„Wir wollen den Frieden erhalten“
Braucht Deutschland wieder eine Wehrpflicht?

© Bundeswehr/Jana Neumann
Von Gerd Felder
Brigadegeneral Stephan Kurjahn ist seit 2024 Kommandeur der Technischen Schule des Heeres in Aachen sowie General der Heereslogistiktruppen. Was hat ihn selbst motiviert, Soldat zu werden, wie würde er heute bei jungen Leuten für den freiwilligen Wehrdienst werben, und hält er es für möglich, dass die allgemeine Wehrpflicht eines Tages wieder eingeführt wird? Darüber sprach Gerd Felder mit Brigadegeneral Kurjahn.
Herr Brigadegeneral, wie haben Sie selbst das Ableisten Ihres Wehrdienstes erlebt? Und was hat Sie bewogen, Berufssoldat zu werden?
Kurjahn: Ich bin 1990 freiwillig zur Bundeswehr gegangen, hatte dabei selbstverständlich tagtäglich mit wehrpflichtigen Kameraden zu tun und kenne daher sehr gut die Herausforderungen der Wehrpflichtigen. Für meine Entscheidung, Zeitsoldat zu werden, waren mehrere Schlüsselerlebnisse prägend. Der Hauptgrund: Ich bin in den 1980-er Jahren sehr oft nach West-Berlin gefahren, habe viel über die DDR gehört und gesehen, was es bedeutet, in einer Diktatur ohne beispielsweise Versammlungs-, Meinungs-, Presse-, Religions- und Reisefreiheit oder freie Wahlen zu leben. Daraufhin habe ich mich gefragt, wie ich unserem Staat am besten dienen und seine Freiheit verteidigen kann. Die Antwort lautete: Indem ich mich als Offizieranwärter verpflichte. Eine ganz andere Motivation kam hinzu: Ich wollte Maschinenbau studieren, und dies war auch bei der Bundeswehr möglich. Als Offizieranwärter konnte ich beides ideal miteinander verbinden.
Wenn Sie heute junge Leute von einem freiwilligen Wehrdienst überzeugen müssten, was würden Sie ihnen dann sagen?
Kurjahn: Ich würde Ihnen genau meine Motivation vermitteln: Dass es bei unserem Dienst darum geht, unser Land, die Demokratie, unser Grundgesetz, unsere Werte und Normen und die Menschenrechte zu verteidigen. Die Freiheiten, die uns unser Land bietet, sind verteidigungswürdig. Darüber hinaus ist die Bundeswehr ein sehr attraktiver Arbeitgeber, der den jungen Leuten viel bietet: den Umgang mit modernster Technik, Verantwortung in jungen Jahren für Menschen und Material, sehr abwechslungsreiche und vielfältige Berufsbilder und in dieser Form etwas Einmaliges, das in unserer DNA steckt – Kameradschaft.
Sie haben es angedeutet: Der Dienst in der Bundeswehr unterscheidet sich von fast allen anderen Tätigkeiten und Berufen dadurch, dass es letztlich um Leben und Tod gehen kann. Wie kann man da glaubwürdig werben?
Kurjahn: Wir leisten unseren Dienst gerade, weil wir nicht sterben wollen. Wir glauben an das Prinzip der Abschreckung und wollen das Risiko für einen möglichen Angreifer so unkalkulierbar machen, dass er erst gar keinen Krieg beginnt. Wir wollen damit den Frieden erhalten, und jeder, der in der Bundeswehr dient, dient letztendlich durch das Prinzip der Abschreckung dem Frieden. Dass es seit dem Zweiten Weltkrieg keinen klassischen Krieg mehr in Europa gegeben hat, ist ein Erfolg der Abschreckung. Aber wenn es wieder dazu käme, wären wir in letzter Konsequenz bereit, für unser Land zu sterben. Wir können glaubwürdig für die Bundeswehr werben, weil wir eine sinnvolle Aufgabe anzubieten haben. Wer gern mit Menschen umgeht, ist bei den Streitkräften, bei denen man nur im Team bestehen kann, genau richtig.

© Bundeswehr
Brigardegeneral Stephan Kurjahn: „Es geht darum, unser Land, die Demokratie, unser Grundgesetz, unsere Werte und Normen und die Menschenrechte zu verteidigen.“
Sie haben als Kommandeur der Technischen Schule des Heeres jeden Tag mit vielen jungen Soldatinnen und Soldaten in der Ausbildung zu tun. Wie erleben Sie sie?
Kurjahn: Mit Freude erlebe ich die jungen Menschen, sowohl das Stammpersonal unserer Schule als auch die Trainingsteilnehmenden, die aus allen Regionen Deutschlands kommen. 90 Prozent von ihnen sind hochmotiviert, rücksichtsvoll, kameradschaftlich, wissbegierig und gern in Aachen. Ich habe vorige Woche auf dem Truppenübungsplatz im rheinland-pfälzischen Baumholder erlebt, wie alle bei extremer Hitze Durchhaltewillen an den Tag gelegt und aufeinander aufgepasst haben. Keiner hat erklärt, er wolle nach Hause.
Was lernen die jungen Leute bei Ihnen, und wie äußern sie sich dazu?
Kurjahn: Wir haben an der Technischen Schule des Heeres ein komplexes, umfangreiches Trainingsprogramm mit 260 unterschiedlichen Lehrgängen, die von zwei Tagen bis zu zwei Jahren dauern. Im größten Teil handelt es sich um die technische Individualausbildung an sehr komplexen Landsystemen mit viel Elektronik. Wer vorher Mechatroniker bei Mercedes war, kann noch lange keinen Kampfpanzer Leopard 2 oder keinen Schützenpanzer Puma reparieren. Auf der Meisterebene lernt man bei uns, wie man einen Schaden lokalisiert und diagnostiziert, die Fachebene, den Mechatroniker, anleitet und die entsprechenden Ersatzteile anfordert. Das Feedback zur Qualität der Ausbildung ist sehr gut. Das bestätigt mir die Truppe immer wieder. Und das ist für mich der Benchmark.
Im Jahr 2011 wurde die Wehrpflicht in Deutschland ausgesetzt. War das von heute aus betrachtet ein Fehler?
Kurjahn: Das ist 2011 nach bestem Wissen und Gewissen entschieden worden. Damals herrschte tiefster Friede in Europa, Russland wurde als Partner betrachtet, und wir haben die sogenannte Friedensdividende erlebt. Wer heute behauptet, das sei ein Fehler gewesen, wirkt etwas überheblich. Es war allerdings vielleicht kein guter strategischer Ansatz mit Weitsicht, dass damals alle Strukturen, wie beispielsweise die Wehrerfassung oder die Kreiswehrersatzämter, abgeschafft wurden. Wie schwer es ist, das alles politisch und organisatorisch wieder zu etablieren, sieht man jetzt. Das ist leider nicht bedacht worden. Aber durch das Gesetz zur „Modernisierung des Wehrdienstes“ haben wir den richtigen Weg eingeschlagen.
Wir haben uns in Deutschland und in weiten Teilen Europas an jahrzehntelangen Frieden gewöhnt, ihn schon fast für selbstverständlich gehalten, bis Russland die Ukraine angriff. Ist es vor diesem Hintergrund schwer, (junge) Menschen in Deutschland davon zu überzeugen, dass wir viel mehr für unsere Sicherheit und Verteidigung tun müssen?
Kurjahn: Genau genommen haben wir schon seit 2014 Krieg in Europa, seit der Invasion Russlands auf die Krim. Aber ja, junge Menschen kennen nur Frieden in Europa. Viele von ihnen nehmen die Demokratie mit all ihren Werten und Errungenschaften, insbesondere die erwähnten Freiheiten, als selbstverständlich auf. Aber sie ist es nicht. Erinnern wir uns an die USA und Großbritannien im Zweiten Weltkrieg: Die Soldaten dieser beiden Länder haben für die Werte und Normen, die wir heute als selbstverständlich annehmen, gekämpft und wollten Frankreich und ja – auch Deutschland befreien. Auch heute müssen junge Menschen sich entscheiden, ob sie Freiheit haben wollen oder einen autoritären Staat. Die Bedrohung durch Russland ist real, und die Gefahr für unser Bündnis, die NATO, ist durchaus konkret.
Wird der freiwillige Wehrdienst ausreichen, um auf die für die Bundeswehr nötigen Zahlen zu kommen, oder rechnen Sie irgendwann mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht?
Kurjahn: Das ist die „Eine-Million-Dollar-Frage“, die niemand beantworten kann. Die erste Auswertung zum Wehrdienst-Modernisierungsgesetz ist sehr positiv. Von den bis zum 18. Juni versendeten 298 200 versendeten Schreiben wurden von den männlichen Staatsbürgern 96 Prozent beantwortet. Hiervon zeigten mehr als ein Fünftel Interesse am Wehrdienst, das sind rund 31 000 Männer. Die Rücklaufquote bei den Personen anderen Geschlechts, die nicht zur Beantwortung des Fragebogens verpflichtet sind, liegt bei rund vier Prozent. Hiervon signalisierten rund 55 Prozent der Antwortenden ein vergleichbares Interesse. Durch diese Zahlen bin ich guter Dinge, dass wir durch die Freiwilligkeit unseren Nachwuchs bekommen werden. Sollte es nicht klappen, dann müssten wir ein neues Wehrpflichtgesetz schaffen. Wie sagte es unser Minister im Bundestag am 5. Dezember 2025? „Wenn es nicht reicht und wenn die Bedrohungslage sich weiter so schlecht entwickelt, werden wir um die verpflichtende – eine Teil-Wehrpflicht – nicht umhinkommen, um dieses Land schützen zu können.“



