"Mit Fakten können wir den Fake-News widerstehen"
Welche Bedeutung hat der katholische Journalismus in der heutigen Zeit? Ex-Ministerin Annette Schavan unterstreicht die Unabhängigkeit der katholischen Presse.

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Katholik und Journalist sein - das passt für Annette Schavan gut zusammen.
Von Gerd Felder
Kirchenzeitung: eine persönliche Frage zuerst: Was bedeutet Ihnen der Glaube, gerade auch in schwierigen Zeiten?
Annette Schavan: Ich bin durch und durch rheinische Katholikin und erfahre den Glauben als Quelle von Vertrauen, als Stärkung und immer wieder auch als Halt und Orientierung. In den 18 Jahren als Ministerin in Bund und Land habe ich auch schwere Zeiten erfahren und konnte mir mithilfe des Glaubens trotzdem meine innere Unabhängigkeit erhalten. Und die Jahre als Botschafterin in Rom waren für mich eine wirkliche Quelle, weil ich dort die Vielfalt der Weltkirche in einer zerrissenen Welt Welt erleben durfte.
Zu unserem eigentlichen Thema: Katholisch sein und journalistisch arbeiten – wie geht das zusammen? Oder anders gefragt: Was macht Ihrer Meinung nach katholischen Journalismus aus?
Schavan: Katholisch sein und journalistisch arbeiten – das passt gut zusammen, weil man bei beidem einen Blick für das Ganze haben muss. Gerade in Zeiten, in den viel Polarisierung und Trennung geschieht, kann katholischer Journalismus diesen Blick für das Ganze öffnen und zu verstehen helfen, was Welt, Kirche und Gesellschaft antreibt und zusammenhält.
Wieviel Loyalität zur Kirche darf oder muss der katholische Journalist oder die katholische Journalistin haben, und wie unabhängig sollte oder muss er oder sie sein?
Schavan: Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Unabhängigkeit der Sachbereiche verkündet, und der Journalismus ist ein Sachbereich, der nach den Regeln eines eigenen guten Handwerks arbeitet und von daher nicht Teil der Verkündigung ist. Allerdings gilt für Christen allgemein, dass wir aus der Zuversicht und Hoffnung unseres Glaubens leben. Was wir entscheiden und wie wir handeln, das hat im besten Fall immer etwas mit der Verantwortung vor Gott und den Menschen zu tun. Das ist beim Journalismus nicht anders als bei anderen Berufen. Als Christinnen und Christen leben wir mit dieser Verantwortung, die sich aus tiefer Freiheit speist, wie sie von Paulus im Galaterbrief beschrieben wird: „Ihr seid zur Freiheit berufen.“ Loyalität ist bei jeder journalistischen Tätigkeit wichtig, aber gerade im Kontext der Weltkirche sollte das immer mit Freimut, griechisch Parrhesia, verbunden sein. Keiner Institution, und erst recht nicht der Kirche, nutzt es, wenn sie den Freimut behindert.
Mit anderen Worten: Katholischer Journalismus ist aus Ihrer Sicht nicht Teil der Verkündigung?
Schavan: Katholischer Journalismus darf auf keinen Fall kirchliche Amtsverkündigung sein. Der Versuch, alles, was mit dem Kirche-Sein verbunden ist, zur Verkündigung zu machen, birgt die Gefahr in sich, dem kirchlichen Mainstream zu folgen. Die innere Unabhängigkeit des katholischen Journalismus erwächst aber aus dem Christentum selbst. Er hat die Aufgabe, in die Welt hineinzuwirken, aber keine Selbstgespräche zu führen. Er muss auch dafür sorgen, dass uns überhaupt noch zugehört wird. Und wenn er eine Ermutigung zum Glauben bewirkt – umso besser. Aber er muss vor allem professionell sein und die handwerklichen Grundregeln des Journalismus beachten, nicht die Grundregeln der Pastoral.
Bedeutet die Unabhängigkeit auch, dass katholische Journalistinnen und Journalisten nach bestem Wissen und Gewissen über den Missbrauchsskandal in der Kirche aufklären müssen?
Schavan: Ja, sie müssen unbedingt über die Missbrauchsfälle aufklären und dafür sorgen, dass alles, was unter den Tisch gekehrt wird, auf den Tisch kommt. Auch Kirchenzeitungen sind keine Amtsblätter. Nur die Wahrheit macht nach christlicher Auffassung frei. Gerade kirchlich gebundene Journalisten wie Joachim Frank und Daniel Deckers setzen sich intensiv mit dem Verhalten der Kirche bei Missbrauchsfällen auseinander, und das ist auch gut so. Diese aufklärerische Grundhaltung ist etwas, was sich gerade katholische Journalisten leisten können und sollen.

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Schavan hat in Rom die vatikanischen Medien als gute Gesprächspartner erlebt.
Welche berühmten Vorbilder gibt es für katholische Journalisten? Vor Jahrzehnten haben zum Beispiel Otto B. Roegele und Alois Rummel den katholischen Journalismus geprägt. Wer würde Ihnen zuerst einfallen?
Schavan: Mir fällt spontan Michael Rutz ein, der unter anderem Chefredakteur das „Rheinischen Merkur“ war, aber vor allem prägende Persönlichkeiten, die keine Journalisten waren, und doch für die öffentliche Meinungsbildung Wesentliches geleistet haben, wie etwa der kürzlich verstorbene Hans Maier. Aber jede Zeit hat ihre prägenden Charaktere und zugleich ihre besonderen Probleme. Die Zeit, in der wir leben, ist tiefgreifend anders als die Zeit des Aufbruchs nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und nach der Wiedervereinigung Europas.
Apropos Konzil: Manche behaupten, katholische Journalisten hätten großen Einfluss auf den Verlauf des Konzils gehabt. Stimmt das?
Schavan: Nein, das waren eher Berater wie Karl Rahner und Joseph Ratzinger. Das zweite Vaticanum ist ein gutes Beispiel für eine enge Beziehung von Konzilsteilnehmern und Theologen. Aus deutscher Sicht war allerdings die Rolle der Journalistin und Publizistin Esther Betz bedeutsam, die als junge Frau das Konzil und seine Beschlüsse nach Deutschland gebracht hat. Sie hat sich bis ins hohe Alter die Liebe zum Journalismus erhalten und kann auf ein beachtliches Lebenswerk zurückschauen.
Und wie haben Sie als Botschafterin beim Heiligen Stuhl eigentlich die vatikanischen Medien erlebt?
Schavan: Es waren, gerade auch, was Radio Vatikan betrifft, gute Gesprächspartner, wirkliche Insider und sehr kenntnisreiche Journalisten, die das machten. Ihnen ist es immer wieder gelungen, eine gute Sprache für eine Welt zu finden, die der Außenwelt weitgehend verborgen bleibt. Sie arbeiten mit der Umsicht, die jeder vatikanische Journalist zwangsläufig braucht, und haben sich als gute Botschafter erwiesen.
Die Bandbreite an katholischen Medien ist groß – von der „Tagespost“ und Radio Horeb bis hin zu „Publik-Forum“. Begrüßen Sie diese Bandbreite, und wo sehen sie deren legitime Grenze?
Schavan: Die Bandbreite der katholischen Medien in Deutschland begrüße ich sehr, denn genauso vielfältig sind das Christentum und die Kirche, die als solche auch eine große Bandbreite enthalten. Die Kirche hat sich für kulturelle Vielfalt entschieden, wie nicht zuletzt Papst Franziskus immer hervorgehoben hat. Sie ist also keine uniforme Veranstaltung, sondern vereinigt verschiedene Prioritäten und Mentalitäten. So breit, wie sie aufgestellt ist, müssen es auch die katholischen Medien sein. Die legitime Grenze ist bei mir dann überschritten, wenn im Namen Gottes Verachtung von Menschen, Rassismus und Kriegstreiberei verbreitet werden.
Katholische Medien, unter ihnen die Kirchenzeitungen, müssen heutzutage um Nutzer und Leser kämpfen. Haben Sie für sie möglicherweise einen Tipp, wie sie zukunftsfest werden können?
Schavan: Wir erleben derzeit einen großen Umbruch, und den Kirchenzeitungen ergeht es nicht anders als vielen anderen Zeitungen. Dazu liegen bereits viele Analysen vor. Mehr Zusammenarbeit zwischen den kirchlichen Magazinen, wie sie auch schon vielfach betrieben wird, ist sicher ein interessanter Weg, ebenso Internetportale wie „katholisch.de“ oder andere spannende neue Formate. Kirchenzeitungen können sich weiterentwickeln und an neuen Formaten orientieren. Wichtig ist, dass am Ende die Vielfalt erhalten bleibt.
Muss die Kirche stärker auf soziale Medien setzen?
Schavan: Ja, wenn sie die junge Generation erreichen will, muss sie dort präsent sein, er das ist sie teilweise bereits. Das muss natürlich auch in einer Weise geschehen, die für junge Leute attraktiv ist, aber dafür gibt es im christlichen Kontext schon gute Beispiele.
Sie haben von „Verengungsgeschichten“ gesprochen, denen katholische Journalisten nachgehen sollen. Was meinen Sie damit? Und wie können wir den Fake News widerstehen, die gern von radikalen Kräften verbreitet werden?
Schavan: Ich meine damit, dass katholische Journalisten nicht nur die Dinge wahrnehmen dürfen, die uns in den Kram passen, sondern die Blasenbildung überwinden müssen. Man muss auch die anderen und deren Geschichten berücksichtigen. Guter katholischer Journalismus greift das auf, was bedeutsam für die Zeit ist, geht an die Ränder der Gesellschaft, berichtet von den Peripherien und bietet Überraschendes. Nur mit Fakten können wir den Fake News widerstehen; das ist ein Dienst an der politischen Kultur. Die Parrhesia, also die freie Rede, hat eine zivilisierende Kraft, die neue Perspektiven aufzeigt und den Blick auf das große Ganze des Christentums, die Weltkirche, richtet.
Was würden Sie der „Aachener Kirchenzeitung“ zum Jubiläum gern mit auf den Weg geben?
Schavan: Als Mitarbeiterin des Generalvikariats in Aachen habe ich unter Bischof Klaus Hemmerle eine große Spiritualität und Liberalität erlebt. Der „Kirchenzeitung“ wünsche ich zum Jubiläum, dass sie diese Spiritualität und Liberalität, wie ich sie erfahren habe, auch erlebt und weitergeben kann.
Die Möglichkeiten und die Bedrohung durch Künstliche Intelligenz sind derzeit in aller Munde. Wie groß schätzen Sie die Auswirkungen auf den Journalismus im Allgemeinen und katholischen Journalismus im Besonderen ein? Bedroht ihn das in seiner Existenz? Wird Journalismus dadurch überflüssig?
Schavan: Natürlich hat die KI Auswirkungen. Eine KI-generierte Kirchenzeitung ist möglich, aber nicht wünschenswert. Wir alle können die KI für Recherchen nutzen und tun das längst. Dann aber sollte unser Ehrgeiz sein, die intellektuelle Unabhängigkeit zu wahren.
Im Fernsehen, im Internet und in vielen Zeitungen dominieren die schlechten Nachrichten und die Negativschlagzeilen. Sollten Kirchenzeitungen die Anwältinnen der guten Nachrichten sein?
Schavan: Auch Kirchenzeitungen werden an manch schlechter Nachricht nicht vorbeikommen. Sie sollten aber — wie wir alle übrigens — den Blick für positive Ereignisse und Nachrichten nicht verlieren.



