"Kirche muss politisch sein!"

Bernd Mathieu sieht Journalismus als Gegengewicht zur Desinformation.

Christian Van T Hoen   Christianvth.com   09. September 20 0007

© Bistum Aachen / Christian van`t Hoen

Bernd Mathieu war 23 Jahre lang Chefredakteur. Der journalistische Nachwuchs ist ihm heute immer noch sehr wichtig.

Von Anja Klingbeil und Jörg Peters

Bernd Mathieu war lange Jahre Chefredakteur der Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten. Mit der Kirchenzeitung sprach er über die tiefgreifenden Wandlungsprozesse im Journalismus. Dabei betont er die zentrale Bedeutung von journalistischer Qualität, gründlicher Recherche und einer klaren Haltung als demokratisches Gegengewicht zu Desinformation und gesellschaftlicher Spaltung. Neben der fortschreitenden Digitalisierung und dem Fachkräftemangel thematisiert er die Rolle der Kirche, die durch authentische Persönlichkeiten und politisches Engagement wieder an Relevanz gewinnen müsse.

Herr Mathieu, Sie haben über Jahrzehnte politische und gesellschaftliche Veränderungen begleitet. Was hat Sie dabei persönlich getragen – als Journalist und als Mensch?

Bernd Mathieu: Für mich war Journalismus immer ein gutes Mittel, um Menschen möglichst umfassend und objektiv zu informieren, damit sie sich eine eigene Meinung bilden können. Das ist das Wichtigste überhaupt. Es geht nicht darum, Leute zu belehren oder gar zu bevormunden. Ich war immer dafür, möglichst viele Meinungen abzubilden. Als ich 1995 Chefredakteur der damaligen Aachener Volkszeitung (AVZ) wurde, war das noch schwieriger. Die AVZ stand eher für die konservativ-amtskirchliche CDU-Richtung, die Aachener Nachrichten eher für das linksliberale Spektrum. Mein Junktim bei meiner Bewerbung als Chefredakteur war deshalb, den Namen in Aachener Zeitung zu ändern und den Untertitel „demokratisch christlich unabhängig“ abzuschaffen. Das hat nicht allen gefallen. Aber genau das ist das Spannende am Journalismus: unterschiedliche Positionen gegeneinanderzustellen. Und gründlicher Journalismus ist immer besser als schneller.

Früher hat die Redaktion für den Leser Themen sortiert, heute bestimmt der Leser, was er lesen möchte. Wie gehen junge Menschen heute in den Journalismus?

Mathieu: Das Sender-Empfänger-Prinzip ist längst aufgelöst. Jeder kann über möglichst viele Kanäle senden, was er will. Das hat das Anforderungsprofil an Journalisten völlig verändert. Wer junge Leute für Journalismus gewinnen will, muss sie vielseitig ausbilden: Sie müssen recherchieren, mit Daten und KI umgehen, Podcasts und Videos erstellen, Interviews professionell führen und  unterscheiden können, was Fake ist und was nicht. Das ist noch anspruchsvoller und aufwändiger geworden, aber gleichzeitig faszinierender denn je! Journalismus darf nicht nur am Handy, im Podcast oder im Video stattfinden. Man muss die Menschen dort treffen, wo sie leben. Für jemanden, der gerne mit Menschen zu tun hat, ist Journalismus nach wie vor ein hochspannender Beruf.

Die Meinung über Journalisten und den Journalismus hat auch mit Glaubwürdigkeit zu tun. Was kann man dem entgegensetzen?

Mathieu: Das berühmte Schlagwort von der „Lügenpresse“ zeigt, dass man Menschen, die Fakten nicht mehr zur Kenntnis nehmen, nicht einfach belehren und selten überzeugen kann. Viele wenden sich von Politik, Medien und damit auch von der Demokratie ab. Das liegt auch daran, dass die Parteien der demokratischen Mitte Probleme oft nicht zeitnah lösen: Sie versprechen, verschieben und nehmen beim geringsten Widerspruch wieder etwas zurück. Medien sollten noch genauer hinschauen, wo es soziale Brennpunkte gibt, wo Kitaplätze oder Lehrerinnen und Lehrer fehlen, wo Kommunalpolitik sich nicht mehr ausreichend kümmert. Und sie sollten nicht nur diejenigen ansprechen, die rechts wählen, sondern auch diejenigen, denen die Situation anderer Menschen gleichgültig geworden ist.

Wir erleben eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft. Muss Journalismus stärker Haltung zeigen – oder mehr Distanz wahren?

Mathieu: Wir sind in verschiedene Milieus gespalten, die kaum noch zusammenkommen. Ich finde es spannend, sich einmal mit Menschen aus anderen Milieus zu beschäftigen und zu fragen: Wie ticken die eigentlich?

Zu viele Menschen fühlen sich abgehängt und haben das Gefühl, weder Gehör noch Einfluss zu haben. Das ist Gift für die Demokratie. Hier kommen die Journalisten ins Spiel. Sie haben eine große Vermittlerrolle zwischen politischen Entscheidern und Bürgerinnen und Bürgern. Journalismus ist zu einem großen Teil die Moderation gesellschaftlicher Phänomene, Zusammenhänge und Herausforderungen.

Und da kann, da sollte auch Kirche eine wichtige Stimme sein. Kirche muss politisch sein – nicht parteipolitisch, aber politisch. Wenn sie ihren Anspruch ernst nimmt, Verfechterin von Menschenrechten und Menschenwürde zu sein und sich um Minderheiten und Schwache zu kümmern, dann muss sie sich in den Alltag der Menschen stärker einbringen.

Wie könnte das Ihrer Meinung nach am besten gelingen?

Mathieu: Es kommt hier auch auf Persönlichkeiten an! Ich erlebe einen Priester aus Baesweiler, der sehr unkonventionell auf Menschen zugeht, auf dem Wochenmarkt, bei Gottesdiensten und vor allem auch mit jungen Leuten. Er fährt mit ihnen nach Rom, postet von seinem Besuch in Wacken und hat gut besuchte Gottesdienste. Das zeigt: Inhalte sind wichtig, aber auch Persönlichkeiten.

Die Kirchenzeitung hat mich in diesem Zusammenhang positiv überrascht. Ich sehe dort ein viel breiteres Meinungsspektrum als im Alltag vieler Pfarrgemeinden: mit Themenbereichen von Generation Z über queere Menschen bis zu Interviews etwa mit dem bekannten Theologen Thomas Söding, mit Hendrik Wüst, mit Margot Käßmann, mit Beiträgen zu Kultur und Politik und zu spannenden regionalen Themen. Dieses breite Spektrum ist beeindruckend und wertvoll!

Kirche könnte überhaupt akzentuierter zeigen, was sie alles leistet – in Krankenhäusern, in der Pflege, für psychisch kranke Menschen, für Kinder und Jugendliche. Wenn Menschen Kirche vor allem mit Missbrauch, Hierarchie oder Bürokratie verbinden, muss sie dem etwas Positives entgegensetzen. Ich halte vieles noch für zu verkrustet.

„Was uns trägt“ lautet das Leitwort für 80 Jahre Kirchenzeitung. Was trägt Ihrer Meinung nach eine demokratische Gesellschaft?

Mathieu: Die Gesellschaft wird nach wie vor von sehr vielen ehrenamtlichen Menschen getragen. Ohne diese Ehrenamtler hätten wir gesellschaftlich noch größere Verwerfungen. Demgegenüber steht eine zunehmende Oberflächlichkeit durch digitale Informationen und Desinformationen. Deshalb müssen wir auch unsere Bildung neu strukturieren. Schulen müssen noch intensiver vermitteln, wie man recherchiert, Fakes erkennt und mit Social Media und KI umgeht. 

Auch sozial agierende Unternehmerinnen und Unternehmer, Start-ups und ganz viele engagierte junge Menschen tragen unsere Gesellschaft. Davon könnte die Politik viel stärker profitieren. Es hat letztlich auch hier mit Wertschätzung zu tun.

Was können Politik oder Kirche hier tun?

Mathieu: Politik muss – genauso wie Kirche – Menschen motivieren, sie anregen, in ihren Bereichen positiv zu agieren, Leute mitzunehmen, Mutmacher zu sein und zu sagen: Uns geht es in Deutschland doch gar nicht so schlecht. Und Kirche ist doch eine Kirche der fröhlichen Botschaft, nicht der Jammerbotschaft.

Sie haben die vielen jungen Leute angesprochen. Wenn Sie einem jungen Menschen, der heute Journalist werden möchte, einen Rat geben dürften: Welcher wäre das?

Mathieu: Erstens: Ich würde ihm raten, möglichst viele Menschen unterschiedlicher Provenienz kennenzulernen und sich mit deren Meinungen zu beschäftigen. Zweitens: Eine gesunde Skepsis gegenüber allen Gesprächspartnern zu pflegen. Drittens: Faktencheck. Journalismus ist ein toller Job, weil man viele Menschen und viele Meinungen kennenlernt. Man sollte skeptisch bleiben und prüfen, was einem erzählt wird.

Ich würde jungen Journalisten zudem auch sagen: Denkt differenziert. Nehmt möglichst viele Aspekte auf und dokumentiert sie. Und wenn ihr eine Meinung dazu habt, haltet euch an die altehrwürdige Regel: Berichterstattung und Meinung trennen.

Und zum Schluss ganz persönlich: Wenn Sie heute auf Ihre journalistische Laufbahn blicken – worauf kommt es am Ende wirklich an?

Mathieu: Es kommt darauf an, eine große Vielfalt an Quellen, Kontakten und Netzwerken aufzubauen und eine Nähe zu den Leserinnen und Lesern zu entwickeln. Man muss den großen Spagat schaffen zwischen dem Bundeskanzleramt in Berlin und dem Familiengartenverein Lehmkülchen in Aachen. Alle Menschen in diesem breiten Spektrum muss man gleich ernst nehmen. Sie sind es wert.

Entscheidend ist auch, nicht mit jeder Welle mitzuschwimmen, sondern manchmal zu sagen: Wir machen jetzt etwas anderes. Das hat letztlich mit Anspruch und mit Haltung zu tun.

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