NRW: Demokratie mit christlichen Wurzeln
Wie die britische Militärregierung 1946 ein neues Bundesland schuf – und warum christliche Werte, soziale Verantwortung und der Wille zum Zusammenhalt NRW bis heute prägen.

Die Spitze der britischen Militärregierung.
Von Kathrin Albrecht
Nordrhein-Westfalen. Am 23. August feiert Nordrhein-Westfalen 80. Geburtstag. Ein Blick in die Gründungsgeschichte zeigt, dass das Bundesland auch auf christlichen Fundamenten ruht.
„Im deutschen Westen ist ein Grundstein zu neuem demokratischem Gemeinschaftsleben gesetzt worden. Die Errichtung des Landes Nordrhein-Westfalen und die Bildung des ersten Kabinetts dieses Landes sind erste vorsichtige Schritte zur politischen Willensbildung und Selbstverantwortung unseres Volkes.“
Als der erste Ministerpräsident Rudolf Amelunxen diese Worte zur konstituierenden Sitzung des Landtages in der Düsseldorfer Oper spricht, ist er bereits knapp drei Monate im Amt. Unter dem Codename „Operation Marriage“ hatte die britische Militärregierung die Auflösung der bestehenden preußischen Provinzen beschlossen. Aus dem nördlichen Teil der preußischen Rheinprovinz mit den Bezirken Aachen, Köln und Düsseldorf sowie der preußischen Provinz Westfalen wurde Nordrhein-Westfalen. 1947 kam noch das Land Lippe dazu. „Nordrhein-Westfalen ist ein Produkt der alliierten Besatzungsmächte“, erläutert Ralph Rotte, Professor für Internationale Politik an der RWTH Aachen. Man wollte zum einen Preußen als Hort des Militarismus zerschlagen und zum anderen das Ruhrgebiet als Ganzes in ein Land einbetten. Zwar waren Westfalen und das nördliche Rheinland lange Teile des Freistaates Preußen gewesen, als Preußen fühlten sich jedoch die wenigsten.
Eine verbindende Klammer gab es für Rheinländer und Westfalen – der christliche Glaube. Das zeigt sich auch in den politischen Anfängen. Geistliche wie der Dominikaner Laurentius Siemer waren wichtige Impulsgeber für die Gründung der CDU. Frauen und Männer wie Sibille Hartmann, Konrad Adenauer, Karl Arnold, der 1947 der erste frei gewählte Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens wurde, prägen nicht nur die Politik der ersten Nachkriegsjahre in NRW, sondern auch die der jungen Bundesrepublik. Sie waren Mitglieder des Volksvereins für das katholische Deutschland oder christlicher Gewerkschaften, ihre Überzeugungen flossen in ihr politisches Handeln und Denken ein. Grundsatzprogramme, wie die „Kölner Leitsätze“, ein vorläufiger Entwurf zum Parteiprogramm der neu gegründeten CDU, zeigen, wie stark dieser Einfluss war.
Einige Leitsätze, wie die Anerkennung der Würde des Einzelnen, Meinungsfreiheit oder das Bekenntnis zum Rechtsstaat fanden auch Eingang in das Grundgesetz der Bundesrepublik. „Man könnte sagen, der Einfluss beider Kirchen war indirekt vorhanden“, resümiert Rotte. Zu verdanken ist das wohl der britischen Militärregierung. Die pragmatischen Briten trieben zwar ebenfalls die Entnazifizierung voran, aber es ging ihnen weniger um Institutionen, wie den US-Amerikanern, sondern um Einzelpersonen. Die Kirchen galten als vom NS-Regime weitgehend „unbefleckt“, daher galt es als wenig problematisch, wenn kirchliche Einrichtungen oder kirchennahe Personen Aufgaben des öffentlichen Lebens versahen. Auch die konfessionellen Bekenntnisschulen haben sich bis heute im nordrhein-westfälischen Schulsystem gehalten. „In Bayern wurden sie 1968 per Volksentscheid abgeschafft. Sie galten als altbacken“, erklärt Rotte.
Der christliche Einfluss der frühen Jahre prägt das Land bis heute. „Es gibt eine grundsätzliche Toleranz dem anderen gegenüber und die von Karl Arnold vertretene Idee des christlichen Sozialismus war die politische Brücke zwischen CDU und SPD. Politikerinnen und Politiker hatten den gleichen Hintergrund, die gleiche Basis, die gleiche Klientel. Zwischen den beiden Parteien gibt es bis heute kaum Unterschiede.“ Das Land sei immer etwas „sozialer“ als die anderen Länder gewesen, das Ruhrgebiet als industrieller Motor der frühen Bundesrepublik und Europas habe auch einen Beitrag dazu geleistet, Menschen mit Migrationshintergrund zu integrieren. „Man versucht, miteinander klarzukommen.“
Für Rotte ist das auch mit ein Grund dafür, warum sich extremistische Parteien wie die AfD, bis auf einige Ausnahmen, in Nordrhein-Westfalen eher schwertun. Aber: „Die Fähigkeit, Konflikte geräuschlos zu lösen, ist auch hier etwas verlorengegangen.“ Der soziale Kitt, der die Gesellschaft lange zusammengehalten hat, beginnt zu bröseln. Die dynamische Entwicklung der Wirtschaft, vor allem auch der Strukturwandel, der in einigen Teilen nicht gut begleitet wurde, führe zu Verteilungskämpfen und zum Gefühl, abgehängt zu sein. Und nicht zuletzt zeichnet sich in NRW ebenfalls ab, dass die Bindung an die Kirchen im persönlichen Leben abnimmt. Noch knapp ein Drittel der 18 Millionen Menschen bekennt sich zum katholischen Glauben, 20 Prozent zum evangelischen. Zentral für die Frage, ob sich NRW auch in Zukunft seine ureigene DNA bewahren, soziale Konflikte und Extremisten einhegen kann, seien zwei Dinge, sagt Ralph Rotte: „Es muss den Strukturwandel besser umsetzen und sich stärker um die Brennpunktregionen kümmern.“
Zur Person
Ralph Rotte (*30. April 1968 in Warendorf) studierte Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Internationale Politik und Neueste Geschichte und ist seit 2001 Universitätsprofessor für Politikwissenschaft am Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen.