamen schlechtere Noten.
Viele Menschen protestierten.
Die KI-Noten wurden zurückgenommen.
Dominik Winter erklärt:
KI arbeitet besonders gut mit großen Daten-Mengen.
Aber dabei kann der einzelne Mensch weniger wichtig werden.
Er sagt:
„Wenn wir KI so nutzen, verlieren wir die Fähigkeit, spontan anders zu handeln.
Genau das macht uns als Menschen aus.“
Menschen müssen Verantwortung tragen
Aus ethischer Sicht ist wichtig:
Am Ende muss immer ein Mensch verantwortlich sein.
Das sagt Johannes Grössl.
Er erklärt:
Man kann einen Computer nicht verantwortlich machen,
wenn durch seine Entscheidungen Menschen leiden
oder sterben.
Man kann einen Computer auch nicht bestrafen.
Solange Menschen verantwortlich sind, prüfen sie genauer:
Kann ich der Einschätzung einer KI vertrauen?
Johannes Grössl nennt noch eine Gefahr.
Viele Menschen sehen diese Gefahr nicht.
Er sagt:
KI könnte genutzt werden, um das menschliche Erbgut zu verbessern.
Das Erbgut ist die biologische Information in unserem Körper.
Es bestimmt zum Beispiel mit, wie wir aussehen.
Johannes Grössl sagt:
Das könnte zu einer neuen Form von Eugenik führen.
Eugenik bedeutet:
Menschen wollen bestimmen, welche Eigenschaften ein Mensch haben soll.
Das ist sehr problematisch.
Schon heute kann man vor einer Schwangerschaft Embryonen untersuchen.
Ein Embryo ist ein Mensch in einer sehr frühen Entwicklungsphase.
So kann man zum Beispiel einen besonders gesunden Embryo auswählen.
In Ländern mit weniger strengen Gesetzen könnte KI vielleicht noch mehr berechnen.
Zum Beispiel:
- mögliche Krankheiten
- das Aussehen
- Charakter-Eigenschaften
- Denkfähigkeiten
Aus christlicher Sicht ist das kritisch.
Denn der Mensch soll nicht einfach optimiert werden wie eine Maschine.
Johannes Grössl sagt:
„Wenn wir glauben, dass der Mensch mehr ist als seine Einzelteile und eine Seele hat, dann kann man diese Seele nicht ersetzen oder verbessern.“
Deshalb könnte die Kirche einen besonderen Raum anbieten.
Einen Raum, der nicht komplett digital ist.
Johannes Grössl sagt:
„Das könnte eine Chance und ein besonderes Merkmal sein.“



