"Für eine tragfähige Agenda braucht es Mut und Zuversicht"

Der Kulturkampf bebt. Reichweite und Aktivismus ersetzen Nachdenken und Klugheit. Marliese Kalthoff will den Brandstiftern nicht das Feld überlassen. Verantwortung ist für sie stärker denn je gefragt.

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© Bistum Aachen

Marliese Kalthoff ist Geschäftsführerin des Einhard Verlages und verantwortet die Kommunikation und Digitalisierung im Bistum Aachen

Von Marliese Kalthoff

Die Sehnsucht der Menschen, die Wirklichkeit so lange zu schönen, bis sie dem eigenen Wunsch entspricht, ist so alt wie die Menschheit. „Es ist ein schöner und gefährlicher deutscher Traum, die Realität zu ignorieren, und im Wunschland zu leben, wo es nichts kostet und wo alles glatt und hemmungsfrei zugeht“, ging der Publizist Kurt Tucholsky in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit den Deutschen hart ins Gericht.

Die Flucht vor persönlicher Verantwortung, die Erwartung an wohlfeile Wahlversprechen und einen allseits sorgenden Staat sind aktueller denn je. Weite Teile der Bevölkerung bewegt ein Anspruch, der weit weg ist vom Leistungsethos der Eltern- und Großelterngeneration. Die Staatsquote ist hoch, der Sozialstaat ebendem verschuldet, die Wirtschaft wächst seit Jahren nicht mehr. Wenn es um Europa geht, geht es eher um Bürokratie und Regelexzesse als um politische Errungenschaften und Verteidigungsfähigkeit.

Der Kulturkampf bebt. Teile der Medien ergötzen sich daran, die Spirale der Hysterie weiterzudrehen. Reichweite und Aktivismus ersetzen Nachdenken und Klugheit. Den Rest erledigt der Algorithmus. Je rüder der Ton, desto größer die Aufmerksamkeit. Unerbittlich das Moral-Barometer, das Politiker, Unternehmer und jede öffentliche Äußerung penibel vermisst. Der Kompromiss, einst als kunstfertiges Momentum der Demokratie gefeiert, wirkt inzwischen als Bedrohung der Identität. Schwarz oder weiß – für viele gibt es kein „strahlendes Grau“, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk formuliert. Der Resonanzraum geht verloren.

Deutschland in der Krise? 

Es gibt keinerlei Grund, den Abgesang anzustimmen und Brandstiftern das Feld zu überlassen. Hoffnung und Zuversicht, Verantwortung und Entscheidungsfreude sind stärker denn je gefragt. Gäbe es sie nicht schon seit mehr als hundert Jahren: Dann müsste die katholische Sozialethik heute überhaupt aufgelegt werden.

Einer lesenswerten Verortung der Menschheit haben sich jüngst zwei kluge Köpfe gewidmet, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Papst Leo XIV. in seiner epochalen Enzyklika Magnifica Humanitas und Bill Gates, Gründer von Microsoft und Mit-Begründer der Gates Foundation. Die weltweit größte Stiftung setzt sich zum Ziel, allen Menschen ein gesundes und produktives Leben zu ermöglichen. Der eine agiert aus der Kraft und Stärke des Glaubens, der andere gestärkt durch die Idee der Philanthropie.

Die Chancen und Risiken von KI

„Eine gerechte soziale Ordnung im digitalen Zeitalter ist eine, die allen einen gleichberechtigten Zugang zu Chancen garantiert (…) und Hass und Desinformation bekämpft“, fordert der Papst, die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle zu unterwerfen. Nicht der bloße Profit dürfe zum Maßstab werden, sondern die Würde eines jeden Menschen und das Wohl der Völker“. Für Leo XIV. bildet die Katholische Soziallehre ein festes Fundament: Personalität, Solidarität, Subsidiarität und das Einsetzen für ein Gemeinwohl als größerem Gut, „das allen gehört und das nur gemeinsam aufgebaut, vermehrt und bewahrt werden kann".

Diese Mahnung wirkt umso dringlicher, je schneller sich der Technologiesprung durch KI vollzieht. Gates reflektiert in einem aufschlussreichen FAZ-Gastbeitrag die Risiken und Chancen Künstlicher Intelligenz. So warnt er nicht nur vor steigender Arbeitslosigkeit und einer ungesunden Verschiebung von Einkommen und Macht, sondern auch vor den psychosozialen Folgen einer ungezügelten KI. Die Auswirkungen auf geringere Bildungsstandards und eine fehlende Urteilskraft, Wahres von Falschem zu unterscheiden, seien immens. 

Der frühere Tech-Unternehmer – „wir sind nicht vorbereitet“ - mahnt deshalb bei der Politik einen umfassenden Plan an. Einig sind sich die beiden Männer darin, dass die Religion ein „starkes Fundament für die notwendige Arbeit“ darstelle. Der Papst, so Gates, spiele bei der Lösung dieser entscheidenden Menschheitsfragen eine wichtige Rolle, weil sich Religion damit beschäftige, was den Menschen ausmacht.

Zeit also für eine überzeugende Agenda, die die Grundfesten unseres Zusammenlebens sichert und den Resonanzraum öffnet. Nur wer zuhört, kann verstehen. Oder wie es Leo XIV. zuspitzt: „Die bloße Summe von Einzelinteressen […] ist nicht in der Lage, eine bessere Welt für die gesamte Menschheit zu schaffen." Oder um es mit Kurt Tucholsky zu sagen: „Das Volk versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig.“

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