»Der Glaube trägt, auch wenn plötzlich alles kippt«
Nach Burnout und Klinik hat Kabarettist Jürgen Beckers im Glauben neue Kraft gefunden: Humor, Menschlichkeit und die Gewissheit, dass Gott ihn hält.

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Nach seiner Auszeit steht Jürgen Beckers alias Jürgen B. Hausmann wieder auf der Bühne.
Von Anja Klingbeil
Ein Crash hat für den Kabarettisten Jürgen Beckers alles verändert. Von 100 auf Null in wenigen Sekunden. Es ging nichts mehr. Burnout. Klinikaufenthalt. Absage aller Termine. Das war Ende des vergangenen Jahres. Mittlerweile ist Jürgen Beckers wieder auf die Bühne zurückgekehrt. Er hat einen neuen Blick auf sich und das Leben gewonnen.
Gab es einen ganz konkreten Moment, in dem Sie dachten: „So geht es nicht weiter – ich brauche etwas, das mich trägt“?
Jürgen Beckers: Absolut. Ich bin durch einen Autounfall krank geworden – also das war die Folge. In der Klinik habe ich noch mal neu gelernt zu beten. Wirklich im persönlichen Gespräch mit Gott zu sein, und das habe ich auch beibehalten. Im Gebet heißt es „Herr, dein Wille geschehe“. Das finde ich ganz wichtig, auch wenn uns das vielleicht manchmal schwerfällt.
War das eher ein leises Zurückfinden zum Glauben oder ein lauter innerer Aufruhr?
Beckers: Ich glaube, dass dieser Unfall auch buchstäblich wirklich ein Crash war. Ich habe vorher schon gemerkt, es geht mir nicht gut, es wird alles zu viel. Aber ich war in einem Kreislauf gefangen. Und vielleicht hat dann auch einfach Gott gesagt: Ich hole dich jetzt da raus.
Hadert man in einer solchen Krise auch mit sich oder mit Gott?
Beckers: Wir wünschen uns alle Planbarkeit und Sicherheit. Aber das wollte Christus eigentlich nicht vermitteln. Ich habe in dieser Zeit auch wieder bewusst in der Bibel gelesen. Ich war mit meinen Kindern, meiner Familie in Taizé, habe in einem kleinen Zimmer gewohnt nur mit dem Nötigsten. Und siehe da: Man braucht auch gar nicht mehr. Hadern ist vielleicht übertrieben, aber man ist mehr bei sich, weil man eben vielleicht nicht ständig in Terminen ist oder das Handy zur Hand hat.
Haben Sie sich in dieser Zeit auch noch einmal neu mit sich selbst auseinandergesetzt?
Beckers: Ich würde sagen zum ersten Mal seit 30 Jahren oder vielleicht sogar noch mehr habe ich mich wirklich mit mir selbst auseinandergesetzt und zwar nur mit Jürgen Beckers – nicht als Vater, als Freund oder Ehemann, nicht als Lehrer oder Komiker oder was auch immer, sondern nur mit mir als Person, was ich will und was mich ausmacht.
Krankheit macht uns oft schmerzhaft bewusst, wie endlich wir sind. Hat diese Erfahrung ihren Blick auf das, was im Leben wirklich „trägt“, verschoben?
Beckers: Die Prioritäten haben sich verändert. Man muss an sich arbeiten, das ist ein Prozess. Heute sehe ich Dinge anders und denke auch mal, das ist jetzt vielleicht nicht wichtig, ich bin jetzt auch einfach mal ich. Das soll also nicht zu Egoismus führen, aber zu den wesentlichen Dingen. Ich sag jetzt auch mal einen Termin ab, verbringe dann etwas Zeit mit meinen Kindern.
Ein Kabarettist lebt von Pointen, Übertreibungen, manchmal vielleicht auch von Provokation – wie passt das mit einem Glauben zusammen, der oft Demut und Ernsthaftigkeit einfordert?
Beckers: Das passt gut zusammen. Ich glaube sogar, dass Jesus oder Gott sich manchmal über uns amüsieren und denken, ja, wenn ihr wüsstet, was ihr glaubt. Der Glaube braucht auch Humor, um die Menschlichkeit zu behalten. Humor darf aber nie unter der Gürtellinie sein oder verletzend, das lehne ich ab. Zu meinem Publikum gehören auch Menschen mit Behinderung, Kranke oder Menschen, die Trauerfälle hinter sich haben. Die sagen mir nach dem Programm: Jetzt haben wir zum ersten Mal seit Monaten wieder gelacht. Das finde ich sehr wertvoll.
© Domkapitel Aachen / Andreas Steindl
"Wenn die Kirche zu den Menschen kommt, dann kommen die Menschen auch zur Kirche", betonte Jürgen Beckers auf der Bühne der Heiligtumsfahrt 2023.
Hat sich ihr Humor verändert hat, seit sie wieder mehr glauben? Lachen sie anders – über sich selbst, über andere, über Gott?
Beckers: Tatsächlich habe ich jetzt auch immer ein besinnliches Element in meinem Programm. Gerade vor kurzem etwa, als Konrad Beikircher verstorben ist. Er war ja auch sehr gläubig. Und so habe ich den Bogen gespannt zu Menschlichkeit und Demut – dem was am Schluss übrigbleibt. Ich sage den Menschen immer: Ich freue mich, dass Sie hier sind, ich freue mich aber noch mehr, dass ich hier bin, weil das hätte auch anders sein können.
Sie sprechen Konrad Beikircher an, damit sind wir beim Stichwort rheinischer Katholizismus. Der hat ja so seine Eigenheiten: Karneval, Kirmes, Klüngel, aber auch tiefe Frömmigkeit. Wo siedelt sich Jürgen Beckers an?
Beckers: Also für mich ist die Kernstelle in der Bibel: Werdet wie die Kinder. Ich habe eigentlich einen ganz einfachen Glauben. Ob Gott jetzt aussieht wie ein Mann mit Bart, ist mir egal. Gott ist für mich jemand, der mich liebevoll aufnimmt, bei dem ich mich gebor-gen fühle, dem ich meine Anliegen vortrage, den ich um etwas bitten kann, dem ich aber auch sage: Danke, das hat geklappt oder das war jetzt schön für mich oder das hätte ich mir ganz anders vorgestellt, ist aber so besser für mich. Ich bin jetzt nicht so theologieaf-fin – ohne das abzulehnen – aber ich brauche das nicht.
Sie haben das bei der Heiligtumsfahrt 2023 so schön gesagt, als sie auf der Bühne stan-den: „Wenn die Kirche zu den Menschen kommt, dann kommen die Menschen auch zur Kirche.“ Fehlt das manchmal so ein bisschen?
Beckers: Es fehlt mir manchmal, wenn ich zum Gottesdienst gehe, ein wenig Fröhlichkeit – außer natürlich es ist eine Trauerfeier. Aber dass man hingeht und sagt: Das ist schön, wir freuen uns, das Abendmahl zu feiern, das Wort Gottes zu hören, zusammen zu beten, zusammen zu singen. Dieses Zusammensein ist ja ganz wichtig. Das fehlt mir. Die Gottesdienste sind oft von einer so ersten Stimmung geprägt, alle gucken ernst und keiner will etwas verkehrt machen. Da würde ich mir etwas mehr Leichtigkeit wünschen.
Sie stehen mal auf der Bühne vor lachendem Publikum, mal sitzen sie in der Kirche auf einer Bank – fühlen Sie sich in beiden Räumen ähnlich „zu Hause“?
Beckers: Es ist unterschiedlich. Ich stehe gerne auf der Bühne. Kirche ist für mich etwas anderes. Mal gehe ich zum Gottesdienst in St. Barbara in Ofden. Manchmal fahre ich aber auch zur Kapelle nach Ottenfeld, weil ich vielleicht einfach für mich alleine sein möchte.
Haben Sie in einem Gottesdienst auch schon mal gedacht: „Hier könnte ich jetzt ein Kabarettprogramm draus machen“?
Beckers: Ja, hin und wieder gab es das. Etwa eine Szene zur Kinderkommunion „D`r Jung jet mit“. Tastsächlich hat sich ein Kaplan darüber beschwert. Aber das ist jetzt auch schon 20 Jahre her. Hin und wieder fließt mein Glaube in ein Programm ein. Ob ich zum Missionieren geeignet wäre, weiß ich nicht, aber ich würde schon sagen, das ist mein Standpunkt. Ich glaube an Jesus Christus. Das ist mein Glaube. Ich glaube an die Auferstehung, an ewiges Leben. Das fängt aber schon auf der Erde an mit Nächstenliebe und Toleranz.
Glaube bedeutet also auch Haltung?
Beckers: Ja, und das finde ich gerade jetzt sehr wichtig. Was uns fehlt in der Gesellschaft ist meiner Meinung nach Demut, Menschlichkeit, Bescheidenheit und das sind ja auch Dinge, die im Christentum vertreten werden.
In Sachsen-Anhalt haben vor einigen Tagen fast 45 Prozent der Menschen eine gesichert rechtsextreme Partei gewählt. Was können Humor und Glaube hier entgegensetzen?
Beckers: Diktatoren haben immer Angst vor Humor, weil er sie entlarvt. Ich glaube, dass man deren Lächerlichkeit deutlich machen sollte. Und wenn wir auf den Glauben schauen, auf dessen Grundlage, das christliche Menschenbild, dann ist das ein starker Punkt. Nicht zuletzt deswegen sind bei der Heiligtumsfahrt in Aachen 1937 fast eine Million Menschen gegen die Nationalsozialisten aufgestanden.
Was können wir heute tun?
Beckers: Die Unzufriedenheit ist wahnsinnig groß, und die Emotionen kochen hoch. Die Menschen sind enttäuscht, auch die demokratische Mitte, weil in der Politik Wort und Tat auseinanderklaffen. Man gewinnt manchmal den Eindruck, dass die Politiker auf ihrer Insel sitzen und keine Vorstellung von der Realität der Menschen haben, die hart arbeiten müssen. Ich glaube, dass man das wirklich konkret anpacken muss und zeigen muss: Wir versuchen die Situation zu verbessern – auch als Kirche.
Inwiefern?
Beckers: Kirche muss zeigen, dass sie im Alltag für die Menschen da ist, ihnen hilft und auch Position bezieht.
Manche Menschen verbinden Kirche vielleicht eher mit Regeln und Moral als mit Hilfe und Trost. Wie sehen sie das?
Beckers: Mir sind der Glaube und auch die Institution sehr nahe, weil ich damit aufgewachsen bin. Ich sehe auch im jetzigen Papst, soweit ich das beurteilen kann, einen großen Hoffnungsträger, der ein positives Bild vermittelt für mich, der ein Glaubensvermittler ist, kein Politiker, auch wenn er natürlich politisch ist. Aber er gibt die Antworten aus dem Glauben heraus.
Gab es auch einmal Momente, in denen Sie wütend waren auf Gott?
Beckers: Nicht wirklich wütend. Vielleicht habe ich manchmal gedacht, die Kraft reicht nicht mehr. Das war ja nicht alles in drei Monaten ausgestanden. Da gibt es schon Momente, in denen ich gedacht habe: Schaffe ich das? Solche Momente gab es in meinem Leben öfter, etwa als mein Bruder sich umgebracht hat. Oder als meine Mutter versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Ich habe dann aber trotzdem die Kraft gefunden, weiterzumachen.
Manche Menschen stellen sich in dieser Situation die Frage: Wie kann Gott so etwas zulassen?
Beckers: Ich habe in diesen Situationen eher gebetet. Und daraus Kraft geschöpft.
Wer ist Gott für Sie?
Beckers: Gott ist für mich das Leben, aus dem ich komme und zwar als die Person, die er gewollt hat mit all ihren Stärken und Schwächen. Er trägt mich im Alltag, trägt und begleitet mich – vielleicht nicht immer so, wie ich mir das vorstelle. Aber trotzdem gut.
Wenn Sie drei Begriffe nennen sollten, was Sie jetzt trägt. Welche wären das?
Beckers: Gebet, Optimismus und Gelassenheit, also die Gewissheit, dass das Leben ein Kreislauf ist.
Was ist mit Humor?
Beckers: Humor ist selbstverständlich!
Dann zum Abschluss noch einen kurzen Witz?
Beckers: Mit Bezug zum Glauben habe ich einen Lieblingswitz: Tünnes war zur Beichte, kommt raus, und Schäl provoziert ihn. Ruft immer Schimpförter, Blödmann, Idiot und so weiter. Dann sagt Tünnes: Ich bin jetzt im Stand der Gnade. Aber glaub mir, ich komme auch wieder raus. (lacht)



