»Jeder schwere Einschlag ist auch eine Chance für Tiefe«
Die Kelly Family hat seit den 90er-Jahren fasziniert. Aufgewachsen auf der Straße als Musikerin, kein Schulbesuch – und dennoch ist Patricia Kelly erfolgreiche Musikerin und Unternehmerin.

© Sandra Ludewig
Patricia Maria Kelly ist Sängerin, Musikerin, Unternehmerin, Autorin und Botschafterin von missio in Aachen.
Von Stephan Johnen
Kirchenzeitung: Frau Kelly, Ihre Kindheit und Jugend verliefen aus deutscher Perspektive ziemlich ungewöhnlich. Aber Sie stehen mit beiden Füßen auf dem Boden und engagieren sich seit Jahren auch als Botschafterin für das Internationale Katholische Missionswerk missio in Aachen. Wie passt das alles zusammen?
Patricia Kelly: Naja, ich glaube, von außen betrachtet würde man denken: „Die Kellys waren so ein paar verrückte Hippies, die nur Musik und Freiheit im Sinn hatten.“ Aber tatsächlich bin ich in einem Haushalt großgeworden, der nicht nur sehr frei und liberal war, sondern in vielen Dingen auch sehr konservativ. Die festen Wurzeln waren der christliche Glaube und christliche Werte. Meine Eltern waren sehr gebildet: Papa war früher Lehrer und anschließend Unternehmer, bevor er mit uns die Musik begann – was nie ein vorgefasster Plan war, sondern aus reinem Zufall entstand. Wir haben vom Elternhaus viel mit auf den Weg bekommen, auch geprägt durch Papas amerikanisch-irische Mentalität: Learning by doing. Bei uns zu Hause wurde enorm viel über das Machen gelernt, um Stärke und Charakter aufzubauen. Meine Eltern waren prägende Persönlichkeiten.
Welche Werte aus Ihrer Kindheit tragen Sie bis heute?
Kelly: Als Erstes fällt mir die Nächstenliebe ein. Meine Eltern waren sehr offen und sie hatten ein offenes Haus. Wir hatten europäische Prinzen zu Gast – ohne Witz – bis hin zum Clochard, den Menschen von der Straße. Obdachlose haben bei uns am Tisch mitgegessen, und jeder wurde gleichbehandelt. Die christlichen Werte, wie zum Beispiel die Nächstenliebe, haben meine Kindheit sehr geprägt. Genauso aber auch harte Arbeit: Think Big, groß träumen, den Mut haben, groß zu träumen und dafür hart zu arbeiten. Zum Beispiel war Lügen bei uns zu Hause absolut verpönt. Es gab wenige Sachen, für die man bestraft wurde, aber Lügen gehörte dazu. Oder einem der Geschwister eine Ohrfeige zu geben oder etwas zu klauen – das war ein absolutes No-Go. Wenn so etwas herauskam, durften wir nicht mit unseren Freunden draußen spielen; ich glaube, in Deutschland heißt das Hausarrest. Das wurde bestraft. Ansonsten sind wir als Kinder sehr frei gewesen.
Welche Phasen dieser Zeit haben Sie eher als belastend erlebt?
Kelly: Einerseits fand ich das Reisen sehr schön und es war toll, in der nächsten Stadt immer wieder neue Kinder kennenzulernen. Andererseits habe ich genau das als belastend empfunden: Sobald wir Freunde gewonnen hatten, mussten wir wieder weiter. Diese Freunde immer wieder zurückzulassen, das hat geschmerzt. Die Familie war über zehn, fünfzehn Jahre hinweg immer wieder auf Achse – selbst wenn wir teilweise bis zu zwei Jahren in einem Land gelebt haben. Meine Eltern wollten, dass wir die jeweilige Sprache lernen, die Kultur verstehen, die Menschen kennenlernen. Bis heute bin ich da eine gespaltene Seele: Ich liebe das Reisen, ich liebe es, dass ich in so vielen Ländern gelebt habe, aber ich vermisse das manchmal auch. Ich beneide immer mehr Menschen, die sagen können: „Ich bin in diesem Dorf geboren, meine Oma und Uroma lebten schon hier, und ich kenne jeden in diesem Ort.“

© missio Aachen
Patricia Kelly ist seit vielen Jahren eine Botschafterin und Glaubenszeugin für missio.
Was haben Sie durch die Begegnung mit Ihrem Publikum über die Sehnsucht der Menschen gelernt?
Kelly: Das habe ich schon verstanden, als wir auf der Straße waren, noch vor den großen Erfolgen: Egal woher wir kommen, welche Hautfarbe wir haben oder welche Religion wir von zu Hause mitbekommen haben – wir haben alle die gleichen Sehnsüchte. Wir wollen alle geliebt werden, wir wollen alle lieben, wir wollen Zugehörigkeit zu einer Familie und eine Gemeinschaft. Wir brauchen das. Und wir wollen auch eine Bedeutung im Leben haben: etwas hinterlassen, das von Bedeutung ist. Im Grunde genommen will jeder Mensch gesehen werden – von Gott, aber auch von anderen Menschen. Wir wollen bedeutsam sein, nicht wichtig im Sinne von Wichtigtuerei. Der Mensch hat viele Sehnsüchte, und das habe ich durch die Musik sehr schnell verstanden: Im Kern sind wir doch alle gleich. Als wir 1982 und 1983 nach Mamas frühem Tod in den Pariser Metrostationen gesungen haben, hatten wir kein Geld. Uns ging es finanziell nicht gut und Papa war arm dran. Aber in der Metro sind wir der ganzen Welt begegnet, durch die Metro geht wirklich alles: arm und reich, Menschen aus allen möglichen Ländern und jeder Altersklasse. Eines haben wir dort gelernt: Wenn etwas authentisch ist und vom Herzen kommt, kommt unsere Musik bei jedem Menschen gut an. Die Leute spüren das einfach.
Welche Kraft hat die Musik für Sie?
Kelly: Sie hat in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. Ich bin als kleines Kind damit großgeworden. Es gab sehr viel fröhliche Musik, aber auch traurige. Es wurde gelacht und getanzt zur Musik, aber es wurde auch mit Musik getrauert, wenn jemand gestorben ist. Mir wurde beigebracht, dass Musik ein Geschenk ist – und eine Art Therapie. Wenn ich meine eigenen Songs schreibe, weine ich oft dazu oder ich lache. Einen Song zu schreiben ist für mich wie eine Art Tagebuch. Und wenn ich dieses Lied dann auf der Bühne singe, erlebe ich dieses Gefühl immer wieder aufs Neue; es ist eine Art Verarbeitungsprozess. Man denkt oft, Musik sei nicht lebenswichtig, aber soweit man zurückblicken kann, gab es immer Instrumente. Und die Stimme ist ja direkt in unserem Körper eingebaut. Manchmal frage ich mich: War die Stimme vielleicht schon vor fünftausend Jahren genau das Werkzeug, mit dem die Menschen ihre Seele ausdrücken konnten? Musik berührt uns auf einer Ebene, die man mit reinen Worten oft gar nicht greifen kann.
Welche Rolle spielt Ihr Glaube im Alltag — und hat sich diese Rolle verändert?
Kelly: Als ich ein Kind war, war mir der Glaube noch nicht so bewusst. Ich bin katholisch großgeworden und habe immer geglaubt, aber im Vordergrund stand das Kindsein: Ich habe gespielt, hatte Spaß mit meinen Freundinnen und habe gesungen. Das waren die Dinge, die damals mein Herz erfüllt haben. Später, mit etwa 16 Jahren, hatte ich eine sehr tiefe spirituelle Phase, in der ich sogar überlegt habe, ins Kloster einzutreten. Seitdem hat mich das nie wieder losgelassen. Für mich gibt es keine Trennung zwischen „Glaube“ hier und „Alltag“ dort – mein Glaube ist mein Alltag, mein Glaube ist mein Leben. Ich lebe im Bewusstsein, dass dieses irdische Leben irgendwann zu Ende geht und es danach weitergeht. Der Glaube bestimmt immer mein Handeln, auch beruflich: Ich habe über die Jahrzehnte viele Projekte abgelehnt, weil sie meinen christlichen Werten widersprochen hätten. Der christliche Glaube ist mein innerer Kompass – im Privaten wie im Beruf.
Ihre Mutter starb an Brustkrebs, Sie selbst sind später an Krebs erkrankt. Hat Sie der Glaube in diesen Zeiten besonders getragen, oder haben Sie eine Glaubenskrise erlebt?
Kelly: Ich hatte in dieser Zeit tatsächlich keine Glaubenskrise – und darüber bin ich unendlich dankbar. Mir ist völlig bewusst, dass viele Menschen in harten Momenten anfangen, am Glauben zu zweifeln, und ehrlich gesagt kann ich das auch verstehen. Mir selbst ist das bisher aber nicht passiert, ganz im Gegenteil: Jede Krise in meinem Leben – darunter auch die Brustkrebserkrankung, die für mich, meinen Mann und meine ganze Familie unheimlich schwer war – hat mich letztlich nur noch tiefer im Glauben verankert.
Gehören Glaube und Zweifel zusammen? So wie Höhen und Tiefen im Leben?
Kelly: Oh ja, unbedingt! Der Glaube ist ja keine Magic Pill, durch die plötzlich alles rosarot wird. Im Gegenteil: Ich mache oft die Erfahrung, dass gerade gläubige Menschen ein sehr hartes Leben führen müssen. Der Glaube hat mir immer genau die Kraft geschenkt, die ich brauchte, um schwierigen Erlebnisse oder Krankheiten durchzustehen. Glaube ist nichts Materielles, das man wie einen Tisch anfassen kann, sondern etwas, worauf man vertrauen muss. Ich glaube, das versteht man erst richtig, wenn man selbst die Erfahrung gemacht hat, dass da plötzlich eine Kraft über einen kommt, die man aus sich selbst heraus gar nicht hätte. Man spürt: Das ist nicht meine eigene Stärke, da kommt Hilfe von irgendwoher. Natürlich lässt einen der Glaube manchmal auch im Dunkeln stehen. In solchen Momenten begreift man den Sinn einfach nicht – weder den Sinn des Lebens, noch, warum einem Menschen, den man liebt, so etwas geschieht. Das Leben bleibt ein großes Mysterium. Und doch glaube ich fest daran, dass alles eine gewisse Ordnung hat und es für alles einen Grund gibt, selbst wenn wir ihn hier auf Erden nicht begreifen können. Ich weiß eines ganz sicher: Hätte ich meinen Glauben nicht gehabt, wäre ich in meinem Leben schon mehrmals zerbrochen.
Was haben schwere Erfahrungen Sie über Gott, das Leben und sich selbst gelehrt?
Kelly: Wie soll man das am besten beschreiben? Man begreift vor allem, wie wenig man eigentlich weiß. Man entwickelt einen tiefen Respekt vor dem Leben, vor Gott, dem Schöpfer. Man merkt, dass man nur ein winziger Teil von etwas unendlich Großem ist – und doch fühle ich mich von Gott zutiefst gesehen, geliebt und geborgen. Außerdem habe ich festgestellt, dass jeder schwere Einschlag im Leben auch eine Chance für mehr Tiefe ist. Man wird gezwungen, vollkommen ehrlich mit sich selbst zu sein. Die Fassaden, die wir im Alltag aufbauen, zerfallen in solchen Momenten augenblicklich. Man wird wieder echt, man ist authentisch. Und man erkennt: Wir brauchen Gott und wir brauchen einander. Das ist keine Schwäche – es ist eine Stärke, das so zu erkennen und mit der Zeit zu lernen, Hilfe anzunehmen.
Warum engagieren Sie sich für die Brustkrebs- und Schlaganfall-Hilfe?
Kelly: Brustkrebs? Ganz klar: Meine Mutter ist daran gestorben, ich bin genetisch bedingt betroffen und war selbst erkrankt. Ich möchte anderen Frauen Mut machen, zur Vorsorge zu gehen. Denn Vorsorge kann wirklich Leben retten; sie hat auch mein eigenes Leben gerettet. Meine Mutter hatte damals diese Möglichkeiten noch nicht. Deshalb lautet mein dringender Appell an alle Frauen: Geht zur Vorsorge! Das Zweite ist die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Ich bewundere die Arbeit. Es ist eine enorm wichtige Arbeit, weil es um Awareness geht – um Bewusstsein. Schlaganfälle gehören zu den häufigsten Todesursachen, dabei ließen sich viele davon verhindern. Mein Vater war von einem Schlaganfall betroffen und ist an den Folgen seines zweiten Schlaganfalls gestorben. Auch hier gilt: Mit der richtigen Vorsorge und Aufklärung kann man Leben retten.
Haben wir verlernt damit umzugehen, dass nicht immer eitel Sonnenschein herrscht?
Kelly: Ich glaube, für meine Generation ist das alles besonders überraschend, weil wir in einer stabilen Zeit großgeworden sind. Gut, natürlich gab es immer irgendwo Kriege, aber nicht in Europa. Das ist für uns eine ganz neue Situation. Ob wir verlernt haben, damit umzugehen, weiß ich nicht. Ich glaube, wir sind noch mitten im Prozess, das überhaupt zu verdauen. Ich merke an mir selbst, dass ich mir die Nachrichten manchmal gar nicht mehr anschauen kann, weil es gefühlt nur noch schlechte oder sehr schlechte Nachrichten gibt. Das ist eine Bewährungsprobe, durch die wir in den nächsten Jahren durchmüssen. Mir tun dabei besonders die jungen Menschen leid: Unsere eigene Jugend war erheblich unbeschwerter. Wir hatten eine wunderschöne Jugend, das muss man ehrlich sagen, und das kann man von der Jugend von heute leider nicht behaupten. Aber so ist das Leben im Moment – wir müssen es wohl so annehmen, wie es ist. Wir haben keine andere Wahl, oder?
Viele Menschen suchen Orientierung. Welche Werte sind Ihnen besonders wichtig?
Kelly: Das Wichtigste ist für mich der gegenseitige Respekt: ganz egal, woher die Menschen kommen, welche Herkunft oder Hautfarbe sie haben. Begegnung auf Augenhöhe und mit Respekt ist das Fundament, das für uns alle selbstverständlich sein sollte. Gleich danach kommt die Nächstenliebe. Ohne sie hätte das Leben nur noch den Sinn, zu überleben – nach dem Motto: Der Stärkste setzt sich durch. Für mich ergibt das Leben nur dann einen Sinn, wenn man es den Mitmenschen zugewandt führt.
Was schätzen Sie an der Katholischen Kirche – und wo wünschen Sie sich Veränderung?
Kelly: Ich schätze an ihr vor allem die jahrhundertealte Tradition und Beständigkeit in einer Welt, die sich gefühlt immer schneller dreht. Sie ist für mich ein Anker, selbst wenn sie mir in manchen Punkten persönlich zu streng erscheint. Nichtsdestotrotz finde ich, dass wir einen wunderbaren Papst haben, der unheimlich viel in Bewegung setzt. Ich habe große Hoffnung für unsere Kirche und bin stolz darauf, ein Teil von ihr zu sein.
Sie engagieren sich auch für missio. Was berührt Sie an den Begegnungen mit Menschen, die unter ganz anderen Lebensbedingungen ihren Glauben leben?
Kelly: Ich bin zutiefst beeindruckt von den einzelnen Menschen in der Kirche, die ihr Leben aus tiefer Überzeugung ihrem Glauben schenken und hingeben. Sie widmen ihren ganzen Tag der Nächstenliebe und ihrem Glauben. Gerade in der heutigen Zeit, in der Vertrauen oft so schwierig geworden ist, ist missio für mich als Hilfswerk mit langer Tradition wichtiger denn je. Sie haben den direkten Kontakt zu den Menschen vor Ort und unterstützen Menschen, die ihr ganzes Leben Gott und ihren Nächsten widmen. Das sind für mich echte Vorbilder, wie Lichter in meinem Leben.
Was möchten Sie Menschen sagen, die angesichts von Krieg und Ungerechtigkeit fragen: Was kann ich als Einzelner überhaupt bewirken?
Kelly: Ganz ehrlich? Ich habe nicht auf jede Frage sofort eine Antwort. Die Frage überfordert mich fast ein bisschen, weil ich gar nicht genau weiß, was ich darauf sagen soll. Es ist eine gute, aber auch eine unheimlich schwierige Frage.



