"Strukturwandel im Rheinischen Revier: Wie eine neue Heimat entsteht"

Der Strukturwandel im Rheinischen Revier verändert das Leben von Millionen Menschen. Zwischen Kohleausstieg und Zukunftsplänen geht es um Arbeitsplätze, Identität und Heimat.

DSC 1084

© Marco Führer

Tagebaue wie der Tagebau Hambach prägen das das Rheinische Revier. Aus ihnen sollen gewaltige Seen werden.

Flugtaxis und Drohnen, die Medikamente nach Hause liefern. Rechenzentren für Künstliche Intelligenz und ein Robotik-Forschungscampus. Windparks, die grünen Wasserstoff erzeugen und so den Verkehr antreiben. Drei von Menschenhand geschaffene Seen, die mit ihrer Größe selbst natürliche Gewässer in den Schatten stellen. Das alles gehört zum Strukturwandel im Rheinischen Revier. Es klingt nach Zukunft.

Die Zukunftsagentur Rheinisches Revier, die den Strukturwandel koordiniert, wirbt mit dem Slogan „Wir sind im Wandel“. Eine passendere Zeitform: Keine Zukunft also, sondern Gegenwart. Eine Gegenwart, die 2,5 Millionen Menschen im Rheinischen Revier betrifft. Der größte Teil davon, 60 Prozent etwa, lebt auf dem Gebiet des Bistums Aachen. Mit dem Erzbistum Köln teilt es sich die drei Tagebaue des Reviers: Hambach, Garzweiler, Inden. Schon in wenigen Jahren sollen aus den großen Löchern stattliche Seen werden. 

Das schürt die Hoffnung der verschuldeten Anrainerkommunen, die sich Einnahmen durch Tourismus versprechen und lange nicht nutzbares Land zurückgewinnen wollen. Die alten Braunkohlestädte wollen sich komplett neu erfinden – klimafreundlicher, moderner und attraktiver werden. Vision und Alltag sind aber nicht das Gleiche. Was bringt der Strukturwandel den Menschen, die heute hier leben und denen, die morgen hier leben wollen?

DSC08074

© Marco Führer

In die Dörfer am Tagebau Garzweiler kehrt das Leben zurück. In der Kapelle in Alt-Berverath etwa finden wieder Andachten statt.

Die Braunkohle bedeutete für viele Wohlstand. Sie finanzierte Familien, Sport-, Schützen- und Karnevalsvereine. Menschen sind mit Namen wie Rheinbraun und RWE groß geworden, mit Kraftwerken, Brikettfabriken und gigantischen Schaufelradbaggern. Für sie sind Barbaratag und Steigerlied mehr als Folklore. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass die Kohle Konflikte ins Revier gebracht hat. Sie hat Dörfer und Natur zerstört, das Klima aufgeheizt, Menschen gegeneinander aufgewiegelt. Ihr sind historische Bauten wie der Immerather Dom zum Opfer gefallen.

Die Folgen zeigen sich in Dörfern wie Alt-Berverath bei Erkelenz. Das Dorf sollte dem Tagebau Garzweiler weichen. Die Menschen zogen weg, ließen Häuser und Erinnerungen zurück. Dann entschloss sich die nordrhein-westfälische Landesregierung, bis 2030 aus der Braunkohle auszusteigen. Und jetzt gibt es zaghafte Lebenszeichen – in Form des Treffpunkts Café Nr. 5 und in Form von ehemaligen Anwohnern, die ihre verlassenen Häuser zurückkaufen. Sogar in der kleinen Kapelle herrscht wieder Leben. Einmal im Monat findet eine Andacht statt, an der etwa zehn Menschen teilnehmen.

Viele Engagierte machen sich Gedanken, wie die in Dörfern wie Alt-Berverath weggebrochenen Strukturen neu entstehen können und wer dafür die Verantwortung übernimmt. Burchard Schlömer, der sich im Bischöflichen Generalvikariat mit Umweltfragen beschäftigt und bei der Initiative „Revier WIRd Region“ engagiert ist, sieht eine große Chance für die Kirche. „Wenn die Kommune die Wiederbesiedlung in Angriff nimmt, wie soll Kirche da sein? Wie kümmert sie sich künftig um die Menschen?“, sagt Schlömer. „Sie kann eine Beteiligung der Menschen am Strukturwandel ermöglichen.“

DSC06739

© Marco Führer

Noch sorgen Kohlekraftwerke für Energie im Revier. Doch der Anteil von Strom aus erneuerbaren Quellen wie Windkraft wächst.

Ein wiederbelebtes Dorf ist nur eine Seite des Strukturwandels. Für viele Menschen entscheidet sich die Zukunft der Region daran, ob sie hier weiterhin ihren Lebensunterhalt verdienen können. Die deutschen Steuerzahler finanzieren den Strukturwandel mit 40 Milliarden Euro, fast 15 Milliarden davon fließen ins Rheinische Revier. Sie sollen auf dem Weg zu einem ambitionierten Ziel helfen: die Wirtschaft im Revier umzugestalten und 27.000 Arbeitsplätze zu schaffen. 

„Die Menschen im Revier brauchen aber nicht nur neue Arbeitsplätze. Sie brauchen gute Arbeit. Sie brauchen sinnstiftende Arbeit, bei der sie Selbstwirksamkeit erfahren“, sagt Anna Schlütz, Referentin bei „Revierwende“, einem Projekt des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Schlütz ist sich sicher: „Die Möglichkeiten des Strukturwandels kann die Gesellschaft nur nutzen, wenn wir schauen, was es alles zu gestalten gibt.“

Und zu gestalten gibt es viel. Sogar die Natur, die der Braunkohle weichen musste. An der östlichen Grenze des Bistums Aachen liegt die Sophienhöhe, ein künstlicher Hügel aus dem Abraum der Tagebaue. Das Unternehmen RWE Power hat diesen Hügel systematisch rekultiviert und so ein Biotop entstehen lassen, in dem etwa 3000 Tier- und Pflanzenarten leben. 50 davon sind so selten, dass sie auf der Roten Liste stehen. Zum Beispiel die Europäische Wildkatze, die Haselmaus und der Rotmilan. 

DSC00095

© Marco Führer

Tradition trifft auf Zukunft: Das Rheinische Revier ist das größte Braunkohlerevier Deutschlands.

Auch der Hambacher Forst, der historische Bürgewald, soll zum Refugium für seltene Arten werden. Lange war der kleine Wald am Tagebau Hambach ein Symbol für die Konflikte zwischen Braunkohlebefürwortern und -gegnern. Künftig steht er als geschützte Wildnis eher für Dialog statt Konflikt. Das Konzept für seinen Schutz haben die schwarz-grüne Landesregierung, die Landwirtschaft, RWE Power und Naturschützer erarbeitet. Gemeinsam. Auch das ist Strukturwandel.

Im Rheinischen Revier gibt es viele Ideen davon, wie die Zukunft aussehen kann. Doch für viele Menschen bietet der Strukturwandel nur dann eine Zukunft, wenn er Arbeit mit Sinn, eine lebenswerte Natur und Gemeinschaft schafft. Kurz gesagt: Wenn der Strukturwandel Heimat schafft. In unserer Serie „Alte Heimat, neue Heimat“ stellen wir uns der Frage, wie sich die Region verändert und was die Menschen darüber denken, was sie künftig verlieren und was sie gewinnen.

Diese Artikel sind auch nicht ganz ohne:
  • Menschen & Geschichten

    Waldbrand in Hürtgenwald: Einsatzkräfte kämpfen weiter gegen die Flammen

    Bischof Helmut Dieser besucht die Helferinnen und Helfer vor Ort und dankt ihnen für ihren unermüdlichen Einsatz. Evakuierung aufgehoben.

  • Menschen & Geschichten

    "Im Hürtgenwald war das ganze Land für die Menschen da"

    Besuch in der Brandzone: Aachens Bischof Helmut Dieser beeindruckt vom Miteinander. Dank an Helfer und Einsatzkräfte

  • Menschen & Geschichten

    Klimakrise, Krieg und Katastrophen

    Ist da noch Platz für Zuversicht?

  • Menschen & Geschichten

    »Jeder schwere Einschlag ist auch eine Chance für Tiefe«

    Die Kelly Family hat seit den 90er-Jahren fasziniert. Aufgewachsen auf der Straße als Musikerin, kein Schulbesuch – und dennoch ist Patricia Kelly erfolgreiche Musikerin und Unternehmerin.