»Wohin man blickt: Die Lage ist schwierig und bedrohlich«

Dr. Hans Bellstedt, Autor des Buches „Die Vermessung der Freiheit“, über die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens und die Widerstandskraft unseres freiheitlich-demokratischen Wertesystems.

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© James Simon

Hält Kirche für einen wichtigen Pfeiler des Zusammenlebens: Dr. Hans Bellstedt.

Von Stephan Johnen 

Die Erderwärmung ist ungebremst, die Wirtschaft droht den Bach runterzugehen, autoritäre Regierungen übernehmen weltweit das Kommando und langsam wird allen klar, dass die Rente schon seit vielen Jahren nicht mehr sicher ist; egal, was Norbert Blüm zum Mitschreiben diktiert hat. Das Wohlstandsversprechen zerbröckelt vor unseren Augen. Aber ist 2026 wirklich das Jahr des Weltuntergangs?

2025 war eine Katastrophe. Bleiben wir pessimistisch: Wie schrecklich wird 2026?
Hans Bellstedt: Konjunkturell haben wir 2025 mit einem Nullwachstum beendet. 2026 bleibt die Lage schwierig. Ob die Sonderschulden der Regierung nachhaltiges Wachstum auslösen, bleibt offen.

Wir stehen am Abgrund — und schaufeln Geld hinein?

Bellstedt: Fiskalisch führen immer höhere Schulden zu immer höheren Zinsen. Die Schuldenquote steigt auf bis zu 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit liegen wir zwar noch unterhalb von Frankreich und Italien, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass die Märkte nervös werden und die Anleihezinsen steigen. Der Zinsdienst wird bald bis zu zehn Prozent des Bundeshaushalts betragen.

Haben wir weitere Abgründe vor uns?

Bellstedt: Ja, etwa den demographischen. In den 1960er-Jahren kamen bis zu sechs Beitragszahler auf einen Rentner. Heute sind es noch etwa zwei Einzahler pro Empfänger, Tendenz sinkend. Dadurch gerät unser Rentensystem unter Druck. Auch Kranken- und Pflegeversicherung blicken in ein tiefes Loch. 

Das reicht jetzt aber mit schlechten Nachrichten, oder?

Bellstedt: Leider noch nicht. Stichwort Klima: Die Erderwärmung nimmt weiter zu, weil der CO2-Ausstoß in aufstrebenden Volkswirtschaften kaum sinkt. Schließlich die geopolitischen Bedrohungen: Eine Clique von autoritären Herrschern hat es sich zum Ziel gesetzt, die regelbasierte Weltordnung aus den Angeln zu heben. Allen voran Putin, gefolgt von China. Trump ist eine andere, aber ebenso bedrohliche Form des autoritären Regimes. Wir haben Erdogan in der Türkei, den Iran, Nordkorea. Die Weltordnung wird nicht mehr von großen Demokratien beherrscht, sondern bis auf weiteres geben autoritäre Regierungen den Ton an. Dadurch geraten wir als Europäer massiv unter Druck. Wohin man blickt: Die Lage ist extrem schwierig und bedrohlich.

Krisen gab es schon immer. Oder stehen wir vor einer bislang einzigartigen Ballung?

Bellstedt: Geopolitische Friktionen kennzeichnen die Geschichte seit Jahrtausenden. Auch autoritäre Regime sind nicht neu. Dass sich diese aber weltweit mit erschreckendem Tempo ausbreiten – das ist neu. Und darauf sind wir nicht trainiert.

Die Demokratie scheint offensichtlich nicht mehr sexy zu sein. Warum lassen wir uns nicht auf den Flirt mit autoritären Populisten ein?

Bellstedt: Weil einzig die Demokratie der Garant dafür ist, dass wir frei von Willkür, Unterdrückung und Misshandlung leben können. Ich möchte niemals darauf verzichten, Menschenwürde einklagen zu können. Wir dürfen die Freiheit, diese große Errungenschaft der Aufklärung, niemals preisgeben. Offenheit, Respekt vor dem Individuum sowie die Autonomie des Willens machen unsere Gesellschaft aus. Das müssen wir verteidigen – aber es verteidigt sich nicht von selbst. 

Wer ist der weiße Ritter, der uns zur Hilfe eilt?

Bellstedt: Die offene Gesellschaft können wir nur selber retten, indem wir uns der totalitären Versuchung in den Weg stellen. Das Schlimme ist: Der Mensch ist verführbar. Wir sind nach Jahren der Dauerkrisen erschöpft, tief verunsichert. Diese psychologische Labilität macht uns empfänglich für vermeintlich einfache Botschaften. Das wird von den großen Vereinfachern von rechts wie von links professionell bewirtschaftet. Unter Nutzung von Social Media werden wir gezielt manipuliert und beeinflusst, öffnen uns den Verheißungen und glauben am Ende, was uns die Populisten versprechen. 

Was macht uns wieder stark?

Bellstedt: Drei Dinge: eine deutlich bessere Bildung, die Wiederherstellung wirtschaftlicher Stärke sowie eine Erneuerung unserer Diskursfähigkeit. Kritisches Denken macht uns resilient, schützt uns davor, den Vereinfachern auf den Leim zu gehen, uns in Echokammern manipulieren zu lassen.

Es gibt Regierungen, die Sie eben als autoritär beschrieben haben, die uns in Deutschland unterstellen, Zensur zu üben und die Meinungsfreiheit zu unterdrücken …

Bellstedt: Trump und Vance überziehen und haben dabei auch die Interessen der US-Plattformindustrie im Blick. Zugleich müssen wir selber aufpassen, dass wir es nicht übertreiben. Wir sind gut beraten, uns an der im Grundgesetz verankerten Meinungsfreiheit zu orientieren. Diese gilt laut Artikel 5 Absatz 2, solange das „Recht der persönlichen Ehre“ nicht verletzt wird. Derzeit sind viele Tugendwächter unterwegs, die Kritiker schnell an den Pranger stellen. Ich halte das für eine nicht ganz ungefährliche Tendenz und bedauere, dass wir in dieser Diskussion nicht in der Lage sind, die goldene Mitte zu finden. 

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© Bistum Aachen/Andreas Steindl

Marliese Kalthoff, Hauptabteilungsleiterin im Bischöflichen Generalvikariat, würdigte die Analysen von Hans Bellstedt beim Unternehmerdialog des Bistums Aachen.

Wir wollen das Richtige tun und sind bei der Umsetzung selbst extremistisch?

Bellstedt: Zumindest aktivistisch. Bei einigen Akteuren schiebt sich die Gesinnungsethik vor die Verantwortungsethik. Die pure Gesinnung sollte aber nie alleiniger Maßstab für politisches Handeln sein, weder in der Klima- noch in der Außen- oder Entwicklungspolitik.

Zurück zur schwächelnden Wirtschaft: Hat sich der langjährige Exportweltmeister Deutschland zu sehr auf vergangenen Erfolgen ausgeruht?

Bellstedt: Autos, Maschinen, Chemie – eine Zeit lang lief alles praktisch von selbst. China, aber auch andere Länder, haben zuletzt jedoch deutlich aufgeholt und uns beispielsweise bei der Elektromobilität überholt. Jetzt gerät auch noch der Freihandel aus den Fugen. Dabei stärken freier Handel und Wettbewerb immer auch die offene Gesellschaft, machen uns widerstandsfähiger. Ich warne mit Nachdruck vor Protektionismus und werbe für eine neue Leistungskultur.

Klingt schön, aber die jüngeren Generationen haben vielleicht gar keine Lust, wie ihre Eltern und Großeltern ihr Leben ganz der Arbeit zu widmen?

Bellstedt: Wir müssen ernst nehmen, was die junge Generation in den letzten Jahren durchlebt und auch durchgemacht hat. Wir dürfen die Corona-Erfahrung nicht unterschätzen. Die Gesellschaft insgesamt ist deutlich vulnerabler geworden. Vielleicht hat das auch mit der Wahrnehmung des Klimawandels zu tun. Hinzu kommt, dass das Wohlstandsversprechen vor unseren Augen zerbröckelt. Junge Menschen mit guten Abschlüssen finden plötzlich keinen Job mehr. All dies führt sicherlich dazu, dass die jüngere Generation anders auf das Thema „Wie gestalte ich mein Leben?“ blickt. Gleichzeitig erlebe ich, gerade als Arbeitgeber, erfreulich viele junge Menschen, die sich engagieren, die erstklassig ausgebildet sind, die die Extrameile gehen, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Vielleicht müssen eher wir als Generation „60plus“ unser eigenes Betriebssystem updaten, um anschlussfähig zu bleiben.

Welche Rolle kann die Kirche 2026 in und für eine Gesellschaft spielen?

Bellstedt: Ich habe zuletzt beim Weihnachtsgottesdienst in der Uckermark eine sehr schöne Erfahrung gemacht: Den Menschen stand Freude ins Gesicht geschrieben. Die christlichen Kirchen verstehen es bis heute, Menschen Halt und Orientierung zu geben, sie vermitteln Zuversicht, dass die Welt nicht untergehen wird. Deswegen halte ich Kirche für einen wichtigen Pfeiler unseres Zusammenlebens. Ich sehe mit Sorge, dass die Mitgliedschaften zurückgehen; vor allem, weil ich nicht erkennen kann, dass ein gleichwertiger Ersatz heranwächst. Es ist zu kurz gesprungen, sich über die Kirchensteuer zu beklagen. Wir sollten im Blick behalten, was man dafür auch geschenkt bekommt. Die Widerstandsfähigkeit unseres freiheitlichen Systems hat damit etwas zu tun. Wir können viel vom Staat erwarten, aber eine offene Gesellschaft wird nur überleben, wenn sie einen starken, bürgerlichen Kern hat: Familien, Schule, Nachbarschaft, Vereine, ehrenamtliches Engagement und auch Kirche. Ich würde mich freuen, wenn die Botschaft der Zuversicht wieder mehr Anziehungskraft entfaltet.

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