Füreinander da sein

Jürgen Wettingfeld spendete seiner Ehefrau Gerlinde eine Niere und schenkte ihr so ein neues Leben.

Kirchenzeitung Aachen, Ehepaar Wettingfeld   Z8N 0721

© Andreas Bischof

Halten zusammen in guten wie in schlechten Zeiten: Gerlinde und Jürgen Wettingfeld.

Von Chrismie Fehrmann

Es ist nichts weniger als das Geschenk des Lebens, das Jürgen Wettingfeld seiner Frau Gerlinde gemacht hat. Ohne ihn wären die Jahre nach ihrer Erkrankung weitaus schlimmer verlaufen. Dann würde sie nicht mit einem Lächeln am Tisch in Krefeld-Oppum sitzen und sich auf die nächste komplikationsfreie Reise zum Enkelkind nach England freuen. Der heute 72-Jährige hat seiner Frau (68) eine Niere gespendet und ihr damit zu einem neuen Leben verholfen.

„Einfach war es nicht. Wir haben viel überlegt und viele Tränen vergossen“, betont das Paar, das sich seinen Lebensweg über alle Hindernisse hinweg geebnet hat. „Es war jedoch keine Frage“, sagt er. „Wir wollen füreinander da sein, gemeinsam alt werden. Entsprechend lautete damals unser Trauspruch von Albert Camus und damit das Versprechen, auch in schweren Zeiten zusammenzuhalten und einander beizustehen.“

Dabei war es bereits vor der Eheschließung ziemlich klar, dass der Weg der Braut irgendwann an die Dialyse führen würde. Gerlinde Wettingfeld litt an einer sogenannten Zystenniere. Dabei bilden sich in den Nieren Zysten, kleine, mit Flüssigkeit gefüllte Bläschen, die die Funktion der Nieren mehr und mehr einschränken und schließlich zu Nierenversagen führen.

„Die Zystenniere ist genetisch bedingt“, sagt die 68-Jährige, die ihre positive Einstellung nie verloren hat. Und der damalige Bräutigam sagt noch heute: „Wenn man verliebt ist, steht man dazu. Wir passten und passen zusammen.“

Gerlinde Wettingfeld hat im Leben eher Chancen gesehen, statt Probleme aufzubauen. „Ich wollte gerne sechs Kinder bekommen. Drei sind es geworden, denn es bestand ein Gesundheitsrisiko in den Schwangerschaften wegen meiner Nierenerkrankung. Alles ging gut, die Kinder sind gesund, obwohl es beim dritten nicht mehr so einfach war.“ Ab dem 50. Lebensjahr nahm die Leistung ihrer Nieren kontinuierlich ab. Als die Schmerzattacken schlimmer wurden, wurde der Sport unmöglich. Als das Fahrradfahren zu anstrengend wurde, schaffte sie sich ein E-Bike an. „Bis ich 60 Jahre alt war, konnte ich die Dialyse vermeiden“, erzählt sie. „Dann sagten mir die Ärzte: ,Wenn Sie die Master-Feier ihrer Tochter in England miterleben wollen, geht kein Weg daran vorbei`.“ Es wurde ein schwieriger Weg mit vielen Sorgen und Nöten.

Sie kam gleichzeitig auf die Spenderliste von Eurotransplant, da sie – abgesehen von der Nierenerkrankung - gesund war. „Zweimal haben sie angerufen, zweimal hat die Niere nicht gepasst. Es war für uns sehr belastend.“

Das war der Zeitpunkt, als er entschied: „Nun ist es genug. Ich spende eine meiner Nieren. Man kann auch gut mit einer leben. Ich ließ mich dann testen und war geeignet.“ Gleichzeitig gab er sein Ratsmandat in Krefeld ab, um weniger eingespannt zu sein.

Dennoch haben sie lange überlegt. Das Paar berichtet, dass es sich um den jeweils anderen gesorgt hätte: „Was ist, wenn es mir danach gut geht und meinem Partner nicht“? lautete die entscheidende Frage. Es sind emotionale Momente, wenn das Paar aus dieser schwierigen Zeit erzählt. Auch heute noch.  

Nach der Entscheidung wurde es nicht einfacher. Die OP wurde zweimal verschoben. Dann war es an einem Montag soweit. Wir wurden beide in ein Zimmer geschoben und warteten händchenhaltend auf den Eingriff.“ Es ging alles gut. Sie zeigte nach dem Eingriff ein erleichterndes „Daumen hoch“, ihm ging es gut. Jürgen Wettingfeld war am Freitag wieder zu Hause. Seine Frau wurde nach zehn Tagen entlassen. Sie erinnert sich: „Als ich nach Hause kam, hatten Sohn und Schwiegertochter unseren Garten in ein Paradies verwandelt, in dem ich mich erholen konnte.“ Das Beste seien die ersten Spaziergänge durch die Siedlung gewesen, die sie immer mehr ausdehnen konnten. Nun hat sie drei Nieren, da die kranken nicht entfernt wurden. Sie drücken auf den Magen, so dass sie nicht viel essen kann. Der Medikamenten-Cocktail, den Gerlinde Wettingfeld täglich zu sich nehmen muss, ist umfangreich. „Er greift meinen Mineralhaushalt an. Eine Folge: Zwei neue Hüften.“ Doch die Niere funktioniert. „Als nächstes werden wir nach England reisen, ganz ohne eine Dialyse-Möglichkeit am Ort organisieren zu müssen.“

Jürgen Wettingfeld zieht das Fazit: „Wir haben viele Tränen vergossen, sind aber sehr dankbar.“  

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