»Zusammenhalt lebt vom Einsatz jedes Einzelnen«
„Diese Erfolgsgeschichte gehört uns allen und die Menschen hier sind stolz darauf“, blickt Ministerpräsident Hendrik Wüst auf 80 Jahre NRW zurück.

© Land NRW / Tobias Koch
„Es ist gut, dass es keine Schlusslicht-Debatte mehr gibt, sondern endlich über das Aufsteigerland NRW gesprochen wird", sagt NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst.
Von Stephan Johnen
Herzlichen Glückwunsch, Nordrhein-Westfalen! Unser Bundesland wird 80 Jahre alt. Mit Ministerpräsident Hendrik Wüst sprechen wir über den Start nach der Katastrophe, Errungenschaften der Vergangenheit und die Herausforderungen der Zukunft.
Mit der „Operation Marriage“ schlug die Geburtsstunde unseres Bundeslandes. 1946 wurde diese Zusammenlegung nicht als Liebesheirat gesehen. Was macht für Sie im Rückblick auf 80 Jahre den Charakter des Landes aus?
Hendrik Wüst: Nordrhein-Westfalen ist ein Land des Anpackens. Der Fleiß der Menschen hat unser Land erfolgreich und stark gemacht. Deshalb haben wir allen Grund, stolz und dankbar auf 80 Jahre Landesgeschichte zu blicken: Nordrhein-Westfalen ist ein modernes und vielfältiges Land, ein Hotspot für Wissenschaft und Forschung, Heimat von Weltmarktführern, ein Ort mit hoher Lebensqualität auf dem Land wie in den Städten.
NRW war lange das Land von Kohle, Stahl und Industrie. Gefühlt überschattet der Niedergang vieler Industriezweige immer noch die Erneuerungs- und Transformationsprozesse. Müssen wir in Sachen Selbstbewusstsein Nachhilfeunterricht in Bayern nehmen?
Wüst: In Nordrhein-Westfalen bekennen wir uns dazu, dass wir nur durch Arbeit vorankommen. Noch vor zehn Jahren wurde in Deutschland über Nordrhein-Westfalen als Schlusslicht diskutiert. Heute zählen Wirtschaftsexpertinnen und Wissenschaftler NRW zu den Gewinnern der letzten zehn Jahre. Das belegen drei unterschiedliche Studien, unter anderem vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Es ist gut, dass es keine Schlusslicht-Debatte mehr gibt, sondern endlich über das Aufsteigerland NRW gesprochen wird. Angesichts der Vielzahl vergangener Krisen zeigt das eine herausragende Stabilität und Krisenresistenz. Und es zeigt auch: Politik kann einen Unterschied machen. Trotz all dieser positiven Befunde ist klar, dass wir bei vielen Dingen auch noch besser werden müssen. Daran arbeiten wir mit Beharrlichkeit und einem langen Atem.
Was ist die wichtigste Aufgabe, um NRW zukunftsfähig zu machen?
Wüst: Kinder sind unsere Zukunft, deshalb stehen sie im Mittelpunkt unserer Politik: Mit jährlichen Rekordinvestitionen haben wir Bildung zu unserer obersten Priorität im Haushalt gemacht. Auch in diesem Jahr stellen wir wieder Rekordmittel für den Bereich Bildung zur Verfügung: insgesamt 43,4 Milliarden Euro. Kein anderes Bundesland gibt einen größeren Anteil seines Haushalts für Bildung aus. Heute arbeiten über 12.600 Menschen mehr an unseren Schulen als noch 2022. Die Zahl der Lehrkräfte und des weiteren Landespersonals an unseren Schulen ist damit in dieser Wahlperiode so stark gestiegen wie seit den 1970er-Jahren nicht mehr.
Wie kann es besser gelingen, alle Menschen bei Wandel und Modernisierung mitzunehmen?
Wüst: Wandel gelingt, wenn er gemeinsam mit den Menschen gerecht gestaltet wird. Unser Auftrag lautet daher: Dranbleiben und anpacken. NRW hat in 80 Jahren viel erreicht: Unser demokratisches Gemeinwesen hat starke Institutionen. Unsere Wirtschaft hat das Wirtschaftswunder vorangetrieben und Wohlstand erarbeitet. Wir sind Industriestandort und attraktiver Gründungsstandort für Start-ups. Wir schaffen erneut einen Strukturwandel und gehen erfolgreich den Weg von der Kohle zur KI und treiben Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Quantentechnologie und Raumfahrt voran.
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Papst Franziskus empfängt Hendrik Wüst, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, am 23. März 2023 im Vatikan.
Gerechtigkeit ist das Fundament für ein menschenwürdiges Zusammenleben. NRW ist ein Land mit großen sozialen und wirtschaftlichen Unterschieden. Welche Gerechtigkeitslücken gilt es noch zu schließen?
Wüst: Gerechtigkeit bedeutet, wirtschaftliche Stärke und soziale Verantwortung zusammenzudenken. Menschen mit türkischen, polnischen, italienischen oder portugiesischen Wurzeln haben in erster Generation Kohle gefördert, Stahl produziert und Straßen gebaut. Sie haben Familien gegründet, Kinder großgezogen, Betriebe aufgebaut. Ihre Kinder sind heute Lehrerinnen, Bäcker, Unternehmer, Ärztinnen, Vereinsvorsitzende. Diese Erfolgsgeschichte gehört uns allen und die Menschen hier sind stolz darauf. Wo viele verschiedene Menschen zusammenleben, ist es Aufgabe von Politik, zusammenzuführen und zu moderieren. Politik muss Ergebnisse liefern bei Bildung, Sicherheit oder Rahmenbedingungen für die Wirtschaft.
Karl Arnold, der erste frei gewählte Ministerpräsident, wird oft mit folgendem Satz zitiert: „Wir sind das soziale Gewissen Deutschlands.“ Was war und ist an dieser Aussage dran?
Wüst: Karl Arnold hat NRW mit diesem Satz schon damals zum Vorreiter unter den Ländern gemacht und er gilt für mich bis heute. Deswegen habe ich bewusst an ihn erinnert, als ich 2022 meinen Amtseid abgelegt habe. Es geht darum, gute Bildung zu ermöglichen, unsere Infrastruktur grundlegend zu modernisieren, Klimaschutz voranzubringen und gleichzeitig den sozialen Zusammenhalt zu sichern.
Solidarität wird immer dann sichtbar, wenn Menschen füreinander einstehen. Welche Rolle spielen Ehrenamt, Vereine, Nachbarschaften und andere Arten bürgerschaftlichen Engagements für den Zusammenhalt?
Wüst: Der Zusammenhalt lebt vom Engagement jedes Einzelnen. Freiwillige übernehmen bei der Feuerwehr Verantwortung, Eltern organisieren ein Kita-Fest, Nachbarn unterstützen sich beim Einkauf, Menschen jeden Alters engagieren sich in der Kirche oder als Trainer im Sportverein. Dieser Einsatz ist zentral für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.
Viele Menschen erleben Politik heute als weit entfernt vom eigenen Alltag. Was muss Politik leisten, damit Vertrauen in demokratische Institutionen wieder stärker wächst?
Wüst: Das Fundament unserer Demokratie ist stabil. Gleichzeitig ist das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates und der demokratischen Parteien zurückgegangen. Die meisten Menschen stören sich nicht an der Demokratie als Staatsform, sondern an einem Staat, der manchmal mehr verspricht, als er einlösen kann und der immer weniger als handlungsfähig wahrgenommen wird. Wir müssen verloren gegangenes Vertrauen deshalb durch gute Politik zurückgewinnen. Politik kann einen Unterschied machen.
Die Kirchen haben NRW über Jahrzehnte mitgeprägt – durch ihre Gemeinden, Schulen, Kitas, Krankenhäuser, sozialen Einrichtungen und ihr Engagement für Menschen am Rand der Gesellschaft. Welche Bedeutung haben die Kirchen heute noch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Wüst: Ich bin dankbar, dass die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften sich für die Menschen in unserem Land engagieren. Sie begegnen uns nicht nur in der Gemeinde, auch im Religionsunterricht, als Seelsorge in Justizvollzugsanstalten und Krankenhäusern sowie bei Notfällen. Dieses Engagement zeigt, dass die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften ein wichtiger Pfeiler unserer Gesellschaft sind, die ein friedliches Zusammenleben in unserem Land maßgeblich fördern.
Welche Rolle spielt der Glaube in ihrem Leben? Wie gehen Sie mit der Spannung um, die zwischen persönlichen Werten und politischen Kompromissen entstehen kann?
Wüst: Der Glaube und das christliche Menschenbild sind ein wichtiger Kompass in meinem Leben, der mich als Politiker prägt und den ich auch meinen Töchtern vorzuleben versuche. Es ist Kern einer Demokratie, um den besten Weg zu ringen und Kompromisse einzugehen. Die Würde, die jedem Menschen zukommt, gleich welcher Herkunft, gleich welchen Glaubens, muss dabei aber stets gewahrt bleiben.
Angenommen, wir führen dieses Gespräch zum 100. Geburtstag noch einmal: Welche Entwicklung wünschen Sie sich, auf die Menschen dann zurückblicken und sagen: Dafür hat sich unser gemeinsamer Weg gelohnt?
Wüst: Ich wünsche mir, dass wir nie aufhören, anzufangen. Wir müssen immer dranbleiben, arbeiten und immer die Chancen der Zeit nutzen, um erfolgreich zu sein. Ich finde: Wir haben trotz aller Herausforderungen allen Grund für Optimismus.