„Da bekommt der Verzicht eine existenzielle Bedeutung“
Ein Museum wird verpackt. Die Sammlung des Kölner Wallraf-Richartz-Museums wird eingelagert – und Museumschef Marcus Dekiert spricht darüber, was Verhüllen und Enthüllen in der Kunst bedeutet.

© Meike Böschemeyer
Das Wallraf-Richartz-Museum besitzt viele Bilder, die für Rheinländer identitätsstiftend sind.
Von Raimund Neuß
Kirchenzeitung: Herr Dekiert, wir müssen über ein Entzugsproblem reden. Ihr Museum besitzt Bilder, die für viele Rheinländer identitätsstiftend sind. Stefan Lochners Madonna im Rosenhag zum Beispiel. Seit Anfang August ist das Wallraf-Richartz-Museum wegen Instandsetzungsarbeiten geschlossen. Was macht das mit den Leuten?
Marcus Dekiert: In der Tat, wir müssen mehr als zwei Jahre lang Verzicht üben. Die Bilder werden verpackt und ausgelagert. Ein Besucher, der selbst Leihgeber für unser Haus ist, sagte mir: Ich bin jetzt 92 und weiß gar nicht, ob ich mein Bild noch einmal sehe. Da bekommt der Verzicht eine existenzielle Bedeutung. Es sind traurige Szenen, aber darin liegt auch etwas Schönes: Sie zeigen, was Kunst Menschen bedeuten kann.
Also eine Art Fastenkur? Wir sind es gewohnt, überall und jederzeit Bilder zu sehen. Früher waren die Sehgewohnheiten der Menschen sicher noch anders, oder?
Dekiert: Lochners Madonna war ein Andachtsbild für den privaten Gebrauch. Nicht für die Öffentlichkeit. Aber auch die Altäre in Kirchen waren meist geschlossen. Die Altarflügel verdeckten das Mittelfeld. Wenn der Altar an Feiertagen geöffnet wurde, muss es den Menschen vorgekommen sein wie der Blick in eine andere Welt. Eine solche Erfahrung können wir uns kaum mehr vorstellen. Jeder hat ein Handy und kann sich durch die ganze Kunstgeschichte „durchwischen“. Früher sah man ein offenes Retabel vielleicht zwei- oder dreimal im Jahr. Und Kirchen waren dunkel. Bei der Restaurierung eines unserer Altäre haben wir zuletzt Brandspuren gefunden. Es standen also Kandelaber unmittelbar vor dem Altarbild und hoben es aus dem Dunkel heraus. Der Anblick muss überwältigend gewesen sein.
Wie im Zweiten Korintherbrief, wo Paulus schreibt, Moses habe sein Haupt verhüllen müssen, die Christen aber dürften die Wahrheit unverhüllt sehen?
Dekiert: Ja. Enthüllen und Verhüllen spielen in der Liturgie eine gewaltige Rolle. Und spannend ist, wie Maler dies umsetzten. Wir stehen hier vor der Lochner-Madonna, auf der zwei Engel einen Vorhang lüften. Maria erscheint im Paradiesgarten, aber man weiß schon: Im nächsten Moment schlägt der Vorhang wieder zu. Ein seliger Moment der Schau. Die thronende Muttergottes in einer Laube mit Rosenblüten, geschmückt mit dem Symbol des Einhorns, das sich der antiken Legende nach nur von einer reinen Jungfrau fangen lässt.
Und das alles für einen einzelnen Beter.
Dekiert: Es ist kein Zufall, dass solche Momente in Andachtsbildern thematisiert werden. Der Einzelne tritt vor das Bild. Er versenkt sich in die Zwiesprache mit dem Heiligen. Der Vorhang markiert die Grenze zum Transzendenten. Es gibt eine Wechselbeziehung zwischen dem, was das Bild darstellt – dem enthüllten Heiligen – und dem, was vor dem Bild geschieht: die Anbetung, in der die Grenze des Raums für einem Moment durchlässig wird. Aus der Barockzeit besitzen wir hier im Museum eine Darstellung der Muttergottes mit dem Kind und mit ihrer Mutter Anna. Auch hier wird ein Vorhang zurückgeschlagen und gibt den Blick auf den heiligen Moment frei.
Im gleichen Raum wie die Lochner-Madonna, die Sie jetzt einpacken müssen, hängt noch ein erstaunliches Bild. Nichts als ein Tuch. Aber ein Tuch, das das Bild Christi zeigt. Eine Enthüllung?
Dekiert: Das Schweißtuch der Veronika! Der Laurenz-Meister spannt das täuschend echt gemalte Tuch auf einem Goldgrund aus. Das Tuch, das Veronika Christus auf dem Kreuzweg gereicht haben soll. Es blieb ein Abdruck seines Gesichts, die Vera Ikon, das wahre Bild Christi. Wieder so ein kurzer, seltener Moment: Das Tuch wird entfaltet und erlaubt eine Begegnung mit Christus, wie man sie an keiner anderen Stelle erfährt. Dieses Schweißtuch ist oft gemalt worden. Wir haben etwa ein Altarbild des Barockmalers Johann Hulsman. Es zeigt das Geschehen am Rande des Kreuzwegs. Alle Gestalten sind tieftraurig. Zwei Engel ziehen das Tuch auseinander und enthüllen die Vera Ikon. Auch hier ist das Tuch täuschend echt gemalt.
© Meike Böschemeyer
Muttergottes mit dem Kind und ihrer Mutter Anna: Auch hier wird ein Vorhang zurückgeschlagen.
Wenn ich mich richtig erinnere, ist ein Bericht über so eine Augentäuschung eine der frühesten Quellen, die wir überhaupt über die Arbeit von Malern haben.
Dekiert: Richtig, und es ging ums Verhüllen. Im antiken Griechenland, nicht im christlichen Kontext. In einem Künstlerwettstreit führt der Maler Parrhasios seinen Kollegen Zeuxis vor einen Vorhang. Zeuxis versucht ihn zurückzuziehen, um das Bild des Konkurrenten zu enthüllen. Aber der Vorhang selbst ist gemalt. Bilder aus dieser Zeit sind nicht erhalten. Aber die Beschreibung des gemalten Vorhangs hat in der Frühen Neuzeit viele Künstler angeregt, zumal man das aus zeitgenössischen Sammlungen kannte. Bilder wurden durch Vorhänge geschützt.
Das erinnert mich an die Situation Ihres Museums. Aber ist das Warten darauf, dass die Sammlung wieder enthüllt wird, noch so spannend wie damals, wenn ein Sammler für seinen Gast den Vorhang zurückzog? Oder kann man heute alles durchs Wischen auf dem Handy ersetzen?
Dekiert: Ich glaube nicht, dass die Reproduktion die Aura des Originals ersetzen kann. Am letzten Tag vor der Schließung fragten viele Besucher nach Bildern, die sie noch einmal sehen wollten. Auch nach der Madonna im Rosenhag. Auch wenn man sie im Internet in höchster Auflösung studieren kann, genauer wohl als das Original in unserer Vitrine: Die Holztafel aber, die Lochner vor fast 600 Jahren bemalt hat, ist durch keine Reproduktion zu ersetzen. Gerade die Sanierungsphase macht das uns allen bewusst.
Wie sieht es mit dem menschlichen Körper aus? Im Buch Genesis ziehen sich die Menschen an, als sie Gut und Böse unterscheiden können. Ist Nacktheit eine Provokation?
Dekiert: Aktdarstellungen sind ein zentrales Thema der Kunst – weil der Maler höchste Kunstfertigkeit zeigen muss, um den Körper anatomisch richtig darzustellen. Enthüllung kann provokant, bloßstellend sein. Es gibt aber auch das Motiv der nackten Wahrheit. Verhüllt hat man sich erst nach dem Sündenfall. Im Urzustand war das nicht notwendig.
Aber es gibt auch brutale Entblößung. Jupiter, der den letzten Zipfel Tuch vom Körper der Antiope wegreißt.
Dekiert: Stimmt. Anthonis van Dyck zeigt in seinem Gemälde eine doppelte Enthüllung. Jupiter tritt durch einen dunklen Vorhang ins Bild. Er zeigt sich als übergroßer Faun und ist im Begriff, die schlafende Nymphe vollkommen zu entblößen.
Das Bild eines sexuellen Übergriffs.
Dekiert: Ja. Wir sehen eine solche Darstellung heute anders als noch vor Jahrzehnten. Das Bild ist eben nicht nur die Verbildlichung eines klassischen antiken Mythos, sondern stellt rohe Gewalt dar – inszeniert für den Blick eines männlichen Betrachters. Die gewaltsame Enthüllung der begehrten Frau.
Wir haben über Enthüllungen gesprochen. Im 20. Jahrhundert packte Christo dagegen alles Mögliche ein. Den Pont Neuf. Den Reichstag. Am liebsten hätte er den Kölner Dom verhüllt. Warum faszinierte das die Leute so?
Dekiert: Christo hat gemerkt: Es macht etwas mit dem Betrachter, wenn ich einen Gegenstand den Blicken entziehe. Große Kunst? Spektakel? Jedenfalls ermöglichte Christo eigenartige Erfahrungen: Leute wussten, unter der Hülle ist etwas, das sie kennen, aber nicht einfach aus dem Gedächtnis rekonstruieren können. Am Ende wird es wieder enthüllt. Christo hat die Bedeutung des Verhüllens und Enthüllens sehr gut verstanden.
Dann ist es kein Zufall, dass die Kirchen das Fastentuch wieder entdecken?
Dekiert: Sicher nicht. Es ist einer der eindrucksvollsten Momente im Kirchenjahr, eine Kirche zu besuchen, in der vor dem Osterfest alles verhangen ist. Was den Raum sonst definiert, ist nicht mehr sichtbar. Man kann es kaum erwarten, dass sich an Ostern wieder alles dem Blick unverhüllt darbietet.
© Meike Böschemeyer
Leitet das Wallraf-Richartz-Museum seit 2013: Marcus Dekiert.
Alles wird verpackt
Zweieinhalb Jahre lang wird die Sammlung des Kölner Wallraf-Richartz Museum – Fondation Corboud verborgen bleiben. Das von Oswald Mathias Ungers errichtete und 2001 eröffnete Haus wird bis Anfang Oktober komplett ausgeräumt, danach werden die Installationen saniert. Gemälde, Grafiken und Skulpturen werden verpackt im Lager eines Kunstlogistikers untergebracht. Eine Interimsausstellung ausgewählter Stücke gibt es nicht. Nur einige impressionistische Kunstwerke aus Kölner Bestand werden bei einer Ausstellungsreihe in Japan gezeigt.
Marcus Dekiert, Jahrgang 1970, hat in Bonn über Niederländische Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts promoviert und leitet das Kölner Museum seit 2013.
Der heutige Ungers-Bau ist bereits das vierte Haus, in dem das Museum ansässig ist. 1824 war der Priester, Botanikprofessor und Kunstsammler Ferdinand Franz Wallraf verstorben und hatte seiner Vaterstadt Köln seinen gesamten Sammlungsbestand vermacht. Aber erst drei Jahrzehnte später beschloss die Stadt die Errichtung eines Museumsbaus: Der Kaufmann Johann Heinrich Richartz hatte 100.000 Taler dafür gestiftet. Richartz erlebte die Einweihung des Hauses 1861 nicht mehr. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört.
Der Nachfolgebau von Rudolf Schwarz (vollendet 1957, heute Museum für Angewandte Kunst) war das einzige Haus in der Geschichte des Wallraf-Richartz-Museums, für dessen Errichtung sich die Stadt ohne äußeren Anstoß entschied. 1986 wurde das dritte Haus eingeweiht, durchgesetzt vom Aachener Sammlerpaar Peter und Irene Ludwig. Anfangs beherbergte es sowohl das Wallraf-Richartz-Museum als auch das 1976 ausgegliederte Museum Ludwig für die Kunst der Moderne.
Daher erhielt das Wallraf-Richartz-Museum den heutigen Ungers-Bau, der derzeit um einen Erweiterungsbau der Schweizer Architekten Christ & Gantenbein ergänzt wird. Diese Erweiterung erfolgte auf Anstoß der Stifter Gérard und Marisol Corboud. Während der Sanierung des Ungers-Baus wird auch der Anschluss an den Neubau hergestellt.



