"Jede Baustelle landet irgendwann im Klassenzimmer"
Demokratiebildung, Inklusion, Sprachförderung, KI - der Auftrag an die Schule wird ständig erweitert, die Ressourcen nicht, kritisiert der „Netzlehrer“.

© Oliver Forstner
Der als "Netzlehrer" bekannte Bob Blume schreibt Kolumnen für das Deutsche Schulportal und ZEIT für die Schule sowie für den Spiegel; 2022 wurde er bei den Goldenen Bloggern als Blogger des Jahres ausgezeichnet.
Von Stephan Johnen
Kirchenzeitung: Herr Blume, lockere Polemik zum Kennenlernen: Haben Sie in der Schule nicht aufgepasst, oder warum sind Sie sonst Lehrer geworden?
Bob Blume: Aufpassen hat mit Schulerfolg nur sehr wenig zu tun. Ich kann aufpassen und dann untätig bleiben, dann hilft mir die Aufmerksamkeit nichts. Ich war auf einer Waldorfschule, Ziffernnoten spielten dort lange keine Rolle. Was eine Rolle spielte, war das Eigeninteresse und die Freude am Lernen. Als ich begonnen habe zu studieren, hatte ich nicht im Sinn, Lehrer zu werden. Ich wollte mich intensiv mit den Inhalten beschäftigen, die meine Fächer bereithielten. Der Gedanke, das ich Lehrer werden könnte, kam dann später. Da wollte ich dann zeigen, dass Lernen auch mit Neugier statt mit Angst funktioniert.
Wie ist es um das Ansehen Ihres Berufes bestellt? Und warum sind Sie dennoch gern morgens zur Schule gefahren?
Blume: Ich bin nie gerne morgens in die Schule gefahren. Das war mir immer zu früh. Ernsthaft. Und für die meisten Kinder ist es das auch. Aber ich weiß, wie Sie das meinen: Wenn man merkt, welch großes Potenzial Kinder und Jugendliche haben, wenn man an sie glaubt, dann gibt das schon Hoffnung. Bei dem Ansehen ist es merkwürdig gespalten. Jeder war mal in der Schule, also ist jeder Experte. Den Witz mit ‚vormittags recht und nachmittags frei‘ höre ich bis heute und fand ihn schon damals nicht besonders lustig. Gleichzeitig erlebe ich, dass Eltern der Lehrerin ihres eigenen Kindes meist viel zutrauen. Man schimpft über „die Lehrer“ und schätzt „die Frau Müller“.
Am liebsten bin ich in die Schule gekommen, wenn es im Klassenraum knistert, wie der Soziologe Hartmut Rosa sagt. Fünfzehn Jahre Theater-AG haben mir gezeigt, wie Jugendliche über sich hinauswachsen, wenn sie etwas wirklich wollen. Die Vergangenheitsform in Ihrer Frage passt übrigens: Ich bin derzeit beurlaubt und promoviere.
Deutschland hat bei PISA erneut schwach abgeschnitten. Was läuft grundlegend falsch, was ist wirklich neu – und ist der Verweis auf Corona, Lehrermangel oder Digitalisierung nicht zu kurz gegriffen?
Blume: Neu ist das Ausmaß. Beim Lesen erreicht inzwischen fast ein Drittel der 15-Jährigen nicht einmal die Basiskompetenzen, 2022 war es noch ein Viertel. Corona, Lehrermangel und Digitalisierung erklären einiges. Sie haben aber auch einen Vorteil: Es sind Ursachen, für die niemand etwas kann. Was dazu kommt ist sicherlich die Migration, auf die zu wenig reagiert wurde, und zwar vonseiten derjenigen, die Lehrkräfte mit Expertise und Leitlinien ausstatten müssen. Das ist einer der Gründe, warum das Thema nun jene gekapert haben, die gegen Migranten polemisieren.
Die tiefere Ursache ist älter. Wir investieren an den falschen Stellen. Der Ökonom James Heckman hat gezeigt, dass sich frühe Investitionen am meisten auszahlen. In Deutschland floss das meiste Geld lange in die Gymnasien. Dazu sortieren wir nach der vierten Klasse, und zwar vor allem nach Herkunft: Sozial begünstigte Jugendliche liegen in den Naturwissenschaften 125 Punkte vor benachteiligten, im OECD-Schnitt sind es 85. Schule ist bei uns zu oft Sortiermaschine und zu selten Aufstiegsversprechen.
Warum sich trotz Reformen so wenig ändert? Weil es keinen Ort gibt, von dem aus sich alles steuern ließe. Weil Bildungsinvestitionen erst wirken, wenn die zuständigen Politiker längst nicht mehr im Amt sind. Und weil wir es nicht schaffen, das, was an ausgezeichneten Schulen funktioniert, in die Breite zu tragen. Wir brauchen nicht die nächste Reform, sondern den langen Atem für die richtigen.
© Oliver Forstner
Schule ist für Blume mehr als die Produktion künftiger Fachkräfte. Sie soll junge Menschen urteils- und demokratiefähig machen.
Die Politik hat klargemacht, dass sie vor allem die Eltern in der Verantwortung sieht. Was können und müssen Eltern leisten – und was eben nicht?
Blume: Der Satz des Kanzlers, man könne Bildung nicht an den Staat outsourcen, ist ja nicht falsch. Er ist nur bequem und versandet im schwarzen Loch. Natürlich sind Eltern wichtig: vorlesen, Interesse zeigen, ein Zuhause, in dem Fehler kein Drama sind. Das sage ich als Vater genauso wie als Lehrer. Aber die Eltern, die das leisten können, tun es längst. Es gibt ja nicht „die Eltern“. Die, die es nicht können, weil sie im Schichtdienst arbeiten, die Sprache noch lernen oder selbst schlechte Erfahrungen mit Schule gemacht haben, sind genau die, deren Kinder bei PISA zurückfallen. Wer auf die Eltern zeigt, verlagert Verantwortung dorthin, wo die Ungleichheit am größten ist.
Es gilt aber auch umgekehrt: Wer jede Hausaufgabe kontrolliert, am Referat mitschreibt und bei jeder Drei die Schule anruft, nimmt seinem Kind die Erfahrung, etwas selbst zu schaffen. Eltern sind keine Hilfslehrer. Ihre wichtigste Aufgabe ist Beziehung, nicht Kontrolle.
Was ist die Aufgabe von Schule? Und was verlangen wir von Lehrkräften, was ein einzelner Mensch gar nicht leisten kann?
Blume: Schule soll junge Menschen befähigen, ein gutes Leben zu führen: urteilsfähig, mit anderen verbunden, handlungsfähig in einer Demokratie. Das ist mehr als die Produktion künftiger Fachkräfte. Das Problem ist, dass wir den Auftrag ständig erweitern. Medienbildung, Demokratiebildung, Inklusion, Sprachförderung, KI – jede gesellschaftliche Baustelle landet irgendwann im Klassenzimmer. Alles davon ist richtig. Aber es kommt hinzu, ohne dass etwas wegfällt und ohne dass Zeit oder Personal mitwachsen. Lehrkräfte sollen Fachleute, Sozialarbeiter, IT-Administratoren und Verwaltungskräfte zugleich sein. So entsteht ein Dauer-Improvisationsmodus. Nicht weil die Menschen schlecht sind, sondern weil die Struktur es nicht anders zulässt.
Was würden Sie abschaffen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten? Eine Schulform, Noten, Hausaufgaben, Frontalunterricht?
Blume: Frontalunterricht hat einen schlechten Ruf, dabei ist gegen eine gute Erklärung nichts zu sagen. Problematisch wird es nur, wenn sie die einzige Form bleibt. Abschaffen würde ich die Dominanz der Noten. Sie sagen Kindern: Was du tust, ist nur etwas wert, wenn du etwas dafür bekommst. Das ist das Gegenteil von Bildung. Und weil sie das Produkt belohnen statt den Lernweg, ist es für Jugendliche völlig rational, Aufgaben an eine KI auszulagern. Das Wichtigste ist, dass das Lernen in die Schulen kommt, nicht nach Hause.
Die klassischen Hausaufgaben können weg. „Hausaufgaben sind tot“ habe ich Anfang 2023 gesagt. Heute ist das keine Zuspitzung mehr, sondern eine Beschreibung. Sie verlagern das Lernen dorthin, wo die Voraussetzungen am ungleichsten sind. Und wenn ich einen dritten Wunsch frei hätte: länger gemeinsam lernen.
Gibt es nicht auch Dinge, die Schule Kindern zumuten muss? Lernen ohne Lust, eine schlechte Note aushalten, sich einer Autorität unterordnen. Haben wir Angst, über Disziplin und Leistung zu sprechen?
Blume: Ich finde, da werden Dinge durcheinandergeworfen. Lernen ist Anstrengung, das ist klar. Wenn du in der Theater-AG die Julia spielst und vor 300 Leuten stehen wirst, dann probst du auch an Abenden, an denen du keine Lust hast. Aber du weißt, wofür. Anstrengung ist nicht das Problem, sinnlose Anstrengung ist es. Deshalb halte ich den Gegensatz zwischen moderner Pädagogik und Konsequenz für konstruiert. Wer Noten kritisiert, ist nicht leistungsfeindlich. Im Gegenteil: Wer Anstrengung und Strategie lobt statt die Zahl, bekommt am Ende auch bessere Leistungen.
Widersprechen würde ich beim Unterordnen. Autorität entsteht durch Beziehung und Kompetenz, nicht durch Unterwerfung. Das habe ich über viele Jahre genau so erfahren. Wenn die Schüler merken, dass ich fachlich gut bin und sie besser werden, wenn ich ihnen helfe, dann bekomme ich durch sie Autorität. Aber nicht nur Unterwerfung! Eine schlechte Note soll man aushalten? Selbstverständlich. Dafür braucht es keinen Anwalt, sondern Eltern, die sagen: Das war eine Arbeit, nicht dein Wert. Vor allem muss dann aber auch mehr kommen als eine Ziffer, denn die sagt sowieso meist wenig aus.
© Oliver Forstner
Lehrkräfte sollen heute Fachleute, Sozialarbeiter, IT-Administratoren und Verwaltungskräfte zugleich sein. So entstehe ein Dauer-Improvisationsmodus, sagt Blume.
Wenn Sie zehn Milliarden Euro zusätzlich für Schulen bekämen: Wofür würden Sie das Geld ausgeben?
Blume: Ganz vorne: Kitas, Grundschulen, Sprachförderung. Das ist viel Geld, aber noch zu wenig. Wir haben ja gerade einen solchen Betrag: 20 Milliarden über zehn Jahre für das Startchancenprogramm. Aber das geht an gerade mal zehn Prozent der Schulen.
In der frühkindlichen Bildung entscheidet sich, ob ein Kind lesen lernt, und wer mit zehn nicht richtig lesen kann, holt das selten auf. Dann multiprofessionelle Teams, also Sozialarbeit, Schulpsychologie und Menschen, die sich um die Technik kümmern, damit Lehrkräfte wieder unterrichten können. Und eine Lehrkräftebildung, die auf die Klassen von heute vorbereitet statt auf die von vor dreißig Jahren. Nicht finanzieren würde ich Geräte ohne Konzept und Support, Leuchtturmprojekte, die nach drei Jahren auslaufen, und KI-Detektoren. Das Startchancen-Programm zeigt, dass Geld gezielt dorthin fließen kann, wo es am meisten gebraucht wird. Davon bräuchten wir mehr.
Welche gesellschaftliche Verantwortung hat Schule bei der Vermittlung von Demokratie, Toleranz und dem Umgang mit unterschiedlichen Lebensentwürfen?
Blume: Eine enorme, weil Schule einer der letzten Orte ist, an dem alle zusammenkommen müssen. Ich nenne das die konstruktive Zumutung: mit Menschen in einem Raum zu sitzen, die anders denken, anders leben, anders glauben, und das auszuhalten. Das ist Demokratie im Kleinen. Lernen kann man sie aber nicht, indem man einen Test über das Grundgesetz schreibt, sondern indem man im ganz normalen Unterricht oder innerhalb der Schule Entscheidungen treffen darf und erlebt, dass sie Folgen haben. Wer in der Schule nie Selbstwirksamkeit erfahren hat, wird sie später in der Demokratie kaum suchen.
„Warum noch lernen?“ heißt eines Ihrer Bücher. Erklären Sie bitte den Sinn von Lernen, wenn ChatGPT jede Antwort in Sekunden geben kann.
Blume: Du spielst Fußball? Dann stell dir vor, du schickst einen Roboter auf den Platz. Vielleicht schießt er mehr Tore. Aber du stehst am Rand. Wer würde das wollen? Dort, wo wir Selbstwirksamkeit erleben, wollen wir es selbst machen. Beim Lernen ist es genauso. ChatGPT kann dir eine Antwort geben. Ob sie stimmt, ob sie zu dir passt und was daraus folgt, das kannst nur du beurteilen. Und nur, wenn du selbst etwas weißt, denn du kannst nichts prüfen, wovon du keine Ahnung hast. Wer alles auslagert, macht sich abhängig. Wer lernt, bleibt frei. Und entwickelt sich weiter. Genau wie beim Fußball, den man selbst spielt, anstatt den Roboter auf den Platz zu schicken.
Wie gehen wir mit dem Widerspruch um, dass wir eigenständiges Denken fördern wollen, Kindern aber mit der KI ein Werkzeug geben, das ihnen genau diese Denkarbeit abnehmen kann?
Blume: Indem wir ihn ernst nehmen, statt ihn wegzumoderieren. Eine große Studie aus China zeigt: Wer KI für die Hausaufgaben nutzte, bekam bessere Hausaufgabennoten und schnitt in Prüfungen deutlich schlechter ab, teils erst zwei Jahre später. Rund 80 Prozent haben das Denken ausgelagert. Knapp ein Fünftel verlor nichts, weil es die KI wie Nachhilfelehrer nutzte und nicht wie einen Ghostwriter. Es liegt nicht an der Technik, sondern an der Haltung. KI ist wie ein Navi: großartig, wenn ich weiß, wohin ich will. Sinnlos, wenn ich eine Stadt kennenlernen möchte. Das Werkzeug kommt nach dem Zweck, nie davor.
Was möchten Sie als „Netzlehrer“ bewirken, was der Lehrer im Klassenraum nicht kann?
Blume: Das ist eine schwierige Frage, zu der ich keine Daten habe, nur Anekdoten: Immer wieder nach Vorträgen kommen Leute zu mir und berichten von einer Wirkung, die sie mir zuschreiben. Viele schreiben mir, dass sie es gut finden, dass ich den Mut habe, den Finger in die Wunde zu legen.
Ich will das nicht gegen den Klassenraum ausspielen. Das wunderbare dort ist, dass ich die jungen Leute über eine lange Zeit begleite. Im Netz ist vieles flüchtig. Aber ich möchte dennoch zeigen, dass Schule anders gehen kann, und denen, die etwas verändern wollen, das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Ob ich etwas bewirke? An manchen Tagen fühle ich mich wie Sisyphos. Aber Camus hatte recht, dass man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen muss: Er weiß jederzeit, was zu tun ist. Und wenn mir Lehrkräfte schreiben, dass sie wegen eines Gedankens etwas Neues ausprobiert haben, weiß ich, wofür ich das mache.
Sie kritisieren das deutsche Bildungssystem öffentlich sehr deutlich. Wo sind Sie selbst Teil dieses Systems geworden, ohne eine Lösung zu haben?
Blume: Überall. Ich habe 15 Jahre lang Noten gegeben, Hausaufgaben aufgegeben und Klassenarbeiten gestellt, für die man am Abend vorher lernen konnte. Ich habe sortiert, obwohl ich das Sortieren für falsch halte. Das gehört zur Ehrlichkeit: Man steht nicht außerhalb des Systems, in dem man arbeitet. Ich habe versucht, innerhalb der Strukturen Räume zu öffnen, mit Blogs, Podcasts, einer Klassenarbeit mit KI. Aber ich bin nicht naiv genug zu glauben, dass man als Einzelner alles ändern kann. Was ich sagen kann ist, dass ich schon als Lehrer vieles ausprobierte, kritisierte und anders gemacht habe. Das führe ich weiter.
Lehrer, Autor, Podcaster und Influencer
Bob Blume (Jahrgang 1982) ist Lehrer, Bildungsexperte, Autor und Podcaster. Er unterrichtete 15 Jahre Deutsch, Englisch und Geschichte, zuletzt als Oberstudienrat an einem Gymnasium in Baden-Württemberg. Derzeit ist er beurlaubt und promoviert in den Erziehungswissenschaften. Als „Netzlehrer“ gehört er zu den bekanntesten Stimmen der deutschen Bildungsdebatte. Sein Buch „Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?“ stieg nach dem Erscheinen auf Platz 3 der SPIEGEL-Bestsellerliste ein.
Instagram: @netzlehrer
Podcasts: „Die Schule brennt“ (ARD Audiothek) und „Netzlehrer“
Newsletter: „Stimme für Bildungswandel“, netzlehrer.substack.com
YouTube: Bob Blume



